Das Autorengespräch Peter Weidhaas: Die zunehmende Einsamkeit als Preis des Älterwerdens

25 Jahre hat Peter Weidhaas (Jahrgang 1938) die Frankfurter Buchmesse geleitet. Jetzt hat er bei Wallstein seine Erinnerungen und dem Titel Das Zimmer der verlorenen Freunde vorgelegt.

Das Buch ist eine überarbeitete Neuausgabe seiner Erinnerungen, die vor zehn Jahren bei Ch. Links erschienen.

Peter Weidhaas, Foto: Jeannette Faure
Peter Weidhaas, Foto: Jeannette Faure

Tägliches Brot des Direktors der weltgrößten Buchmesse ist sicher die Bekanntschaft mit den größten Autoren der Welt. Da sind sicher im Laufe der Jahrzehnte Freundschaften entstanden?

Das brachte der Job mit sich, den ich 25 Jahre ausgeübt habe, (nimmt man die Zeit der Auslandsarbeit dazu, so waren es 32 Jahre), während derer ich viele Autoren, Verleger, Buchhändler, Journalisten und andere Intellektuelle getroffen habe. Mit einigen entwickelten sich Freundschaften wie mit dem Mexikaner und Begründer der famosen Literaturrichtung des magischen Realismus Juan Rulfo, oder mit dem Autor der Offenen Adern Lateinamerikas Eduardo Galeano, oder dem Kameruner Sänger und Dichter Francis Bebey oder dem chinesischen Verleger Hao Ming-ghi (für uns Westler „Rex How“) oder dem argentinischen Verleger von Editorial de la Flor Daniel Divinski, den deutschen Verlegern Hermann Schulz, Christoph Links und Siegfried Unseld. Ich kann sie hier nicht alle aufzählen. Im Register meines Curriculum Vitae stehen 1600 Namen.

Aber um die geht es nicht hauptsächlich in Ihrem neuen Buch…

Wie der Titel Das Zimmer der verlorenen Freunde es schon sagt: Das Buch beschreibt meine dritte Lebensphase, das Altern nach dem Ausstieg aus dem Lebens erfüllenden Job bei der Frankfurter Buchmesse. Der Titel erzählt den fortschreitenden Prozess des Verlassenwerdens von Freunden und mir nahe stehenden Menschen. Die zunehmende Einsamkeit, die der Preis ist, den wir alle für das Älterwerden bezahlen müssen. Der Verlag meinte, dass einige Teile meines bei Chr. Links erschienen Buches über die aktive Frankfurter Zeit Und kam in die Welt der Büchermenschen vorgeschaltet werden sollten, um deutlich zu machen, wer hier altert. Bei dem Zimmer handelt es sich um den Raum im Haus der Erinnerung, wo all die „verlorenen Freunde“ abgesetzt wurden.

Liest man Ihr Buch, stößt man immer wieder auf Zitate aus literarischen Werken. Wie sieht es mit den zwei Herzen aus, die in Ihrer Brust schlagen: Sind Sie eher der Managertyp eines Riesenunternehmens oder der literaturbegeisterte Leser?

Ich habe mich stets bemüht, beides sehr ernst zu nehmen. Ich habe in meinem Leben alle Facetten des Buchhandels durchgespielt: war gelernter Buchhändler, dann Buchbinder, Verlagshersteller und mit den deutschen Buchausstellungen, mit denen ich sieben Jahre durch die Welt gezogen bin, habe ich viel über internationales Buchmarketing gelernt. Darüber hinaus war ich immer auch ein begeisterter Leser internationaler Literatur. Was Wunder, dass ich zum Ende meines Lebens noch die letzte verbliebene Facette der Buchbranche, die des Autors, selber ausprobieren wollte. Ich habe vier Bücher geschrieben, die in sieben Sprachen übersetzt wurden und dort, vor allem in China sehr erfolgreich waren.

Was war Ihre wichtigste Entscheidung als Messedirektor?

Ich habe viele wichtige Entscheidungen getroffen, die zum Teil heute noch wirksam sind. Etwa die Einführung von inhaltlichen Schwerpunktthemen und Gastländer Programmen, dagegen gab es viel Widerstand aus dem Börsenverein, wo man damals der Meinung war, die Messe sei einzig und allein dafür da, dass die (deutschen) Verleger ihre Bücher dort ausstellen konnten und die Buchhändler sie kaufen sollten.

Auch die Gründung einer Gesellschaft zur Förderung der Literatur Afrika, Asien und Lateinamerika (heute Litprom) war zuerst gar nicht erwünscht.

Und die schlimmste Entscheidung?

Eine Entscheidung war für mich existenzbedrohend, weil sie in eine vom deutschen PEN (Carola Stern) gesteuerte Anti-Weidhaas Kampagne in der Öffentlichkeit mündete, an der sich nicht nur die deutschen Verlage, sondern auch wichtige deutsche Autoren beteiligten. Im Rahmen der Diskussion über die Fatwa gegen den britischen Autor Salman Rushdie, hatte der Aufsichtsrat der Ausstellungs- und Messe GmbH (AUM) beschlossen, den Iran von der Frankfurter Buchmesse auszuschließen. Ich bin daraufhin mit einer Delegation des Auswärtigen Amtes nach Teheran geflogen und habe versucht, im Ershad Ministerium (Ministerium für religiöse Führung), die staatlichen iranischen Stellen zu einer offiziellen Distanzierung von der Fatwa (Todesurteil gegen Salman Rushdie) zu bewegen. Als das in keiner Weise gelang, bin ich erbittert früher als die deutsche Delegation aus Teheran abgereist.

Ich hatte jedoch eine Reihe oppositioneller Verleger kennen gelernt, die mich anflehten, für sie einen Weg nach Frankfurt und damit aus dem Iran in die Welt zu finden.

Und dann?

Ich habe daraufhin sieben dieser iranischen Verlage trotz des Gebotes, den Iran nicht zuzulassen, nach Frankfurt zur nächsten Messe eingeladen. Die öffentliche Kampagne gegen diese Entscheidung dauerte Wochen, und ich musste sie schließlich zurücknehmen. Wen diese Geschichte noch heute interessiert, der möge in mein neues Buch Das Zimmer der verloren Freunde schauen, dort wird sie noch einmal ausführlich berichtet.

In der vergangenen Woche sprachen wir mit Sofie Sarenbrant über den „perfekten“ Schwedenkrimi

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