Propyläen
Aus BuchMarkt Wiki
Der Propyläen Verlag wurde 1919 durch die Verlegerfamilie Ullstein in Berlin als Imprint für anspruchsvolle Editionen gegründet.
Seinen Namen verdankt er Johann Wolfgang von Goethe, wenn auch nur indirekt: Der Münchener Verleger Georg Müller hatte mit der Edition aufwendiger Klassiker-Ausgaben ein teures Steckenpferd. Unter diesen Editionen war eine 45-bändige Ausgabe sämtlicher Werke Goethes, die den Namen „Propyläen- Edition“ trug. Diese Bezeichnung ging zurück auf eine Zeitschrift gleichen Namens, die Goethe selbst am Ende des 18. Jahrhunderts herausgegeben hatte, um seine kunsttheoretischen Aufsätze zu publizieren.
Das griechische Wort „Propyläen“ bezeichnet die säulengetragene Vorhalle von Heiligtümern. Als Bewunderer der klassischen griechischen Kultur sah Goethe in dieser Bezeichnung den idealen Titel für eine Zeitschrift, die ihren Lesern Wissen und Weisheit vermitteln sollte. Nach Georg Müllers Tod im Jahre 1917 geriet sein Verlag in finanzielle Schwierigkeiten, was seine Nachfolger bewog, die kostspieligen Editionen klassischer Werke, darunter die „Propyläen-Edition“ der Werke Goethes, an die Ullsteins zu verkaufen. Diese wollten ihr erfolgreiches Buchprogramm erweitern und hatten das notwendige Geld, um in solch aufwendige Editionen zu investieren. Den Namen Propyläen hielten sie für bestens geeignet, ihren neuen Verlag zu zieren. Er stand hinfort für große Werke der Geschichte und Kunstgeschichte sowie für aufwendig gestaltete und sorgfältig edierte Klassiker-Ausgaben. Die Ullsteins nannten ihre neue Tochter die „Weinabteilung“ ihres Unternehmens, um den hohen Anspruch an Programm und Ausstattung deutlich zu machen.
Die zwanziger Jahre bildeten den ersten Höhepunkt des neuen Verlages. Neben zahlreichen historischen und kunstgeschichtlichen Monographien erschienen einem zehnbändige Weltgeschichte und die vierundzwanzigbändige Kunstgeschichte, die den Ruf des Verlages begründeten. Nur erstklassige Autoren wurden eingeladen, Beiträge für diese Editionen zu schreiben. Die Goethe-Edition wurde abgeschlossen, eine zweiundzwanzigbändige Schiller-Ausgabe erschien, daneben mehrbändige Ausgaben von Molière, Montaigne, Gogol, Jean Paul, Stendhal, Edgar Allan Poe, Mark Twain und zahlreichen anderen.
Nach Hitlers „Machtergreifung“ wurden die Ullsteins enteignet und ins Exil gezwungen. Während der Ullstein Verlag wegen seines jüdischen Namens in „Deutscher Verlag“ umbenannt wurde, konnte Propyläen seinen Namen behalten: Das klassische Griechenland stand nicht im Verdacht, jüdisch zu sein. Es erschienen überwiegend belanglose Werke politisch unverdächtiger Autoren, etwa ein vierbändiges Werk „Das Reich der Tiere“ oder ein Gartenlexikon. Nach dem Ende des Nazi-Regimes kehrte ein Teil der Ullstein-Familie zurück, doch der Neuanfang gestaltete sich äußerst schwierig. Die Verlagsarchive waren zerstört, viele Autoren aus der Glanzzeit der zwanziger Jahre waren tot oder im Exil, und es dauerte sieben Jahre, bis die alte Verlegerfamilie in ihre Rechte wiedereingesetzt wurde.
Doch während der fünfziger Jahre erlebten der Ullstein Verlag und Propyläen einen neuen Aufschwung. Unter dem neuen Verlagsleiter Albrecht Knaus wurde eine neue zehnbändige Weltgeschichte auf den Weg gebracht, herausgegeben von den Historikern Golo Mann und Alfred Heuß. Diese Ausgabe wird noch heute verkauft und hat eine Gesamtauflage von über 300.000 Exemplaren erreicht. Noch unter Knaus erwarb Propyläen 1959 alle Rechte am Gesamtwerk Gerhart Hauptmanns. Zu dessen 100. Geburtstag erschien 1962 eine elfbändige Ausgabe Sämtlicher Werke in einer wunderschönen bibliophilen Edition, die ebenfalls noch heute als sogenannte Centenarausgabe lieferbar ist.
1960 erwarb der Zeitungsverleger Axel Springer mit den Ullstein-Zeitungen auch die Buchverlage Ullstein und Propyläen. Mit der Berufung von Wolf Jobst Siedler im Jahre 1962 zum neuen Propyläen-Verlagschef begann die zweite Blütezeit dieses Verlagshauses. Siedler hob eine neue, achtzehnbändige Kunstgeschichte aus der Taufe, ebenso eine sechsbändige Geschichte Europas, eine zehnbändige Deutsche Geschichte und eine sechsbändige Literaturgeschichte. Alle diese Editionen waren Originalausgaben und wurden von vielköpfigen Propyläen-Redaktionen konzipiert und realisiert. Die größten Erfolge dieser Jahre waren Joachim Fests große Hitler-Biographie mit über 300 000 verkauften Exemplaren sowie die Erinnerungen und die Gefängnistagebücher Albert Speers, die beide ebenfalls mehr als 300.000 mal verkauft wurden. Ein weiterer Bestseller war Lothar Galls Bismarck-Biographie.
1979 verließ Siedler Ullstein/Propyläen, um seinen eigenen Verlag zu gründen. Nach einer Interimszeit berief Springer 1985 den Münchener Verleger Herbert Fleissner zum Teilhaber und Geschäftsführer der neugegründeten Ullstein/Langen Müller Verlagsgruppe. In der Folgezeit geriet Propyläen durch einige umstrittene Publikationen in die Schlagzeilen wie die des Historikers Ernst Nolte über den „Europäischen Bürgerkrieg“, die den sogenannten Historikerstreit auslöste, oder der heftig kritisierte, später zurückgezogene Band 9 der Propyläen Geschichte Deutschlands aus der Feder des Nachwuchshistorikers Karlheinz Weißmann, der durch Fleissner an Stelle von Hans Mommsen unter Vertrag genommen worden war.
Als neues Reihenwerk wurde die fünfbändige Propyläen Technikgeschichte entwickelt, die Anfang der 90er Jahre erschien. Fortgeführt wurden die mehrbändige Edition der Tagebücher Gerhart Hauptmanns sowie eine siebenbändige Edition der Briefe und Tagebücher Theodor Herzls. Der größte Erfolg dieser Zeit waren die Memoiren Willy Brandts, von denen über 150.000 Hardcover-Exemplare verkauft wurden.
Ende 1995 trennte sich der Axel Springer Verlag von Herbert Fleissner und übernahm Ullstein/Propyläen wieder zu hundert Prozent. Unter neuer Programmleitung traten neben die traditionellen Bereiche Geschichte, Kunst- und Kulturgeschichte, Biografien und Klassikerausgaben zusätzlich Politik und Zeitgeschichte. Dadurch wurde das Programm aktueller und populärer, ohne an Gewicht und Seriosität zu verlieren. Mit dem Buch von Helmut Kohl „Ich wollte Deutschlands Einheit“, von dem ca. 150.000 Hardcover-Exemplare verkauft wurden, gelang 1996 ein weiterer großer Erfolg. Die Tradition der Klassiker-Ausgaben wurde mit einer 16bändigen Edition der Werke des italienischen Nobelpreisträgers Luigi Pirandello wiederaufgenommen. Durch eine eigene Verlagsvorschau und die neugestalteten, unverwechselbaren Cover hat Propyläen für den Buchhandel und das Lesepublikum ein modernes, charakteristisches Gesicht erhalten.
Nach der 1999 erfolgten Umstrukturierung der Axel Springer Buchverlage zur neuen Verlagsgruppe Econ Ullstein List unter dem verlegerischen Geschäftsführer Christian Strasser wurde der Firmensitz nach München verlegt. Propyläen blieb unter der Programmleitung von Christian Seeger in Berlin.
2003 trennte sich der Springer-Konzern endgültig von seinen Buchverlagen. Sie wurden an den schwedischen Bonnier-Konzern verkauft, dessen Deutschland-Repräsentant Viktor Niemann die Verlage von München nach Berlin zurückholte und dort 2004 die Ullstein Buchverlage GmbH gründete.
