Das Sonntagsgespräch Sven Fund über das deGruyter-Projekt „E-Books on Demand“

Der Verlag De Gruyter ermöglicht jetzt die Bestellung jedes Buches aus der gesamten, bis 1749 zurückreichenden Backlist mit über 60.000 Büchern. Jeder Titel kann sowohl elektronisch als E-Book on Demand als auch als Hardcover Reprint bezogen werden [mehr…]. Das war Anlass für Fragen an Dr. Sven Fund (Foto), den Verleger von de Gruyter.]

buchmarkt.de: Herr Fund – wie kommt man auf solche eine Idee?

Sven Fund: Aus der Praxis, die Idee zu De Gruyter e-dition kam uns bei Archivführungen hier im Haus. Die altehrwürdigen und bis unter die Decke gefüllten Regale in Fluren und Büros beeindrucken Autoren und Gäste immer sehr. Wir wollten die Faszination dieser alten Titel zunächst im Marketing nutzen.

Sven Fund
(c) Mike Minehan

buchmarkt.de: Das verstehe ich – es gibt ja nicht so viele Verlage wie De Gruyter, die über eine solch umfangreiche Backlist verfügen und die gleichzeitig alle Bücher tatsächlich auch im Haus vorrätig haben. Aber das macht man doch nicht so einfach aus dem Stand?

Sven Fund: Natürlich nicht. Parallel dazu haben wir schon in den vergangenen zwei Jahren auf die Digitalisierung unserer Inhalte gesetzt und damit sehr gute Erfolge erzielt.

buchmarkt.de: Das kostet doch…

Sven Fund: Aber bringt inzwischen nennenswerten Umsatz.

buchmarkt.de: Verraten Sie den?

Sven Fund: Über 25% unserer Gesamtumsätze machen wir mittlerweile mit elektronischen Produkten, und der Anteil wächst schnell. Das ist zwar bei internationalen Wissenschaftsverlagen nicht außergewöhnlich, hat mich angesichts unseres stark geisteswissenschaftlichen Programms aber doch überrascht.

buchmarkt.de: Wieso?

Sven Fund: Bislang hatten wir den Trend zu elektronischen Produkten überwiegend in den Naturwissenschaften wahrgenommen, aber in den Geisterwissenschaften hat jetzt ein schnelles Umdenken eingesetzt.

buchmarkt.de: Und wie ging es dann weiter?

Sven Fund: Es stellte sich die Frage, wie wir vorgehen sollten: Jahrgänge digitalisieren, ganze Reihen oder gar Programmsegmente? Das erschien uns nach Diskussion mit unseren Library Advisory Boards wenig zweckmäßig. Daher haben wir uns für ein Verfahren entschieden, das wir intern „E-Book on Demand“ genannt haben: Kunden bestellen, dann ERST beginnen wir den Digitalisierungsprozess.

buchmarkt.de: Wie lange dauert der?

Sven Fund: Bis maximal 10 Wochen, aber unsere Kunden finden eine solche Produktionszeit nicht problematisch – das ist bei Titeln von 1828 ja auch nachvollziehbar…

buchmarkt.de: Aber Sie haben sich jetzt auch für Print on Demand entschieden…

Sven Fund: Ja, weil dieses Schritt zur Verwertung im Print on Demand dann nur noch klein war, als wir die Idee E-Book on Demand für uns durchdekliniert hatten. Ich gebe zu, das war aber doch eine Leistung, auf die wir stolz sind: In nur zwei Monaten stand das gesamte Programm. Eine der größten Herausforderungen: Einen Katalog mit Titeln ab 1749 zu erstellen. Eine tolle Erfahrung für mich bei De Gruyter!

buchmarkt.de: Ich muss schon wieder fragen: Wieso?

Sven Fund: Wie bereits erwähnt, sind wir sehr stark in den Geisteswissenschaften. Dort ist die recht lange „Haltbarkeit“ wissenschaftlicher Erkenntnisse einerseits erstaunlich und faszinierend, andererseits für dieses Projekt sicher ein Vorteil. Während im Bereich der Pharmakologie Bücher von 1923 vermutlich in der Mehrheit der Fälle uninteressant sind, ist das in Theologie, Philosophie und Linguistik anders.

buchmarkt.de: Dazu müssen Sie aber in einzelnen Fachgebieten recherchiert haben.

Sven Fund: Wir haben wirklich renommierte Wissenschaftler nach ihrer Meinung gefragt und gebeten, ihre Lieblingstitel zu Paketen zusammenzustellen und die haben auch Bücher, die vor einer ganzen Weile erschienen sind, in ihre Wahl aufgenommen.

buchmarkt.de: Was sagen die Autoren zur Re-Digitalisierung?

Sven Fund: Wir sind überzeugt, dass unsere Autoren ihre Rechte durch uns, mit denen sie mal einen Vertrag zu den Print-Rechten eingegangen sind, verwertet sehen wollen, und nicht durch andere. Wir honorieren alle Bücher, wo immer wir die Rechteinhaber ermitteln können. Ist das nicht der Fall, überweisen wir 5% vom Nettoerlös an die gemeinnützige De Gruyter Stiftung. Und wenn dann Autoren ihre Werke nicht als E-Book publiziert sehen wollen – was mich sehr überraschen würde -, können wir den Titel jederzeit aus dem Katalog löschen.

buchmarkt.de: Die Zielgruppe für Ihre e-dition sind einerseits Bibliotheken andererseits arbeiten Sie mit libreka! zusammen…

Sven Fund: Gegenüber den Bibliotheken war uns wichtig, auch alte Bücher mit der Funktionalität, die auch unsere Frontlist-Titel haben, anbieten zu können, also in 600 dpi Auflösung, mit OCR und DOIs, auf unserer Plattform reference-global.com und in jeder gewünschten Erwerbungsform: einzeln, als thematisches Paket oder im „Volumenpaket“.

buchmarkt.de: Und libreka?

Sven Fund: libreka! ist für uns ein immens wichtiger Partner, da wir darüber die Zusammenarbeit mit dem Sortiment schaffen: Über 1.000 Buchhandlungen nutzen libreka! für ihr Marketing und binden die Plattform in ihre Online-Shops und Websites ein. Oder lassen sich als Verkäufer listen und profitieren so vom E-Book-Verkauf über die Plattform. Diese Zusammenarbeit erlaubt allen, auch dem kleineren und mittleren Sortimenten, den wirtschaftlichen Verkauf von E-Books.
Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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