Eine Kontroverse lebt wieder auf: Muss man historische Kinderbücher mit „rassistischen“ Zeilen säubern?

„Und als Fahrgast Nummer drei ist ein Negerlein dabei.“ Darf man in einem „klassischen“ Kínderbuch (Fritz Baumgarten Die Fahrt ins Wunderland) einen Satz wie diesen stehen lassen?

Terzio Verleger Ralph Möllers hatte u.a. diese Mail bekommen: „Mit Erschrecken und großer Verwunderung habe ich in dem von Ihnen veröffentlichten … Buch, herabwürdigende und rassistische Formulierungen entdeckt. Umso empörender ist es m. E., dass es sich auch noch ausgerechnet um ein Kinderbuch handelt. Bitte reagieren Sie umgehend, indem Sie das Buch aus Ihrem Programm nehmen oder anderweitig die rassistischen Äußerungen entfernen.“

Er hat inzwischen darauf geantwortet – hier der Text:

Haben Sie vielen Dank für ihre besorgte Mail, die ich für alle Empfänger dieser Antwort unten noch einmal angehängt habe. Auch mir ist an einer öffentlichen Diskussion sehr gelegen, weshalb ich auch einen Kollegen von der Branchenpresse cc: setze. Sie dürfen meine Antwort ebenfalls gerne veröffentlichen.

Sie verdächtigen uns des Rassismus weil wir ein historisches Bilderbuch von einem der bedeutendsten deutschen Kinderbuchillustratoren, Fritz Baumgarten, „ungesäubert“ veröffentlichen. Dort ist von einem „Negerlein“ die Rede. Wohlgemerkt ohne irgendwelche Beschimpfungen oder Herabsetzungen, ein schwarzes Kind (eigentlich eine Puppe, so wie auch die meisten anderen Protagonisten) das mit anderen Kindern auf eine phantastische Reise ins Wunderland geht. Im Verlauf des Buches tanzen blonde (!) Elfe, der kleine Matrose Hein und ein Elefant gemeinsam mit dem „Negerlein“ zu den Klängen einer Wichtelkapelle höchst freundlich und friedlich Ringelrein. Soweit das bukolische „Setting“, das, wenn überhaupt, eher versöhnlich, friedlich und ganz und gar unrassistisch ist. Keine Spur von einer Ausgrenzung oder Verachtung des „Negerleins“, außer dass es eben so genannt wird. Dieses Buch sollen wir aber nach Ihrer Vorstellung aus dem Programm nehmen, um uns nicht dem Verdacht der Verbreitung rassistischen Gedankengutes auszusetzen.

Sie sind, wie viele Menschen der Auffassung, dass das Wort „Neger“ oder „Negerlein“ für sich genommen bereits rassistisch sei. In den Debatten um den „Negerkuss“ oder das Kinderlied „Zehn kleine Negerlein“ wird in dieselbe Kerbe gehauen. Ich, als Verleger, halte diese Auffassung für falsch. Das Wort „Neger“ ist so wenig rassistisch wie das Wort „Jude“,„Italiener“ oder „Österreicher“. Es gibt Leute, die mögen keine „Neger“ weil sie eine dunkle Hautfarbe haben und überhaupt anders sind, das sind in der Tat Rassisten, was sie auch bleiben wenn Sie ein politisch korrektes Wort verwenden. (Was ist denn das aktuell zulässige Wort eigentlich? Das ändert sich ja auch regelmäßig). Aber um bei unserem Buch zu bleiben: Wenn die blonde Elfe und der deutsche Matrose Hein das Negerlein ausgrenzen oder beleidigen würden, wäre das in der Tat eine rassistische Aussage, die wir keinesfalls veröffentlichen würden. Es gibt übrigens noch eine Reihe weiterer Bilderbücher von Baumgarten, in denen „Negerlein“ vorkommen und niemals werden sie negativ dargestellt.

Kein Kind auf der Welt, das in einem nichtrassistischen Elternhaus aufwächst, käme aufgrund des Wortes „Negerlein“ darauf, dass es sich hier wohl um einen minderwertigen Menschen handeln muss. Es sei denn wir bringen ihm bei, dass man so einen minderwertigen Menschen nennt. Kein Mensch drückt durch den Verzehr eines „Negerkuss’“ eine rassistische Grundhaltung aus (auch der Hersteller nicht!). Bevor Sie es selbst herausfinden: Im dritten Band der Ritter Rost Serie ist in einem Liedtext von einem „Negerkuß“ die Rede. Im fünften Band kommt das Wort „Schlampe“ vor und im sechsten Band singt ein Vater sogar: „Oh diese Kinder, verflucht sei ihre Erfinder“ und trotzdem sind die Ritter-Rost-Musicals weder fremden- noch frauen- noch kinderfeindlich.

Anderes Beispiel: Darf man „schwul“ sagen? Homophobe, reaktionäre Kreise haben diesen Begriff zum Schimpfwort gemacht, Homosexuelle benutzen ihn erfolgreich zur „Gegenpropaganda“. Darf ein schwarzer Rapper sich und seine Freunde „Nigger“ nennen? Klar darf er das! In diesem Fall bin ich sogar damit einverstanden, dass ICH das nicht darf. Darf man nationale Stereotype verwenden? Nein, darf man nicht. Aber Stereotype haben auch eine wichtige Orientierungsfunktion, gerade für Kinder, vorausgesetzt, sie sind nicht abwertend á la „Polen klauen Autos“. Natürlich sind Chinesen nicht „gelb“, Indianer nicht „rot“, der Franzose nicht „frivol“ und Deutsche nicht „ordentlich“.

Fritz Baumgarten war übrigens weder Nazi noch Rassist, das Schlimmste was man über ihn sagen kann ist, dass er sich währende der Zeit des Nationalsozialismus in seine heile Welt der Elfen und Wichtel geflüchtet hat.

Kurz, wir werden seine Bücher weiterhin verlegen und nicht säubern. Nennen Sie mir „rassistische Äußerungen“ und wir werden umgehend reagieren, aber die Klassifizierung von Wörtern als „rassistisch“ reicht mir da nicht, von Beschimpfungen wie „Judenschwein“ etc. natürlich einmal abgesehen. Ich bin, zu Ihrer Beruhingung, allerdings auch der Meinung, dass man in modernen Texten Menschen mit schwarzer Hautfarbe nicht „Neger“ nennen darf.

Ich hoffe, dass ich nicht extra betonen muss, dass wir natürlich keine Rassisten sind. Der Terzio Verlag, zu dem das Imprint Titania Verlag sein einigen Jahren gehört, hat einen makellosen Ruf als Verlag von anspruchsvollen, seriösen Kindermedien. In eine politisch zwielichtige Ecke gehören wir ganz sicher nicht. Aber das wollen Sie uns vermutlich auch gar nicht unterstellen.

Bitte entschuldigen Sie die ausführliche Mail, die Sie vermutlich nicht überzeugen wird, aber ich finde es wichtig, deutlich zu machen, dass wir uns bei dem, was wir tun, etwas denken.

Es grüßt ganz herzlich Ihr

Ralph Möllers
Verleger/Geschäftsführer

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