Preis der Leipziger Buchmesse – Ein Abend mit den fünf Autoren der Belletristik-Shortlist in München

180 Münchner kamen gestern Abend ins Münchener Literaturhaus, hörten und sahen die fünf Nominierten in der Kategorie Belletristik. Der Preis der Leipziger Buchmesse wird in gut einer Woche live ebendort verliehen. Besonderer Pfiff dieses Abends: Jeder im Publikum konnte per Stimmzettel seine Stimme für einen Favoriten abgeben. Publikumsliebling in München mit großem Abstand: Teresa Präauer.

Der SWR-Redakteur Gerwig Epkes und die Journalistin Sigrid Brinkmann wechselten sich ab im Gespräch mit den Autoren. Eine hochkonzentriertes Publikum hörte gut zwei Stunden lang zu. Die Autoren lasen jeweils kurze Passagen, vor allem aber sprachen sie über sich und ihr Schreiben. Auch wenn es nicht jedem Autor gegeben ist, ein guter Leser seiner Texte zu sein – die sprachlichen Qualitäten waren gut herauszuhören. Alle fünf kann man getrost als Kandidaten betrachten.

Ursula Ackrill (Zeiden, im JanuarWagenbach) machte den Anfang. Ihre schnelle Sprechweise, ihre zarte Stimme, die vielen rollenden Rs machten es nicht leicht, ihr zu folgen. Das glich sie aber durch eine überzeugende Melange (auf gut habsburgisch gesagt) aus Charme und Ernsthaftigkeit aus, und deshalb kann man dem Urteil der Süddeutschen Zeitung zustimmen: „Die deutsche Gegenwartsliteratur hat eine neue Stimme gewonnen.“ Nach ihrer Promotion über Christa Wolf hat sie sich dem Schreiben gewidmet, aber auf ihre immer wieder sich selbst gestellte Frage: „Soll ein solcher Satz mich ernähren?“ musste sie eine Antwort wissen; drum hat sie noch ein Studium in Informationsmanagement draufgesattelt. Drei Jahre Recherche und drei Jahre Schreiben hat sie investiert, um „den Alltags des Menschseins“ in einem Monat des Jahres 1941 in Siebenbürgen unter dem Faschismus zu schildern. Die jahrhundertelang gepflegte Haltung der Siebenbürger Sachsen, sich nicht an die rumänische/ungarische Mehrheit zu assimilieren, zeigt, dass unsere heutigen Fragen von Zuwanderung und Integration keineswegs neu sind.

Mit Jan Wagner (Regentonnenvariationen Hanser Berlin) ist zum ersten Mal ein Lyriker nominiert. Bei ihm entspricht die Sprachkunst der Vortragskunst. Die vielen „Sch“s in seinem Gedicht Giersch auch zu hören, erhöht den Genuss (und den Schrecken des Gärtners) dieser „Sonett-Überwucherung“, wie Sigrid Brinkmann es charakterisiert hat. „Die unwichtigsten Dinge der Welt eignen sich besonders für Gedichte“, sagte Wagner. Er saß einmal (als Balkonbesitzer) unter Gärtnern: „Da ich nichts beitragen konnte zum Gespräch, fing ich an zu dichten.“ Mit der Erwartung, dass Gedichte das „unmittelbar Eigene“ behandeln, spielt der Dichter gern: „Das Ich ist eine Maske, die man auf- und absetzen kann.“

Norbert Scheuer (Die Sprache der VögelC.H. Beck) ist ein weiterer Autor (der auch schon als Lyriker hervorgetreten ist), der als Lebenshintergrund etwas vermeintlich völlig Unpoetisches hat: Er arbeitet als Systemprogrammierer. Und er hört den Menschen zu, häufig den Plauderern in der Cafeteria des Supermarkts in Kall/Eifel, wo er wohnt. Er lernt einen jungen Mann kennen, der als Bundeswehrsoldat in Afghanistan war. „Ich komme ja kaum aus der Eifel raus, aber der hat mich mit nach Afghanistan gerissen.“ Einen größeren Kontrast mag man sich kaum vorstellen, doch gelingt es ihm, in der vulkanischen Eifellandschaft ähnlich archaische Gegenden auszumachen wie in dem einst wunderschönen asiatischen Bergland. „Ich denke nicht in Metaphern, wenn ich einen Roman schreibe – ich erzähle. Die Metaphern werden aus dem Erzählen generiert.“

Michael Wildenhain (Das Lächeln der AlligatorenKlett-Cotta) mahnt seinen Moderator freundlich, aber bestimmt, er möge doch vor dem Publikum seinen Roman „nicht von hinten erzählen, sondern von vorn lesen.“ Ein Roman, aufgebaut wie ein Krimi, der im „Deutschen Herbst“ angesiedelt ist und über die Person eines arrivierten Neurologen eine Brücke zu den Menschenexperimente der SS-Ärzte schlägt. Eine junge Frau, die sich rührend um den behinderten Bruder der Hauptperson Matthias kümmert, gerät in gewalttätige radikale Kreise und … mehr sei nicht verraten. Wie die NS-Zeit selbst, kann man auch unter diese Phase der deutschen Geschichte keinen Schlussstrich ziehen; vielmehr ist es wohl richtig, dass man erst gut vier Jahrzehnte danach einen Roman über diese Zeit schreiben kann, der nicht sofort in ein ideologisches Umfeld gerät. Es gibt da keine nur Bösen und nur Guten, denn – so Wildenhain – „ambivalent ist nahezu jeder von uns“.

„Du bist nicht Picasso. Du wirst unter der Brücke schlafen. Und übrigens: Die Flosse hätte ich anders gemalt.“ Mit solchen Worten wird dem jungen Protagonisten von der gesamten Verwandtschaft klargemacht, dass er bloß keine Künstlerlaufbahn einschlagen soll. Teresa Präauer (Johnny und Jean Wallstein) weiß, wovon sie da spricht, hat sie doch selbst Kunst studiert und sich noch nicht entschieden, ob die Literatur oder die Illustration ihr Brotberuf werden sollen. Während ihre beiden Romanhelden gewissermaßen gegen das Stigma von Szene und Studium „in der zweitgrößten Stadt“ anleben, kann man ihrem Roman nur wünschen, dass er dieses Prädikat übertrifft. Wie die Autorin sagt: „Literatur ist ein Wachtraum, aber der kann sehr konkret sein.“

Ulrich Störiko-Blume

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