Folkert Roggenkamp widerspricht der These, dass die Verlage den Strukturwandel finanzieren: Wird es Zeit für eine eigene Interessenvertretung?

Zur WELT-Meldung vom 7. November über die aktuellen Forderungen von Thalia an seine Lieferanten (u.a. exklusiver Zugriff auf Reste und Autorenlesungen, Eröffnungsprämien für neue Filialen, Umbau-Zuschüsse) und dass damit die Verlage

Folkert Roggenkamp

den Strukturwandel gar noch finanzierten [mehr…] erreicht uns dieser Meinungsbeitrag von Folkert Roggenkamp:

Schön, dass die Geldgier von Thalia & Co. jetzt endlich zum Thema wird – nur leider irrt sich Herr Freud: Nicht die Verlage finanzieren den Strukturwandel, sondern es ist der kleine und mittlere, also der unabhängige Buchhandel, der seinen mächtigsten Gegner subventioniert.

Denn bezahlt wird von den Verlagen lediglich die Rechnung, die Thalia ihnen schreibt. Das Geld dafür jedoch kommt von den unabhängigen Buchhandlungen im Lande, denen Konditionen geboten werden, über die Thalia & Co. nur lachen können. Dabei geht es ja nicht um die Rabattsätze. Diese sind mehr oder weniger einheitlich und stossen bei der magischen 50%-Marke auf die gesetzlich festgelegten Grenzen. Es geht auch nicht – nicht nur – um Rückgaberecht, Skonto, Valuta oder Portokosten, also all die Dinge, von denen jeder Azubi weiss, dass hier Verhandlungsspielraum herrscht.

Entscheidend ist vielmehr das, was Thalia jetzt dankenswerter Weise endlich öffentlich macht: die in anderen Branchen längst übliche Forderung des Handels nach einer Beteiligung der Hersteller, hier: der Verlage, am Risiko des Handels. Und hier liegen zwischen der Marktmacht der Ketten und der der unabhängigen Buchhändler wahrlich Welten:

Bitteres Hohnlachen erntet nämlich derjenige unabhängige Buchhändler, der – wie jetzt Thalia – Regalmiete, Präsentationskosten und Neueröffnungspauschale einfordert. Ein freiwilliger Werbekostenzuschuss, zumeist in Naturalien, ist schon eine freundliche Geste, mehr geht mit Verweis auf Rendite und „Da könnte ja jeder kommen“ in der Regel nicht.

Was Thalia jetzt offensiv einfordert, ist nachvollziehbar und in anderen Branchen längst Usus. Nur: andere Branchen kennen keine Preisbindung. Thalia geniesst derzeit die Vorteile der bisher buchhandelsunüblichen flächendeckenden Marktmacht in Kombination mit den Vorteilen der buchhandelseigenen Preisbindung. Wenn ein „Mitbewerber“ auf diese Kombination setzt, handelt er zwar nicht illegal, jedoch als Mitglied im Börsenverein des deutschen Buchhandels höchst illegitim, nämlich gegen die Interessen einer grossen Mehrheit der Mitglieder.
Er kann dann nicht mehr Mitglied der buchhändlerischen Branchenorganisation sein und deren Strukturen für seine Zwecke ausnutzen.

Eine schnelle Lösung dieses Problems wird es nicht geben. Die Marktbereinigung findet mit zunehmendem Tempo statt und ihr Ende ist erst absehbar, wenn die Grossen sich gegenseitig und flächendeckend das Leben schwer machen. Der unabhängige Buchhändler, der diesen Zeitpunkt aktiv erlebt, kann sich schon mal darauf einstellen, das spätestens zu diesem Zeitpunkt der feste Ladenpreis wackeln wird. Die Frage, die sich heute stellt, betrifft tatsächlich in erster Linie die Branchenorganisation mit ihrem gemütlichen Modell aus dem 18. Jahrhundert. Kann dieses noch funktionieren, wenn die Linien nicht mehr horizontal zwischen Verlagen, Grosshändlern und Sortimentern verlaufen, sondern noch einmal vertikal zwischen Kettenbuchhandel und unabhängigem Sortiment? Wir Büchermenschen sind jetzt keine grosse Familie mehr, liebe Kollegen in den Verlagen. Thalia lehrt uns derzeit das Grausen.

Eines noch: jenen Vertriebsleitern in den grossen Verlagen, die aus vermeintlicher Not auf Thalias Drängen einzugehen geneigt sind, sei folgendes Beispiel aus der Parfümeriebranche genannt: als eine auch in Buchhandelskreisen nicht unbekannte Marke grosse französische Marke vor einigen Jahren die finanziellen Forderungen der führenden deutschen Parfümeriekette nicht erfüllen wollte, wurde sie von dieser deutschlandweit ausgelistet. Daraufhin brach der Umsatz des Herstellers in Deutschland um 40% ein. Im Folgejahr beeilte sich dieses weltweit operierende Parfümerieunternehmen, die Forderungen (die mittlerweile natürlich noch einen Schlag dreister geworden waren) umgehend zu erfüllen.

Wie der Westfale sagt: sowas kommt von sowas. [Liebe Verleger, liebe Kollegen im unabhängigen Sortiment, diese Frage ist sehr ernst gemeint und harrt dringend der Beantwortung: können und wollen wir mit denen in einem gemeinsamen Verband organisiert sein?!

Folkert Roggenlamp info@osthusbuch.de
Buchhandlung Osthus GmbH & Co. KG
Königstr.10 – 33330 Gütersloh
www.osthusbuch.de

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