Offener Brief von Prof. Helmut Jochems…

… an den Vorsitzenden der Rechtschreibreform-Kommission Prof. Gerhard Augst

Gerhard Augst, Vorsitzender aller Rechtschreibreform-Kommissionen seit 1987, hat gerade gegenüber der Nordwest-Zeitung seine Sicht der neuesten Entwicklungen erläutert. Prof. Helmut Jochems antwortet ihm in einem „Offenen Brief“. Beide waren in den siebziger und achtziger Jahren Kollegen im Fachbereich 3 der Universität – Gesamthochschule – Siegen.

Sehr geehrter, lieber Herr Kollege Augst,

am 9. Dezember 1989 – vor fast fünfzehn Jahren – habe ich Ihnen folgendes geschrieben:

Wundert es Sie, daß gebildete Sprachbenutzer die orthografische Form ihrer Schreibe als Ausdruck der gemeinsamen Kultur und zugleich als Projektion ihrer eigenen Persönlichkeit sehen, beides Aspekte, die größte Behutsamkeit in der gewiß notwendigen weiterführenden Pflege verlangen? Wenn aber, wie die gegenwärtigen Reformvorschläge erkennen lassen, bestenfalls mit technokratischem Dilettantismus und schlimmstenfalls mit autoritärer Überheblichkeit vorgegangen wird, hat man dann Grund, über die heftigen Reaktionen überrascht zu sein? In meinen Augen ist das ganze Unternehmen so schrecklich verfehlt, daß ich mir nicht vorstellen kann, daß selbst die dickfelligste Kultusbehörde es wagen wird, damit vor die Lehrerschaft oder vor die weitere Öffentlichkeit zu treten. Auch das kommerziell denkende Bibliographische Institut wird es sich dreimal überlegen, ob es ein Wörterbuch drucken soll, das als Gegenstand allgemeinen Spottes nur Sammlerinteresse fände, während die bisher unprivilegierten Wörterbücher anderer Verlage dann die entstandene Lücke ausfüllen würden.

Wie Sie sehen, habe ich mich damals geirrt. Nun sind Sie an der Reihe. Nein, Sie klappen nicht die Aktendeckel zu, um sich nach getaner Arbeit aufs Altenteil zurückzuziehen. Zu gern hätten Sie noch viele Jahre die Deutschschreibenden nach Ihrer Pfeife tanzen lassen, und die Kultusministerkonferenz war ja schon bereit, Ihnen wirkliche Macht zu übertragen. Hätte nicht ein verantwortungsbewußter Politiker Anfang Januar die geheime Beschlußvorlage an die Öffentlichkeit gebracht, wäre dieser neueste Akt staatlicher Willkür sogar gelungen. Der öffentliche Aufschrei hat nicht nur dadurch einen Strich gemacht, sondern Ihre arrogante Mannheimer „Expertenrunde“ geschlossen in die Wüste geschickt. Auch den etwas demokratischer orientierten „Rat für deutsche Rechtschreibung“ wird es nicht geben. In Rechtschreibfragen wenigstens haben die Deutschen jetzt von staatlicher Gängelei die Nase voll.

An anderer Stelle meines damaligen Briefes habe ich Sie an das emanzipatorische Ethos der Wissenschaft erinnert, denn Wissenschaftler als Büttel staatlicher Machtgelüste sind ein Greuel. Sie haben in den vergangenen fünfzehn Jahren Ihren Ehrgeiz für wichtiger erachtet als die wissenschaftliche Redlichkeit. Noch Ihre Erklärung zum Abschied aus Ihrem privilegierten Stand strotzt von Unwahrheiten, mit denen Sie sich angesichts der blamablen Umstände des Endes Ihrer Rechtschreibreformerei wohl selber zu täuschen vermögen, nicht aber die deutsche Öffentlichkeit. Sie läßt sich in dieser Sache nicht mehr belügen.

Von Ihrem „ehernen Gesetz“ wonach nur mit dem Einverständnis Österreichs, der Schweiz und Liechtensteins die Rechtschreibnormalität in Deutschland wiederherzustellen sei, wußte 1998 das deutsche Bundesverfassungsgericht nichts. Nach seinem Rechtschreiburteil ist jedes deutsche Bundesland befugt, orthographische Festlegungen für seine Schulen und Behörden zu treffen – soweit sie mit Akzeptanz rechnen können. Wie das funktioniert, werden wir bald erleben.

Finstere „Beziehungsgeflechte“ stünden hinter der Gegnerschaft gegen die mißratene Rechtschreibreform, hierzulande und in den deutschsprachigen Nachbarländern? Eher kann man gespannt sein, welche Interna beim Zusammenbruch der sogenannten Rechtschreibreform an den Tag kommen. Eines ist jetzt schon klar: Seit Anfang 1998, als die KMK Ihre dringenden Änderungsvorschläge für das neue Regelwerk ablehnte, waren Sie und Ihre elf „Experten-Kollegen“ weiter nichts als die Marionetten der deutschen Kultusbürokratie. Das entlastet Sie nicht. Es bleibt aber die Frage, wie Sie diesen unwürdigen Zustand mit Ihrem akademischen Selbstwertgefühl vereinbaren konnten.

Einen orthographischen „Urmeter“ mit den „allenfalls 30 Präzisierungen und Modifikationen“ wollen Sie noch vorlegen? Ersparen Sie sich die Mühe. Als 1948 die Zwangswirtschaft zusammenbrach, blieben die Verwalter des Mangels auf ihren letzten Rationierungskarten sitzen. So wird es auch mit Ihrer staatlichen Zwangsreform gehen: Sie braucht nicht einmal „amtlich“ zurückgenommen zu werden, wenn die allgemeine Rechtschreibfreiheit wieder anbricht.

Vielleicht sollte man Ihnen und Ihresgleichen am Ende sogar dankbar sein. Es gibt leichte Erkrankungen, die gegen Schlimmeres immunisieren. Nach den Erfahrungen mit Ihrem Jahrhundertwerk werden zumindest in Deutschland staatliche Stellen es nie wieder wagen, gebildeten Bürgerinnen und Bürgern eine verhunzte Rechtschreibung aufzuzwingen.

Mit einem freundlichen und kollegialen Gruß

bin ich Ihr Helmut Jochems

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