“Riot Girls und Shopping Queens” – eine Kontrovers-Diskussion zur aktuellen Jugendliteratur

Kontrovers ist eine neue Veranstaltungsreihe der Münchner Stadtbibliothek im Kulturzentrum Gasteig, die von der Kritikerin Christine Knödler und dem Lektor Frank Griesheimer konzipiert und am Dienstagabend zum zweiten Mal moderiert wurde. Als Expertinnen waren geladen die Autorin Alexa Hennig von Lange und die Chefredakteurin des Missy-Magazine Sonja Eismann.

Der rührige Chef der städtischen Bibliotheken, Dr. Arne Ackermann, ließ es sich nicht nehmen, die Teilnehmer zu begrüßen und später noch lange bei Wein und Brezeln im Forum die Debatte in kleineren Zirkeln fortzuführen. Auch Roswitha Budeus-Budde (Jugendbuchexpertin der Süddeutschen Zeitung) und Dr. Katrin Lange vom Münchner Literaturhaus waren dabei.

Exemplarisch zur Debatte standen diese Romane aus dem derzeitigen Angebot:

Tigermilch von Stefanie de Velasco (Kiepenheuer & Witsch);
Und auch so bitterkalt von Lara Schützsack (Fischer KJB);
Eure Kraft und meine Herrlichkeit von Constanze Petery (Heyne Hardcore).

Nicht Gegenstand der Überlegungen war die Flut des „bunten Haufens von Nichtigkeiten“, wie Sylvia Mucke vom Fachmagazin Eselsohr die Flut der Schmuse-Flirt-Klamotten-Tratsch-Trallala-Mädchenbücher bezeichnet hatte. Viel drehte sich um die Frage, ob Mädchen eigentlich am liebsten Geschichten über „ganz normale Mädchen wie du und ich“ lesen oder sich auf abgedrehte Szenarien, gesellschaftliche Randexistenzen und extreme persönliche Krisen einzulassen bereit oder gar begierig sind. Auch wenn Frank Griesheimer halbernst beklagte, er habe die Diskutantinnen nicht genügend provoziert, rief die Debatte doch eine Menge interessanter Einschätzungen und Erkenntnisse hervor.

Christine Knödler stellte die Frage, ob die 14-jährigen Mädchenfiguren, die etwa spaßeshalber auf den Strich gehen, „Opfer oder Souverän“ sind. Alexa Hennig von Lange, mit ihrem Debütroman von 2001 Ich habe einfach Glück seinerzeit eine Mischung aus enfant terrible und Star, lobt die sprachlichen Qualitäten, schöne Schilderungen von Mädchenfreundschaft und Geschwisterliebe sowie manch gelungene bewegende Szene in den neuen Büchern, hält sie aber für „sehr speziell“, was die beschriebenen Erlebnisse betrifft: „Es wird so getan, als seien diese krassen Leben repräsentativ“.

Viel Pathos ist da im Spiel, wenn mit Versatzstücken wie „ich bin ein freier Mensch“ oder „autark muss ein Vogel sein, herrenlos herrlich“ der Anspruch mitschwingt, für „unsere Generation“ zu sprechen. Die sehr kenntnisreich und differenziert urteilende Sonja Eismann machte sich dafür stark, dass jungen Frauen nicht ständig vorgegaukelt werden müsse, dass sie für andere schön zu sein haben. Sie konstatierte auch eine gewisse Realitätsferne mancher schrillen Szenarien: Eltern spielen fast keine Rolle (oder wenn, nur als Versager) und so etwas wie das Wort „Arbeit“ kommt im ganzen Roman nur einmal vor. Als besonders gelungenes Beispiel stellte Alexa Hennig von Lange Das Schicksal ist ein mieser Verräter von John Green vor, in dem „Menschen wie Menschen miteinander umgehen“. Niemand würde diesen extrem erfolgreichen Roman als Mädchenbuch bezeichnen, und man hat auch viele männliche Leser bei diesem Buch weinen gesehen.

Deshalb ist es eigentlich ein Rückschritt, wenn heute wieder ohne Anführungszeichen von Mädchenbüchern die Rede ist. Kurios, dass ausgerechnet der einzige Mann auf dem Podium darauf hinwies, dass in den Verlagen eigentlich „paradiesische Zustände“ herrschten, da fast ausschließlich Lektorinnen Bücher für Mädchen zu betreuen haben. Sie sollten ihre Chancen nicht nur eindimensional, vermeintlich marktgängig, nutzen. Eine 15-jährige Leserin aus dem Publikum bekannte freimütig, dass sie sehr gerne Bücher literarisch anspruchsvolle Bücher lese, auch über hochproblematische Konstellationen, aber hin und wieder zur Entspannung auch einen richtigen Trash-Roman verschlinge. Mädchen brauchen eben mehr als Mädchenbücher.
Ulrich Störiko-Blume

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