Vom Umgang mit Büchern: Über das Aufblicken aus Büchern

Lesen besteht aus einer Aneinanderreihung von besonderen Momenten, meint unser Kolumnist, und denkt über die Momente zwischen den Momenten nach.

Sie sitzen in einem Café, lesen ein Buch. Der schönste Moment kommt, wenn Sie aufblicken. So wie man Samstagsmorgens den Wecker, der im Arbeitstagsrhythmus um 6.00 Uhr anschlägt, glücklich ausschaltet und sich wohl zurück in den Schlaf begibt, taucht man nach dem kurzen Aufblicken in die Runde wieder in das Buch. Oder der Kopf bleibt oben, weil man lesend grade etwas erfahren hat, was einen die Welt mit anderen Augen sehen läßt. Sie erscheint – je nach Buch – tiefer, voller, schöner oder trister, toller, blöder.

Wehe dem, der in einen solchen Blick eines Lesenden gerät! Noch schlimmer ist nur, wenn die Blicke zweier Leser sich kreuzen – für Francesca und Paolo in Dantes Göttlicher Komödie war das im wahrsten Sinne des Wortes liebevolle Aufblicken aus dem Buch der Moment, in dem sich ihre Verbannung ins Fegefeuer entschied.

Um die Wirkung des bösen Buchblickes wissend, blieben meine Frau und ich strikt in getrennten Räumen als sie in einem Urlaub einmal Célines große Menschenverachtung „Reise ans Ende der Nacht“ las und ich Henry Millers illusionslosen „Wendekreis des Krebses“.

Angeblich verfliegt die Textvergiftung des Blickes ziemlich schnell, was vermeintlich durch die Tatsache nachgewiesen ist, daß literarische Weltsichten keine große Verbreitung haben, sprich: daß wenig Menschen die Welt so intensiv und komplex sehen, wie es durch Literatur möglich wird.

Mir kam neulich, als ich aus dem Buch aufsah und feststellte, daß da ein Fleck auf meinem Brillenglas die Sicht trübte, aber ein anderer Gedanke. Was, wenn die bei fast allen Lesern mit den Jahren eintretende Sehschwäche nicht auf die Kleinheit der Buchstaben zurückzuführen wäre, sondern eine auf psychosomatischen Umwegen herbeigeführte Abwehrreaktion des Körpers gegen die ständige Perspektivenveränderung wäre, das ständige Hin- und Herschauen zwischen Literatur und Welt, zwischen Lesen und Betrachten, zwischen Kunst und dem Kellner, der den Kaffee immer noch nicht gebracht hat, zwischen Francesca und Paolo und dem Paar am Nachbartisch, das sich zerfleischt. Wie sollen die Augen das aushalten?

Am Ende wird es uns wohl so gehen wie dem Kunstprofessor Timm Ulrichs, der in einer herrlichen Performance mit dem Schild herumlief: „Ich kann keine Kunst mehr sehen.“ Wir Leser haben die Wahl das Wort „Kunst“ zu ersetzen. Durch „Literatur“ oder „Welt“.

Thomas Böhm, geb. 1968 in Oberhausen, ist Programmleiter des Literaturhauses Köln. Seine Kolumne „Zum Umgang mit Büchern“ erscheint an dieser Stelle und im weltweit ausgestrahlten Radioprogramm der Deutschen Welle.

Kontakt: literaturhaus-koeln@gmx.de

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