Das Sonntagsgespräch BuchMarkt und seine Leser – ein lockeres Branchengespräch

Was sind das eigentlich so für Menschen, die den BuchMarkt lesen und lieben? Wir wissen wen wir ansprechen wollen, doch wen sprechen wir wirklich an? Wir sprachen mit Rainer Moritz, Inhaber der Buchhandlungen Moritz und Lux, über die beste aller Branchen, Erfolge, Flops und unverzichtbare Ideen

BuchMarkt: Herr Moritz, vor 34 Jahren haben Sie gemeinsam mit Rosemarie Lux Ihre erste Buchhandlung gegründet. Was hat Sie in die Buchbranche getrieben?

Rainer Moritz: Wir wollten eine Alternative zu den etablierten Sortimenten bieten. Damals konnten Sie bei uns im kleinstädtischen Umfeld z.B. das Programm von Wagenbach nirgends finden, schon rororo-Titel hatten es schwer. Ohnehin gab es in den 1980er-Jahren eine ausgeprägte Gründerstimmung, auch unter Seiteneinsteigern. Rosemarie Lux als Industriekauffrau und ich mit dem zweiten Staatsexamen in BWL und Geschichte in der Tasche, das passte gut zusammen.

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Rosemarie Lux und Rainer Moritz in ihrer gemeinsamen Buchhandlung Moritz und Lux in Bad Mergentheim

Inzwischen gehören Ihnen in einem Umkreis von 50 km drei Buchhandlungen. Wie sieht Ihr Angebot heute aus?

Wir führen in Bad Mergentheim und Wertheim ein allgemeines Sortiment mit buchnahen Nonbooks, Kalendern und regionalen Geschenkartikeln. Bad Mergentheim als Kurstadt hat ein klassisches Bildungsbürgertum, dort machen wir auch die meisten Veranstaltungen. Natürlich sind wir nicht Prenzlauer Berg, aber wir versuchen immer noch, gerade auch die unabhängigen Verlage zu pflegen und ihnen Fläche einzuräumen. In Lauda liegt der Schwerpunkt wegen der geringen Ladengröße auf Bestell- und Schulbuchgeschäft.

Bis 2013 waren Sie an allen Standorten konkurrenzlos, dann hat Rupprecht drei Filialen in Baden-Württemberg geöffnet, u.a. in Bad Mergentheim. Was hat sich durch die Wettbewerbssituation geändert?

In den vergangenen drei Jahren mussten wir schon konsolidieren. Wir schaffen in unserer Kleinstadt mit 22.000 Einwohnern immer noch einen Umsatz von mehr als einer Million Euro, aber einfach war es natürlich nicht. Es hilft, dass wir vor Ort gut vernetzt sind. Man muss auch außerhalb der Buchhandlung präsent sein. Inzwischen können wir wieder über Neues nachdenken.

Wenn Sie nach neuen Ideen suchen, lassen Sie sich von BuchMarkt inspirieren?

Ja, wir lesen das Heft schon sehr, sehr lange – und mit großer Freude. Soweit ich mich erinnere, kam der erste Kontakt auf der Frankfurter Buchmesse zustande. Zu der wir übrigens mittlerweile gemeinsam mit unseren Kunden fahren, in drei Bussen.

Zwischen Tagesgeschäft, Verantstaltungen, Bustouren – wann und wo lesen Sie das Heft, gibt es ein Leseritual?

Ich nehme den BuchMarkt am Wochenende mit nachhause. Im Vergleich zu anderen Blättern verbringe ich mehr Zeit mit dem Magazin, insgesamt sicher drei Stunden. Ich lese es wirklich von vorn bis hinten, markiere oft auch Stellen und kopiere Seiten.  Es gibt so gut wie keine Ausgabe, bei der ich das nicht mache. Danach geht BuchMarkt zwischen den Mitarbeitern herum.

Welche Seiten sind es, die Sie besonders interessieren?

Die praktischen Tipps. Best Practice, das lese ich unbedingt immer. Geschichten von Kollegen – darüber, was sie und wie sie es im Alltag umgesetzt haben. Wir übernehmen auch immer mal wieder eine Idee oder Aktion, da liefert uns das Heft schon einige Anregungen.

Weitere Lieblingsrubriken?

„All die schönen Bücher“ von Ellen Pomikalko. Manchmal liest man einen vorher unbeachteten Titel nach ihrer Empfehlung doch noch. Und ist vielleicht danach tatsächlich ganz anderer Meinung als sie, das passiert durchaus auch. Besonders aufmerksam bin ich natürlich immer bei der April-Ausgabe. Die Aprilscherze sind oft so glaubwürdig, dass man erst mal grübelt – ist das jetzt erfunden oder real. Manchmal weiß man es ja nicht so ganz…

Das weiß man in den letzten Stunden des Redaktionsschlusses selbst manchmal nicht mehr. Was lässt Sie heimlich an Flucht denken?

Der Schulanfang. Dieses Jahr war das Schulbuchgeschäft besonders heftig, weil es in Baden-Württemberg einen geänderten Bildungsplan mit neuen Büchern gibt. Da kamen teilweise falsche Angaben von Schulen …

Und was hält Sie zurück?

Die Begegnungen. Unsere zahlreichen Stammkunden, die wir seit Jahrzehnten kennen. Wir sind quasi zusammen alt geworden, teilen ganze Lebensläufe. In den mehr als 30 Jahren ist eine Generation mit uns groß geworden. Es gab schon Kinder, die mit Max und Moritz nichts anfangen konnten, weil sie nur Moritz und Lux kannten. Ein Glück sind auch die Begegnungen mit Autoren, die oftmals persönlich sehr bereichern. Natürlich kann es immer einmal Stress geben – aber ich könnte den Beruf mit keinem anderen tauschen.

Welche Aktion kommt bei Ihren Kunden besonders gut an?

„Einschließen und Genießen“ läuft bei uns sehr erfolgreich, im Winter dreimal die Woche. Das funktioniert ohne große Werbung, Kunden haben nach Ladenschluss schon ihren Geburtstag bei uns gefeiert. Durchschnittlich bringt sogar jeder Abend zwischen 200-300 Euro Umsatz. Auch der „Lesekoffer“ von Ravensburger und Oetinger ist für ein Schuljahr immer gleich ausgebucht.

Und ein Flop unter den Ideen?

Leider interessieren sich bislang nur wenige Kunden für einen Besuch der Leipziger Buchmesse. Vor zwei Jahren hatten wir gerade genug Gäste für einen Bus, dieses Jahr kam die Mindestanzahl gar nicht zustande. Mit zwei Übernachtungen während der Woche fallen z.B. Lehrer schon aus.

Wenn Sie gemeinsam mit BuchMarkt zurückblicken, was ist aus Ihrer Sicht heute besser, was schwieriger als in Ihrer Anfangszeit?

Man muss schon sagen, dass die Branche wandlungsfähig ist? Wir meistern die Veränderungen durch E-Books, Amazon etc. doch ganz gut, und das Buch in Papierform hat eine Zukunft. Natürlich war man als Buchhändler nicht bei allem begeistert – die elektronischen Geräte beispielsweise haben am Anfang viel Beratung erfordert, und sie tun es noch. Am Ende kommt nur fast nicht dabei heraus. Aber es hat sich eingependelt. Das ist auch immer interessant zu lesen, dass es anderen ähnlich geht.

Gerade haben Sie den Deutschen Buchhandlungspreis 2016 erhalten. Wie wirkt sich die Auszeichnung im Alltag aus?

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Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, mit den strahlenden Gewinnern des Deutschen Buchhandlungspreises 2016

 

Wir haben uns vor allem beworben, um unsere Kunden einzubeziehen. Sie fühlen sich wirklich mitgeehrt und wissen, dass es nur geht, wenn sie zu uns halten.  In ihren Reaktionen hat sich unsere Freude gespiegelt, einige Kunden haben uns kleine Geschenke mitgebracht. Durch unsere vielen Veranstaltungen sind wir zwar ohnehin im Gespräch, aber die Auszeichnung war natürlich auch nochmal ein Anlass.

Welche Themen und Pläne beschäftigen Sie aktuell?

Die Diskussion über höhere Preise wird wichtig bleiben oder vielmehr noch wichtiger werden. Die Kosten sind auf der einen Seite gestiegen, das lässt sich auf der anderen Seite nur darüber lösen. Das ist eine Herausforderung für die nächsten Jahre. Wir wollen ja investieren und unsere Veranstaltungsreihen weiter ausbauen. Von Beginn an haben wir auch ausgebildet, nur in den vergangenen sechs Monaten erstmals ausgesetzt, weil wir nicht sicher waren, wie sich alles entwickeln wird. Jetzt suchen wir wieder. Ich sehe ganz hoffnungsfroh nach vorn.

In eine Zukunft, in der BuchMarkt Sie weiterhin begleitet?

In jedem Fall möchte ich BuchMarkt auch die nächsten Jahre, solange ich selbst noch im Buchhandel bin, nicht missen. Da würde ich ja eher wünschen, dass andere…Mir würde sonst etwas fehlen, unbedingt! Die praktischen Beispiele finde ich unverzichtbar, gleichermaßen wie die Geschichten über gesellschaftliche Trends und ihre Auswirkungen auf den kleineren und mittleren Buchhandel.

Das Interview führte Nicole Lindgens

Im vorigen Sonntagsgespräch sprachen wir mit Andreas Galensa über die Gründe und Notwendigkeit der Libri-Titelerweiterung auf 1. Mio 

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