Das Sonntagsgespräch Arne Ulbricht: „Väter sollen vorlesen!“

„Fehlende Vorbilder – Was tun, wenn der Vater nicht liest?“ wird die Frage lauten, die auf der diesjährigen Pressekonferenz mit dem Trendbericht Kinder- und Jugendbuch auf der Leipziger Messe gestellt und der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen, dem Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V., der Stiftung Lesen und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels beantwortet werden soll. Im Sonntagsgespräch mit Arne Ulbricht (Foto) greifen wir das Thema auf und fragen, was er sich von Eltern und Buchhändlern erhofft.

Arne Ulbricht, geboren 1972 in Kiel, arbeitet als Lehrer in Teilzeit und schreibt seit 1997 Romane und Erzählungen. In der SZ erschien kürzlich sein Artikel „Je knurriger der Hotzenplotz, desto größer der Spaß“, ein Plädoyer für das Vorlesen, gerichtet vor allem an Väter.

Arne Ulbricht ist als Autor
noch auf der Suche nach
einem Verlag

Herr Ulbricht, Sie haben in Ihrem Artikel Werbung für das Vorlesen betrieben. Dabei erheben Sie weniger den lehrerhaften Zeigefinger, sondern machen deutlich, dass das Spaß macht, oder?
Arne Ulbricht: Allerdings. Vorlesen bringt viel Spaß, wenn man den Text als Herausforderung ansieht: Harry Potter vorzulesen bedeutet zum Beispiel Zaubersprüche zu sprechen, Reden zu halten, Sportereignisse zu moderieren und einen Tonfall für so eigenartige Wesen wie Hauselfen zu finden. Aber letztendlich ist auch jede Sams-Geschichte eine Herausforderung.

Sie verfolgen damit also nicht so sehr einen pädagogischen Ansatz, Ihnen geht es nicht um die Förderung der Sprachentwicklung des Kindes?
Arne Ulbricht: Natürlich ist es schön, dass das Vorlesen einen pädagogischen Mehrwert hat. Es wäre gelogen zu behaupten, dass ich mich nicht darüber freue, dass mein siebenjähriger Sohn, der ein ganz normaler Junge mit einer ausgeprägten Leidenschaft für Lego ist, inzwischen auch komplexe Geschichten auf Anhieb versteht. Fest steht aber: Ich setze mich abends nicht hin und denke darüber nach, dass ich die Sprachentwicklung meines Sohnes fördere.

Also Sprachentwicklung als Nebeneffekt. Worum geht es Ihnen dann?
Arne Ulbricht: Die unglaubliche Nähe, die entsteht, genieße ich zum Beispiel sehr. Denn es ist ja so: Der Vater, der vorliest, macht nichts anderes, und das Kind, das zuhört, macht ebenfalls nichts anderes. Der Vater ist eine halbe Stunde lang zu 100% für sein Kind da. Es ist wie eine Oase der Harmonie, in der Alltagssorgen keinen Platz haben.

Welche Rolle nimmt dabei der Buchhandel ein?
Arne Ulbricht: Dass ich viel vorlese, liegt daran, dass ich selbst viel lese und viel schreibe. Der Buchhandel enttäuscht eher. Buchhändler sollten, ja müssten das Vorlesen viel intensiver fördern. Schon aus Eigeninteressen heraus. Dass Kindern, denen viel vorgelesen wird, die Leser und Buchkäufer von morgen sind, ist ja schon fast eine Binsenweisheit. Immerhin gibt es inzwischen in fast jeder Buchhandlung in der Regel eine Kinderecke. Aber so etwas ähnliches wie Vorlesekultur wird nicht durch den Buchhandel gefördert.

Was würden Sie sich denn von einer Buchhandlung wünschen?
Arne Ulbricht: Man könnte einen Nachmittag zum Kindernachmittag erklären, an dem auch vorgelesen wird. Oder man könnte eine Initiative „Vorlesen statt Fußball“ ins Leben rufen mit dem Ziel, dass Väter samstagnachmittags Kindern vorlesen. Im Nacht-Wimmelbuch und im Pixibuch über die Buchhändlerin übernachten Kinder in einer Buchhandlung. Ich habe ein solches Angebot nicht mal in Berlin oder Hamburg gesehen. Warum eigentlich nicht? Für eine Grundschulklasse wäre eine Übernachtung in Schlafsäcken bei Thalia mit Sicherheit absolut unvergesslich. Die Schüler würden einen Tag später ihren Eltern zeigen, wo sie nachts mit Taschenlampen entlanggeschlichen sind. Und plötzlich wären ganze Familien im Buchladen. Für solche Angebote bzw. Aktionen sollte massiv im Eingangsbereich geworben werden. Stattdessen findet man dort noch immer stapelweise Sarrazin.

Was sollte darüber hinaus noch geschehen?
Arne Ulbricht: Astrid Lindgren hat den wichtigsten Preis für Literatur nie erhalten, obwohl sie ganze Generationen für Bücher begeistert hat. Es wäre so wichtig, dass der Literaturnobelpreis, über den mehr gesprochen wird als über alle anderen Auszeichnungen zusammengenommen, an einen Kinderbuchautor geht. Ich lade hiermit offiziell das Nobelpreiskomitee zu mir nach Hause ein. Sie sollen Zeuge werden, wie ich meinem Sohn Harry Potter vorlese. Sie sollen sehen, wie er reagiert und dann begreifen, was für eine Anziehungskraft Literatur auch im Jahr 2011 noch haben kann. Rowling muss den Nobelpreis für Literatur erhalten. Nicht, um ihre Auflage zu steigern. Sondern um ein Zeichen zu setzen, wie wichtig Kinder- bzw. Jugendliteratur ist!
Die Fragen stellte Joern Meyer

Auf Arne Ulbrichts Homepage www.arneulbricht.de kann man mehr über den Autor und seinen aktuellen Roman „Auszeit“ erfahren.

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