Massive Kritik von Mit-Initiator Dr. Ulrich Wechsler am Börsenverein: Grandiose Selbstüberschätzung gefährdet das ganze Projekt

„In einem Offenen Brief an den Vorstand des Börsenvereins warnt der Mit-Initiator des für die Branche bedeutsamen Buch-Oskar-Projekts „Pegasus“, Dr. Ulrich Wechsler, vor Plänen des Verbandes, die Gala im letzten Moment in Leipzig statt München zu organisieren – mit anderen Partnern und höheren Kosten: „Sehr geehrte Damen und Herren, das Thema als solches ist nicht neu. Bereits vor mehr als 10 Jahren hatte Christian von Zittwitz angeregt, über die Verleihung eines Buchpreises nachzudenken. Eine damals von mir organisierte Gesprächsrunde stellte erste Überlegungen an, die danach leider nicht weiterverfolgt wurden. Parallel dazu fanden offensichtlich in den Jahren 1993 und 1995 auch im Vorstand des Börsenvereins ähnliche Überlegungen statt. In einer Vorstandssitzung der Stiftung Lesen hat Herr Frank Wössner über diese Überlegungen und Gespräche berichtet. Dabei verwies Herr Ulmer seinerseits auf ähnliche Überlegungen im Vorstand des Börsenvereins. Es wurde verabredet, die Sache gemeinsam zu verfolgen und die Gespräche mit der Bayerischen Staatskanzlei und dem Bayerischen Rundfunk unter Einbeziehung des Börsenvereins weiterzuführen und nach Möglichkeit zu einem positiven Abschluss zu bringen. Im Verlauf des Jahres 2000 wurde so in mehreren Gesprächsrunden unter Leitung der Bayerischen Staatskanzlei ein praktisch fertiges Konzept erarbeitet mit folgenden Eckpunkten: – Mietfreie Überlassung des Münchner Cuvillies-Theaters und Ausrichtung eines Empfangs durch die Bayerische Staatsregierung. – Übernahme der Organisation, der PR, der Betreuung der Jury durch den Börsenverein. Geschätzte Kosten dafür: ca. 500 TDM. Wegen der Finanzprobleme beim Börsenverein soll dieser Betrag durch Sponsoren aufgebracht werden. Es besteht die Chance, dass FOCUS als Gesamtsponsor auftritt, wenn die Veranstaltung in München stattfindet. Gewissermaßen in letzter Minute vor Unterzeichnung der Vereinbarung mit den vorstehend aufgeführten Bestandteilen brachte der Börsenverein plötzlich Leipzig ins Gespräch. Er gefährdet damit dieses wichtige Vorhaben ganz grundsätzlich. Ich möchte dazu folgendes ausführen: 2. Der Vorstand glaubt offensichtlich, die Finanzprobleme des Leipziger Hauses des Buches und die Existenzproblematik der Leipziger Buchmesse mit dem Buchpreis besser lösen zu können. Dies ist ein Irrtum, der das Projekt des Buchpreises elementar gefährdet, wenn nicht sogar verhindert 4. Entscheidend für die Akzeptanz des Buchpreises wird sein, dass Fernsehproduktion und Ausstrahlung der Preisverleihung höchst professionell erfolgen. Hierfür bietet der Bayerische Rundfunk mit seinem Profil als Kultursender und mit der Erfahrung aus den anderen Preisverleihungen die Gewähr. Hier kann der Mitteldeutsche Rundfunk als unterhaltungsorientierter Sender weder konzeptionell noch in der Akzeptanz der Zuschauer mithalten. In der Presse wird der MDR als „seichter Nostalgie-Sender“ beschrieben. 6. Wir brauchen einen wirksam dargestellten Buchpreis; denn die Zukunft von Literatur und Lesen wird vor dem Hintergrund der gesamten Medienentwicklung zunehmend schwierig. Die neueste Lesestudie der Stiftung Lesen zeigt keine guten Befunde. Nur drei Hinweise will ich aufführen: Im Zeitraum von 10 Jahren ist die tägliche Buchlektüre von 16 Prozent auf 6 Prozent der Erwachsenen zurückgegangen. Jugendliche haben bei der Buchlektüre zunehmend Konzentrationsprobleme; 19 Prozent statt früher 10 Prozent überfliegen Bücher nur noch. Und fast die Hälfte der Bevölkerung gehört inzwischen zu den Weniglesern (früher 1/3). 7. Die Preisverleihung braucht auch das richtige Umfeld. München ist nicht nur die bedeutendste Verlagsstadt in Deutschland, sondern neben Berlin, Hamburg und Köln auch das Zentrum der Medien insgesamt. Wenn der Buchpreis im Umfeld des Welttages des Buches ausgestrahlt wird, bedeutet dies einen zusätzlichen Schub für den Welttag. Echte Breitenwirkung erzielt mit dem Welttag bisher lediglich die Stiftung Lesen.“

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