Offener Brief von Thor Kunkel an den SPIEGEL

Wie wir gemeldet hatten, wird Eichborn Berlin den von Rowohlt gestoppten Roman „Endstufe“ [mehr…] nach einem erneuten Lektorat noch in diesem Frühjahr veröffentlichen [mehr…]. Das ist auch Thema im heutigen SPIEGEL:Für den Autor Thor Kunkel Anlass zu diesem offenen Brief an das Magazin.

Sehr geehrte Herausgeber!

Ihr Artikel „Steckrüben der Stalinisten“ liefert ein völlig verzerrtes Bild meiner Person und meiner schriftstellerischen Tätigkeit. Der Beitrag von Henryk M. Broder entbehrt jeder gesicherten Textgrundlage und entpuppt sich als schludrigste Form des Journalismus. Wie ist es möglich, daß Sie so etwas drucken?

Den „Spiegel“- Lesern werden unautorisierte Text-Passagen aus längst verworfenen Manuskriptstadien zitiert. In Buchform erscheinen werden sie jedenfalls nicht. Im Fluß der Worte wird von Broder im Trüben gefischt. Mein Angebot, eine von mir autorisierte Interims-Fassung des Romans zu Verfügung zu stellen, wurde letzten Donnerstag abgelehnt. „Man habe schon genug „, so die Antwort von Spiegel-Mitarbeiterin (und Rowohlt-Autorin) Jana Hensel.

Eine Interview-Anfrage von Seiten des Spiegels gab es nicht.

Angesichts dieser Art von Journalismus, fällt es mir schwer, den Inhalt Ihrer Reportage zu kommentieren. Herr Fest, mein ehemaliger Verleger, bezieht sich in seinen Ausfällen –
anscheinend – auf einen „Werkstattbericht“, aus dem Broder genüßlich zitiert: Soundbites pur, verbale Elektroschocks. Durch eine nicht ungeschickte Textmontage wird der Eindruck erweckt, es handele sich um meine persönlichen Bekenntnisse, die ich Fest – ausgerechnet dem – anvertraut hätte. Unfug.
In Wirklichkeit handelt es sich um eine von mir Mitte 2002 geschriebene Rahmenhandlung von „Endstufe“ – die Geschichte einer abwegigen Recherche, also Prosa in Reinkultur! Der Text sollte eine eigene Ebene des Romans bilden, der die drei voluminösen Teile sozusagen „klammert“. Erst später, Anfang 2003, wurden diese „Zwischenschnitte“ aus dem auf 1000 Seiten
ausgeuferten Romans herausgelöst, und als „Materialsammlung“ zur
Vorbereitung eines möglichen „Endstufe“ begleitenden Sachbuch zusammen gefaßt.

Eine – wie ich zugeben muß – salopp formulierte E-Mail vom 11. 7. 2002 – hier nur auszugsweise wiedergegeben – an den Programmleiter M. H., belegt eindeutig mein Vorhaben:

„Werner I. brachte mich vor kurzem auf eine gute Idee, nämlich einen deutlicheren Bezug zur Gegenwart herzustellen, so wie Grass das in „Im Krebsgang“ gemacht hat, mit Neo-Nazi-Hacker-Szene und so. Gar nicht so dumm von dem alten Herrn, denn dadurch hat man den Eindruck die „Wilhem Gustloff“ wäre erst gestern untergegangen.

Mein Vorschlag wäre also die drei sehr unterschiedlich geschriebenen Teile von „Endstufe“ in ein fingiertes … Tagebuch einzuklammern, das macht das Ganze unendlich spannend.(…) Hier die Story: Ein mittelloser (…) Journalist recherchiert mit seinen Bordmitteln nach den „Sachsenwald-Filmen“, an deren Existenz er lange zweifelt. Als er sie
findet, nimmt sein Leben eine überraschende Wendung. Die Funde beunruhigen ihn, konfrontieren ihn nicht nur mit Zeitzeugen, sondern auch mit Zweifeln an der Authentizität von Geschichtsschreibung. (…) Er driftet schließlich völlig ab, und reist zum Schluß nach Argentinien, wo er – nach einem
mysteriösen Anruf – endlich den wahren Drahtzieher der Tauschgeschäfte treffen wird. Der Roman bricht an dieser Stelle ab, ein Stück „Suspense“ sollte bleiben. (…)

Es sollte ein geplantes Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit werden, ganz so wie „Blair Witch Projekt“ oder „The House of Leaves“. Es erschreckt mich zutiefst, wenn ich jetzt lese, daß Fest aus diesem als „groteskes Protokoll einer Gewissenkrise“ angelegten, fiktiven Text Sätze zitiert, die beweisen sollen, daß ich „die Wiedergeburt Parzifals als rechter Schläger“ bin.

Das passt allerdings bestens zu Broders Pandämonium von Halbwahrheiten und Gruselbildern: Mehr als einmal insinuiert Broder, ich sei Auschwitzleugner und Revisionist. Zur Klarstellung: Als deutscher Europäer, mit polnisch-französischen
Wurzeln, verheiratet mit einer Holländerin, deren Vater Widerstandskämpfer war, verurteile ich die Greuel des Nazi-Regimes, so wie jeder halbwegs vernunftbegabte Mitmensch. Ich leugne weder Auschwitz, noch pflege ich irgendeine Art des Revanchismus.

Hauptberuflich bin ich Schriftsteller. Schriftsteller, der seine Leser mit Texten zutiefst berührt – oder provoziert, das will ich gar nicht in Abrede stellen. Und so sei es auch weiterhin. Denn Literatur muß Denkanstöße geben, sonst hat sie versagt.
Ein Roman ist kein Sachbuch, schon gar kein Mittel der Konformität. In Broders Report hat man den Eindruck, Fest hätte ein „Sachbuch“ abgelehnt.

Das war nie der Fall. Ich betone es noch einmal: „Endstufe“ ist ein Roman. Beim Schreiben habe ich bewußt auf alle hinlänglich bekannten Klischees des „Genres“ verzichtet, um endlich – ENDLICH – die subtilere Form des Bösen hinter dem braunen Kolorit sichtbar zu machen. Der Roman vermittelt Einblicke in eine bis heute kaum bekannte Seite des III. Reiches, beschreibt
neben den zeitgeistlichen Strömungen auch die „geistige Wirklichkeit“ von Techno-Hedonisten, die sich durch Tauschgeschäfte von Pornofilmen in Kriegszeiten bereicherten. „Endstufe“ beschreibt auch – und das ist der
Meta-Plot des Romans – wie im moralfreien Milieu des Dritten Reiches ein entfesselter Fortschrittsglaube Gestalt annehmen konnte, der nach Kriegsende 1945 vor allem in den USA einen neuen „Nährboden“ fand. „Endstufe“ endet 1959 in Las Vegas, im Umfeld des Versuchsgeländes der Atomforschungsbehörde.

Von all dem, was in „Endstufe“ wirklich steht, findet sich leider nichts in Broders Bericht. Stattdessen die erwartungsgemäßen Anspielungen, abgeschmackte Worthülsen und brutale Diffamierungen wie die angebliche Aussage meiner früheren Lektorin, ich hielte die Vergewaltigung deutscher
Frauen für schlimmer als den Massenmord an den Juden. Man muß psychisch krank sein, um auch nur anzunehmen, daß es eine solche Vergleichsmöglichkeit gäbe. Mir käme sie jedenfalls nicht in den Sinn.

Insgesamt kann ich zu ihrem Artikel nur sagen: Die Art und Weise, wie ihr Reporter aus unautorisiertem Material zitiert, es verzerrt, entstellt und mich als verkappten Rechten und Revisionisten darstellt, ist Rufmord in Reinkultur. Das – und das sage ich hier in aller Deutlichkeit – verbitte ich mir.

Mit Herrn Broders heißen Tip, es gäbe eine in Bremen bekannte
„rechtsextreme“ Rockgruppe namens Endstufe, kann ich ebenfalls nichts anfangen.

Wir hören anscheinend nicht dieselbe Musik.

THOR KUNKEL

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