Zukunft im Social Web?

Gestern fand im Literaturhaus in München die von aboutbooks organisierte Veranstaltung Social Web: Der direkte Kontakt zum Leser statt, die auch per Livestream verfolgt werden konnte. Klar wurde: So ganz einfach ist „der direkte Kontakt zum Leser“ nicht.

Marketing- und Werbefachleute stecken in einer Krise: Anzeigen jeglicher Art vertraut der Konsument zunehmend weniger. Ein Phänomen, unter dem auch Verlage leiden. Buchhändler leiden unter der Abwanderung potenzieller Kundschaft ins Netz, wo vorrangig auf großen Plattformen gekauft wird. Wie also kann man sich selbst im Netz so positionieren, dass man wahrgenommen wird? Unter dieser Frage standen die Vorträge beim gestrigen „Event“ der Holtzbrinck-Tochter. Eine echte Antwort gab es jedoch nicht. Dafür aber ein paar hochinteressante Erfahrungsberichte.

Dass das Social Web für viele Menschen heute zumindest vergleichbar neben realen sozialen Kontakten steht und eine der, wenn nicht gar d i e Kommunikationsplattform der Zukunft ist, würde heute wohl niemand mehr bestreiten wollen, und so sind die Versuche, sich dort umzutun, nachvollziehbar.

Nina Reddemann betreut
Social Media bei Hanser

Nina Reddemann, bei Hanser zuständig für Onlinemarketing und Social Media, berichtete von den Aktivitäten des Münchner Hauses. Hanser ist auf Facebook sowohl mit einer Verlagsfanseite als auch mit Autorenseiten präsent. Im Falle Thomas Glavinics ist der Autor selbst beteiligt, die Seite Daniel Glattauers wird offiziell vom Verlag betreut. Sie schätzt die Möglichkeit, in direkten Kontakt mit Lesern zu treten, und hat auch Verlosungen, die auf Facebook inzwischen nicht mehr zulässig sind, veranstaltet. Ihr Fazit war, wie das der meisten Vortragenden und Anwesenden: Derzeit könne nur ausprobiert werden, von einer „Spielwiese“ spricht sie, messbare Erfolge seien noch nicht zu verzeichnen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam Buchhändlerin Susanne Martin von der Stuttgarter Schillerbuchhandlung, die eifrig twittert. Ihre Follower seien allerdings nicht ihre Kunden. Bedenkt man, dass über 50 Prozent der Twitterer aus dem Bereich Marketing und PR stammen, verwundert das nicht. Sie twittere einfach gern und habe „eine gehörige Portion Spaß dabei“, Facebook spreche sie weniger an, ein Profil habe sie aber. Die Frage, das Twittern einzustellen, da sie ihre Kunden so nicht erreicht, stelle sich ihr aber wegen der Freude, die es ihr bereite, nicht. Zeit investiere sie nämlich durchaus, insgesamt ca. anderthalb Stunden täglich, schätzt sie, die ihr für andere Dinge fehle.

Susanne Martin twittert
leidenschaftlich gern

Thomas Pfeifer ist weiterhin überzeugt davon, dass es möglich ist, über Twitter das vielbeschworene virale Marketing zu betreiben und hat für den etwas renitent wirkenden Krimiautor Andreas Franz einen Twitter-Account eingerichtet. Mit seinen hemdsärmlig formulierten Einwänden sorgte Franz für viel Gelächter und sprach offensichtlich mehr als einem der Anwesenden aus der Seele, als er seine Vorbehalte gegen die vernetzte Welt vortrug.

Ernüchternd wirkte dagegen der Bericht von Marcus Rafelsberger. Der Krimiautor hat neben einer eigenen Homepage und einem Xingaccount eine Seite bei Facebook eingerichtet. Als Werbefachmann ging er das Ganze mit gezielter Planung und aufwändig an. Nach einer beeindruckenden Reihe von Beispielen seiner Aktivitäten, zog er sein Resümee: Das Ergebnis sei „mau“ gewesen. Trotz seiner zahlreichen Aktivitäten auf der Seite sei es ihm nicht gelungen, Leser aktiv zu beteiligen.

Alle Erfahrungsberichte erweckten den Eindruck, dass es nicht mit fünf Minuten täglich getan sei, wie Christian Horvath versicherte.

Auch während der Vorträge wurde eifrig getwittert

Warum aber beschäftigt man sich denn dann so intensiv mit Facebook und Co.? Das zunehmende Misstrauen Werbung gegenüber gerade auf Seiten gebildeterer Schichten, die ein Gros der Klientel der Branche ausmacht, lässt sich nicht verleugnen. Das höchste Vertrauen genießen Empfehlungen von Freunden und Bekannten, die zunehmend über soziale Netzwerke ausgetauscht und schnell weitergegeben werden können. Ein Grund für Werber, sich zu Freunden und Bekannten zu machen.

Nur: Steckt nicht genau an dieser Stelle ein Problem? Der potenzielle Kunde wendet sich Empfehlungen zu, weil er auf Produzenten- und Händlerseite Sorge hat, sein Gegenüber „wolle ihm ja nur was verkaufen.“ Ob das Gegenüber ihm real oder virtuell gegenübersteht, spielt dabei nicht unbedingt eine Rolle. Bei Hanser hat man das offensichtlich erkannt, wenn man sagt, man gehe mit verlagsbetreuten Autorenseiten offen um. Sonst könnte man Vertrauen verlieren. Das Grundproblem bleibt aber bestehen: Ein Produzent präsentiert seine Angebotspalette.

Den springenden Punkt benennt auch Lovelybooks-Redakteurin Karla Paul, wenn sie warnt: „Es muss authentisch sein. Leser im Netz sind empfindlich!“ Wenn sie den Eindruck bekämen, es mit PR zu tun zu haben, würden sie sich schnell zurückziehen. Vielleicht steckt in diesen sozialen Netzwerken doch für Händler viel mehr Potenzial als für Verlage? Vielleicht sollten letztere, statt – wie von einer Seite gefragt wurde – Budget vom Handel abzuziehen, um in Onlinemarketing zu investieren, in Händler investieren, die hier als Empfehlungsgeber auftreten können?

Die Veranstaltung war geprägt von angeregten Diskussionen und zeigte, dass sich die Branche intensiv mit dem Thema auseinandersetzt und verschiedene Möglichkeiten durchspielt. Das Klima war geprägt von Spaß an den Möglichkeiten der „Spielwiesen“ auf der einen und einer gewissen Hilflosigkeit auf der anderen Seite. Lösungen hat noch keiner, aber das hat die Branche wohl mit dem Rest der Welt gemeinsam.

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