Martina Gerckes „Wiederholungsküsschen“ – der unendlichen Geschichte nächstes Kapitel

Wie in der aktuellen BuchMarkt-Print-Ausgabe unter Klatsch und Tratsch angedeutet, hat die Flugbegleiterin Martina Gercke [mehr…] Mitte Mai ihre E-Books Holunderküsschen und Champagnerküsschen bei Amazon in einer neuen, „überarbeiteten“ Fassung herausgebracht.

Was den Käuferinnen jedoch verborgen bleibt, ist die Tatsache, dass beide Bücher vor etwa einem halben Jahr wegen Plagiatsvorwürfen vom Markt genommen wurden. Holunderküsschen erschien wegen des großen Erfolgs auch als gedrucktes Buch [mehr…]. Das Buch sollte nach dem Plagiatsfall zurückgezogen werden, bei Amazon wird es nicht mehr gelistet, im Buchhandel ist es jedoch weiter erhältlich.

Beide Chick-Lit-Bücher stellten sich als Collagen aus verschiedenen Romanen von Sophie Kinsella und Ildikó von Kürthy heraus, die unten aufgelistet sind. In Holunderküsschen wurden mehrere Dutzend Plagiatstellen aus acht Büchern gefunden, bei Champagnerküsschen konnten zahlreiche Übernahmen aus fünf Romanen dokumentiert werden. Stellenweise wurden einzelne Szenen und Dialoge übernommen, verändert und umgeschrieben, aber auch vor längeren wortwörtlichen Übernahmen schreckte die Verfasserin nicht zurück; ebenso wurden zahllose Satz-Schnipsel zu einem bunten Flickenteppich zusammengefügt.

Diese Art von Text-Collage ist nicht neu, in den USA spricht man von matching story. In einem aufsehenerregenden Fall 2006 stellte sich heraus, dass das Chick-Lit-Buch der Harvard-Studentin Kaavya Viswanathan How Opal Mehta Got Kissed, Got Wild, and Got a Life eine Nacherzählung von Megan F. McCaffertys Sloppy Firsts und Second Helpings war. Der Verleger Little, Brown & Co. hat damals beschlossen, das Buch zwar nicht aus dem Verkehr zu ziehen, aber keine „korrigierte“ Neuauflage zu drucken.

Im Internet hingegen muss nichts mühsam eingesammelt und eingestampft werden, wenn ein Buch sich als Plagiat herausstellt. Man ändert ein Wort hier, streicht eine Phrase dort und lädt einfach eine neue Fassung hoch: Fertig ist die Neuauflage! Meint man. Auf der Amazon-Plattform steht dann ein neues Veröffentlichungsdatum, aber nicht, dass es sich um die dritte, um weitere Plagiate bereinigte Auflage handelt. Immerhin weist Gercke ihr Werk als „überarbeitete Neuausgabe“ aus.

Nachdem der BuchMarkt eine umfangreiche Plagiatsdokumentation veröffentlicht und Amazon beide E-Books aus den virtuellen Regalen genommen hatte, listete Sven Schroder zunächst auf Twitter und später in seinem Chicklit-Plag-Blog http://chicklitplag.wordpress.com Anfang 2013 weitere Plagiatstellen auf. Wegen der Vielzahl der Übernahmen – und wegen eines Festplattenunfalls – konnten damals nicht alle Plagiate öffentlich dokumentiert werden. Interessanterweise sind etliche der damals veröffentlichten Übernahmen tatsächlich entfernt oder umgeschrieben worden. Aber ist es der Autorin gelungen, alle Plagiate zu beseitigen? Die überarbeitete Neuausgabe von Holunderküsschen wurde kurz nach dem Erscheinen stichprobenartig mit dem Roman Herzsprung von Ildikó von Kürthy verglichen. Erneut konnte über ein Dutzend bekannter Plagiatstellen dokumentiert werden, siehe Textvergleich hier download(textvergleich.pdf). Einige Plagiate wurden nur geringfügig von der Autorin überarbeitet, andere überhaupt nicht. Aber das scheint dem Verkauf keinen Abbruch zu tun: Aktuell befindet sich Holunderküsschen auf Platz #296 der Amazon E-Book-Bestseller-Liste, und es gibt viele positive Stimmen. Allerdings: Facebook-Freunde, Follower und Freundschaftskommentare kann man leicht und schnell zusammenstellen (lassen).

Die Online-Vermarktungsstrategie von Frau Gercke zahlt sich aus. Sie scheint ein gutes Händchen dafür zu haben und ihre Zielgruppe genau zu kennen: Facebook-Status-Updates und Likes, Twitter, Blog, Youtube-Videos, Verlosungen. Sie spielt ausgezeichnet auf der Klaviatur der Online-Selbstvermarktung und genießt sichtbar die Aufmerksamkeit, die sie dadurch bekommt. Gleichwohl: Eine wahrhaftige Autorin ist sie nicht, sondern eine „Autoren-Darstellerin“, wie Rainer Dresen treffend bemerkte.

Die dokumentierten Plagiate zeigen auf, wie sie vielleicht gearbeitet haben könnte: Zehn ausgewählte Bücher im Regal (oder vielleicht doch E-Books?), mal hier hineingegriffen, mal dort und eine Seite kopiert, die Personen und Orte und Gegenstände umbenannt: aus Burger King wird McDonalds (sic); aus Gin wird Whiskey; aus Flüge werden Züge – ein paar Wörter noch durch Synonyme ersetzt und weitere „Platzhalter“ zusammen- und umgestellt. Es verwundert sehr, dass eine derartige Montage auf reges Interesse stößt.

Mit ihren Patchworkbüchern erweist sie den seriösen Autorinnen und Autoren, die den Weg der Selbstpublikation wählen, zudem einen Bärendienst. Bücher im Selbstverlag haben längst die Schmuddelecke verlassen und finden im Netz durchaus Gehör und Anerkennung und erfahren bisweilen große Nachfrage. Durch diesen Plagiatswiederholungsfall werden bedauerlicherweise alte Vorurteile gegenüber Nichtverlagspublikationen wieder aufgefrischt: Schwächen in der Rechtschreibung, dafür aber Plagiate!

Als persönliches Fazit: Wir haben für die zwei E-Books knapp 6 € investiert – allerdings wurde der Preis für das erste „Küsschen“ nun für kurze Zeit auf 0,99 € gesenkt. (Plagiatsrabatt oder geschickte Marketing-Aktion?) Hier die derzeit aktuellen Fassungen bei Amazon. Bekommen haben wir aber nichts Originelles, sondern nur einen zweiten Aufguss von Büchern, die bereits im Regal stehen. Kann man ein plagiiertes, digitales Werk zurückgeben und das Geld zurückverlangen? Wie gehen die eigentlichen Urheberinnen damit um? Freut es sie, wenn ihre Werke als Basis für ein anderes Werk dienen – oder sind sie darüber erstaunt oder gar schockiert? Oder haben sie schwesterliches Mitleid mit ihrer Nachahmerin und verzichten auf rechtliche Schritte?

Beide Bücher, Holunder- und Champagnerküsschen sind schale Wiederholungsküsschen. Unverständlich bleibt, wie man so dreist sein kann, solche Collagen voller Plagiate gegen Geld zu verkaufen – und dann, wenn Plagiate gemeldet werden, den Text zu „überarbeiten“ und erneut auf den Markt zu bringen. Handelt es sich um „Bananen-Bücher“, die beim Kunden reifen? Immerhin: Hat man das Werk einmal gekauft, sind die „Updates“ kostenlos.

Debora Weber-Wulff und Sven Schroder

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