Hegemann, aktueller Stand. Und eine Aussicht.

Ernst Piper (Foto) war auf der Geburtstagsparty von Helene Hegemann. Er versucht, Ordnung in die Diskussion um Axolotl Roadkill zu bringen. Ein „Zwischenruf“.

Beginnen wir mit dem Positiven: Der deutsche Buchmarkt, der im neuen Jahr mit deutlichen Minuszahlen zu kämpfen hat, wird belebt vom Erstlingswerk einer jungen deutschen Autorin, deren literarisches Talent unbestreitbar ist. Es ist wohl noch nicht oft vorgekommen, dass das Buch einer zuvor unbekannten Autorin sich zum Zeitpunkt der offiziellen Buchpräsentation (neudeutsch „Book Release“) bereits in der vierten Auflage befindet. Das ist zunächst einmal den Feuilletons zu verdanken, die sich auf den Roman „Axolotl Roadkill“ gestürzt haben, als sei das die einzige literarische Novität in diesem Frühjahr. Der Furor der Beschreibung wurde von den Rezensenten gelobt, die Stilsicherheit der Dialoge, der intensive eigene Sound, Ultrasensibilität und eine „saubere Prosafläche“, ein „Kugelblitz in Prosaform“ sei dieses Buch.

Wie ein Blitz schlug dann vor 14 Tagen die Nachricht ein, dass die Autorin Textstellen

Ernst Piper

aus anderen Büchern übernommen hat und die Danksagung am Ende des Romans – gelinde gesagt – unvollständig ist. Die Stimmung schlug radikal um. Bei Amazon gibt es inzwischen 95 Kritiken, von denen 64 nur einen Stern vergeben, was die niedrigste Kategorie ist. Dieselben Zeitungen, denen bei ihren Lobeshymnen die üblichen kritischen Maßstäbe etwas aus dem Blick geraten waren, schrieben nun mit Hass und Häme über Helene Hegemann. Die „Süddeutsche Zeitung“ verstieg sich zu der Behauptung, das Buch sei keine Literatur, sondern Pornografie. Das ist nun wirklich völlig daneben. In diesem Roman gibt es das, was die Amerikaner „strong language“ nennen, einen jugendlichen Szenejargon in radikaler Zuspitzung. Mit Pornografie hat das nun aber wirklich gar nichts zu tun. Wer durch diese Lektüre sexuell erregt wird, sollte sich umgehend in psychotherapeutische Behandlung begeben. Die FAZ insinuierte gar, Hegemann habe das Buch gar nicht selbst geschrieben, vielmehr habe ihr Vater, ein bekannter Theatermann, ihr die Feder geführt. Das ist eine besonders bösartige Unterstellung, denn es liegt in der Natur der Sache, dass der Gegenbeweis kaum geführt werden kann. Niemand saß die ganze Zeit daneben, als die Autorin ihr Manuskript abgefasst hat.

Seit kurzem gibt es eine offizielle Liste der von Helene Hegemann in ihren Roman übernommenen Textstellen, jeder kann sie auf der Website des Ullstein Verlages lesen und auch herunterladen. Quantitativ fallen diese Stellen nicht ins Gewicht. Sie machen gerade mal ein Prozent des Gesamttextes aus. Aber ein Buch spielt eine besondere Rolle. 20 der 41 übernommenen Stellen stammen aus „Strobo“ von Airen, erschienen im Sukultur Verlag. Hier beschreibt ein Berliner Blogger in einer drastischen, aber letztlich unambitionierten Sprache seine Erlebnisse. Wenn man „Axolotl Roadkill“ und „Strobo“ vergleicht, wird schnell deutlich, dass es hier um unterschiedliche Stilebenen und auch um unterschiedliche Textsorten geht. Airens „Strobo“ ist kein Roman. Hegemann dagegen, die zuvor schon mit einem preisgekrönten Film und einem Theaterstück hervorgetreten war, hat ein Werk der Literatur geschaffen. Der Vorwurf, sie schildere Dinge, die sie nicht selbst erlebt hat, geht völlig an der Sache vorbei. „Axolotl Roadkill“ ist ein Roman und keine Autobiografie.

Inzwischen hat die Beschäftigung mit der causa Hegemann absurde Dimensionen angenommen. Wer ihren Namen bei Google eingibt, stößt auf 720.000 Fundstellen. Die ZEIT widmet ihr in ihrer neuesten Ausgabe einen Leitartikel, dem weitere Beiträge im Inneren des Blattes folgen, und sogar die New York Times berichtet über den Hype, der zum Selbstläufer geworden ist. Es sind Diskussionen entbrannt über die Geschichte des Plagiats, über Montageästhetik und Intertextualität, über die Unterschiede zwischen Sampling, Remix und Mashup. Und Feuilletonisten und Blogger tragen auf dem Rücken der Autorin ihre Fehden aus.

Bei der Buchpräsentation am 19. Februar rief die Verlegerin Siv Bublitz dazu auf, die Aufmerksamkeit doch wieder auf den Ausgangspunkt der ganzen Aufregung zu richten und sich dem Buch zuzuwenden. Angesichts der sich zunehmend verselbstständigenden Diskussion ein beherzigenswerter Appell. Die Veranstaltung des Ullstein Verlages trug allerdings nicht unbedingt dazu bei, diesen Appell zu unterstreichen. Sie fand in Räumen statt, in denen man vergeblich nach einem Buch gesucht hätte, in dem einst berühmten Nachtklub „Tresor“. In dem Roman spielt das „Berghain“, heute wesentlich angesagter als der „Tresor“, eine wichtige Rolle. Manche Kritiker wandten ein, dort sei die noch nicht einmal volljährige Autorin in Wahrheit nie gewesen. Insofern war die Wahl des Veranstaltungsortes für die „Book Release“ nicht unbedingt eine glückliche. Die Veranstaltung schwankte zwischen den Untiefen des Berliner Nachtklublebens und einer Atmosphäre, wie man sie von Kindergeburtstagen kennt. Harte Technorhythmen mischten sich mit rosa Luftballons und Zuckerwatte, die den Gästen am Eingang serviert wurde.

Wenn Helene Hegemann Glück hat, wird all das bald vergessen sein. Wer sich einmal frei macht von dem ganzen Bohai, der um dieses Buch entstanden ist, und es in einer ruhigen Stunde liest – und das ist es, was man mit Büchern tun sollte- , der wird feststellen, dass „Axolotl Roadkill“ kein Meisterwerk ist, aber ein starkes Stück Literatur von einer begabten jungen Autorin, von der wir wohl noch viel hören werden.

Der Literaturagent Ernst Piper lebt in Berlin. Er ist auch als Publizist und Rezensent tätig.

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