Bilder vom Fest – und eine Rede von Friedrich Ani: Gattys Global feierte in München 20-jähriges Bestehen

Christina Gattys mit Friedrich Ani

Der Gründungstermin war damals sichtlich gut gewählt: Während des derzeit laufenden Filmfest München feierte Christina Gattys vorgestern ihr Jubiläum: Vor exakt 20 Jahren hatte sie ihre Film- und Literaturagentur gegründet und nun aus beiden Branchen Gäste zur Jubiläumsparty ins „Forum“ im Glockenbachviertel geladen.

„Lassen sie uns gemeinsam die neuen digitalen Welten erobern, die neuen Wege der Vermarktung mit Elan und Zuversicht angehen“, sagte die Firmengründerin, die kürzlich ihre Kooperation mit der Agentur Schlück bekannt gegeben hatte [mehr…]. Zu erwarten sind damit noch mehr Buchvorlagen für Filme aus beiden Agenturen. Gattys Global-Autor Friedrich Ani hielt eine witzige Rede, die nicht nur anwesende Autoren wie Kai Meyer, Agenten wie Bastian Schlück oder Schauspieler wie den Schweizer Tatort-Kommissar Stefan Gubser zum Lachen und Nachdenken brachten, sondern auch viele VerlagsmitarbeiterInnen: Nicola Bartels, Andrea Vetterle, Linda Walz (Random House), Annette Weber, Monika Neudeck (Droemer Knaur und Julia Eisele (Piper). Gesichtet auch:
Birgit Chlupacek (Travel House Media), Beate Kuckertz (dotbooks), Harald Kämmerer (Südwest), Martin Meyer-Maluck (Thomas Schlück GmbH)] und Patrick Niemeyer (Heyne).
nb
Zur Agentur: http://www.gattysglobal.de/
(Alle Fotos: Annika Treptau)

Hier die Rede von Friedrich Ani:

DIE NUMMER 1
Im Team mit Christina Gattys – Eine Betrachtung

Lange vor unserer Zeit, in jener Epoche der Menschheit, als deutschsprachige Autoren ihre Manuskripte noch mit der Hand schrieben und sie hinterher auf einer mechanischen Schreibmaschine abtippten, um sie dann, versehen mit einem ausführlichen Anschreiben, in einen großen Umschlag zu stecken und an den Suhrkamp Verlag zu schicken, lebten Agenten hierzulande noch auf Bäumen. Alle Autoren waren zufrieden in ihrer selbstbestimmten Existenz, und wenn doch mal Unzufriedenheit aufkam, schrieben sie darüber und waren wieder zufrieden. Herrliche Zeiten damals, in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, das inzwischen ewig her ist.
Manchmal weinte ein Autor, weil er keinen Vorschuss von seinem Verleger bekam.
Manchmal weinte ein Autor, weil sein Gedichtband in keiner Zeitung besprochen wurde, nicht einmal im Radio.
Manchmal weinte ein Autor, weil sein Roman, mit dem er sechs Jahre lang hart gerungen hatte, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung besprochen wurde – und zwar so hymnisch, als hätte der Autor die Schrift erfunden – und trotzdem kein Mensch das Buch kaufte.
Manchmal weinte ein Autor, weil seine Kollegen weinten.
Einige von ihnen hatten nämlich begriffen, dass sie sich nur einbildeten, zufrieden zu sein. In Wahrheit empfanden sie ein tiefes Unglück, das sie sich jedoch nicht eingestehen wollten. Auf Teufel komm raus wollten sie nicht zugeben, dass sie keine Ahnung von den Dingen außerhalb ihres Zimmers hatten. Sie dachten, ein Buch zu schreiben, sei alles. Sie glaubten, eine Rezension in der FAZ oder SZ bedeute den Durchbruch. Sie wunderten sich, dass immer dieselben Namen von Schriftstellern in der Presse auftauchten. Aus lauter Selbsthass fingen sie wieder an zu heulen. Es war ein Jammer.
Die Lage der deutschsprachigen Jungautoren entwickelte sich so unfassbar traurig, dass ein Raunen durch die Wälder ging, ein anschwellender Gesang, der damit endete, dass wie auf ein kosmisches Zeichen hin die Agenten von ihren Bäumen stiegen und in die Städte und Dörfer zogen, um sich um das verlorene, verbitterte, ahnungslose und selbstgefällige Autorenvolk zu kümmern.
Einer der Autoren war ich.
Ich lebte damals am Ende eines Tunnels. Die achtziger Jahre waren vorbei, in Berlin gab es eine Mauer weniger, nicht aber in meinem Kopf. Ohne es zu bemerken, war ich ein betonierter Autor geworden.
Da rief mir jemand im Dunkeln zu, ich solle mich an der Drehbuchwerkstatt München bewerben. Man erhält ein Jahr lang ein Stipendium und die Chance, ein Drehbuch zu entwickeln und mit Fachleuten das Handwerk des Schreibens zu erlernen. Hallo? Ein deutscher Dichter erlernt sein Handwerk nicht, er kann es!
Ich konnte es offensichtlich nicht. Trotzdem reichte ich als Bewerbung einen Entwurf ein, aus dem längst eine Kurzgeschichte hätte werden sollen. Sechs Monate später wusste ich, warum die Story auf dem Papier nicht funktionierte: sie war ein reiner Filmstoff. Wer sagt einem sowas? Also erarbeitete ich ein Drehbuch, und als das Jahr zu Ende ging und die Betreuerrunde aus Dozenten, Redakteuren, Produzenten und sonstigen Profis die Drehbücher der Stipendiaten begutachtete, sagte der unvergessene Drehbuchautor Franz Geiger zu mir: „Das hast gut hingekriegt, aber verkaufen wirst das nicht können.“
Freilich nicht. Bin ja kein Verkäufer. Und da passierte ein Wunder: Nicht von einem Baum, sondern von einem Berg (von welchem, habe ich vergessen) war eine Schweizerin heruntergestiegen und hatte direkt vor mir Halt gemacht. Halt!, rief sie, und ich blieb stehen. Ein Professor der Filmhochschule erklärte mir mehr oder weniger unmissverständlich, dass diese Frau von nun an meine Agentin zu sein habe. Ich war sofort einverstanden, denn ich habe meine lichten Momente.
Gattys also. Christina Gattys. Ein Name wie aus einem Drehbuch, einem exzellenten Drehbuch. Aber sie existiert wirklich. Sie ist wirklich aus der Schweiz, und man versteht sie trotzdem. Ihre Firma heißt „gattys global“, und dieser Name hat auf einen wie mich, den die Evolution in einem oberbayerischen Dorf ausgesetzt hat und der seit der Erwachsenenreife über Obergiesing eher selten weit hinauskommt, eine psychologisch enorm belebende Wirkung. Überhaupt gehört Christina Gattys zu jenen Menschen, in deren Nähe immer etwas geschieht, das einen aus der Lethargie haut. Für sie – so scheint mir manchmal – ist die Niedergeschlagenheit eines von sich selbst gequälten Autors nichts weiter als ein Schnupfen, den man eine Weile pampern muss, aber dann ist’s auch wieder gut.
Obwohl Schweizerin, zeichnet sie sich durch ein enorm geschwindes Wesen aus (Dass ihr Mann Schwind heißt, ist ja wohl eher Zufall, oder?). Immer tut sie was, immer knüpft sie Kontakte, nie gehen ihr die Sätze aus und nur selten gelangt ihre Menschenfreundlichkeit an ihre Grenzen. Das ist eigentlich das Erstaunlichste, das beinah Unverständliche, das Wunderbare an dieser Agentin: Dass sie auch nach zwanzig Jahren diesen Beruf immer noch ausübt.
Meiner Einschätzung nach werden Agenten von einigen Leuten in der Film- und Fernsehbranche sehr unangemessen behandelt, und das ist ein Euphemismus, weil wir ein Jubiläum feiern und uns nicht mit miesen Gedanken belasten möchten.
Nach zwanzig Jahren gattys global frage ich mich gelegentlich, an wie vielen Tagen im Jahr Christina daran denkt, auf ihren Berg zurückzukehren, um nie mehr nett sein zu müssen, bloß um irgendwelche Merchandisingrechte aus einem Vertrag gestrichen zu kriegen?
Nach zwanzig Jahren gattys global frage ich mich gelegentlich, ob ich nicht schon längst das Drehbuchschreiben hätte aufgeben sollen, bloß, um meiner Agentin all diese Verhandlungen, diese Mittag- und Abendessen, diese Blicke und Gesten, dieses Gezerre und Getue zu ersparen? Lyrik ist auch schön, und muss man nicht verfilmen.
Leider ein ganz und gar unrealistisches Szenario. Ich schreibe, weil das Schreiben mein Zuhause ist, und Christina Gattys besitzt die Gabe des Vermittelns und der Versöhnung, die man nicht verschenken darf. Und ich glaube sogar, ihre Hingabe an ihr Tun ist noch größer als alle ihre Gaben zusammen. Das außergewöhnliche Spektrum der Autoren in ihrer Agentur zeigt ihr unversiegbares Interesse für Themen und Geschichten. Was würden wir alle nur ohne sie machen?
Weinen.
So wie früher.
Vorbei!
It’s gattys-time now. Mit einer Agentin wie Christina Gattys beginnt jeden Tag die Zukunft.
In einer Zeit, in der am Anfang jedes Drehbuchs unausgesprochen die Frage steht, ob man nicht besser etwas anderes oder am besten gar nichts schreiben sollte, weil die Sendeplätze eh bis 2025 belegt seien, krempelt SIE die Ärmel hoch und motiviert ihre Autorinnen und Autoren erst recht. Obwohl: Das mit dem Hochkrempeln stimmt nicht – Christina Gattys krempelt nicht lange, sie handelt und verhandelt sofort, und noch nie hat sie einen ihrer Schützlinge schutzlos im Dschungel der Branche zurückgelassen. Um einen Satz des Dichters Albert Ostermaier abzuwandeln: Wie ein Torwart ist Christina Gattys immer da, wo es weh tut, und wie wir alle wissen, tut es auf dem Spielfeld des Spielfilms manchmal höllisch weh.
Unsere Nummer 1 hält das aus, irgendwie, seit zwei Jahrzehnten, und wird dabei allmählich unbezwingbar. Es kommen also beinharte Zeiten auf ihre gegnerischen Stürmer zu und glorreiche auf uns, die wir für immer in ihrem Team dabei sein dürfen.
Man muss sich die Autoren im Hause Gattys unbedingt als glückliche Menschen vorstellen.

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