Viele Bilder und einige Worte zum 9. Workshop der Stiftung Illustration/Eröffnung der Ausstellung von Wolf und Leonard Erlbruch in Troisdorf

Am vergangenen Freitag und Samstag versammelten sich die Teilnehmer des 9. Workshops der Stiftung Illustration im Bilderbuchmuseum in Troisdorf. Illustratoren, Verleger, Lektoren, Journalisten, Buchhändler und weitere Bilderbuch-Fans diskutierten unter dem Motto Blick! Noch mehr Bilder lesen und Worte finden. Damit nahm die Stiftung zum ersten Mal ein Motto des vorjährigen Workshops auf [mehr…] und erweiterte die Tagesordnung um einen praktischen Teil.

Tagungsleiterin Christine Knödler, u.a. mit Nele Palmtag, Vitali Konstantinow und Tanja Esch im Rücken

Moderiert wurde die Tagung von der Journalistin Christine Knödler, die bereits das Programm im Vorjahr konzipiert hatte. Museumsdirektorin Pauline Liesen sorgte mit ihrem Team für einen reibungslosen Ablauf. Und Regina Kehn hatte nicht nur den Programmflyer illustriert, sondern das Titelbild als Grafik in einer Auflage von 100 nummerierten und signierten Exemplaren zum Verkauf zu Gunsten der Stiftung aus Hamburg mitgebracht.

Nach einem Einspielfilm mit Gedanken zum Bilderbuch von Thomas M. Müller, Grafiker, Illustrator und Professor für Illustration (u.a.: „Ich glaube an die Erkenntnis im Tun“) gab Chris Campe, Grafik-Designerin und Illustratorin, in ihrem Eröffnungs-Vortrag Gedankenanstöße zum Verhältnis von Bild und Wirklichkeit. Mitgebracht hatte sie drei Beispiele, bei denen Grafiker nach Wunsch ihrer Auftragsgeber (die nicht aus der Buchbranche stammten) „gendergerecht“ Bilder geändert hatten.

„Sollen sich Illustratoren überhaupt Gedanken machen?“, lautete eine ihrer Frage – schließlich arbeiten sie doch im Auftrag. Chris Campes Antwort wurde vom Plenum bestätigt: „Ja, sie sollen, denn sie prägen mit ihren Bildern Vorstellungen, z.B. davon, wie Männer und Frauen aussehen (sollen).“ Ein Buch, das es global allen recht machen möchte, sei hingegen auch albern, wie Illustratorin Anke Kuhl einwarf – in diesem Punkt herrschte ebenfalls Einigkeit.

Henning Wagenbreth, Sophia Martineck und Friedemann Bochow mit Musik und Lichteffekten

Den Freitag Abend eröffnete die Illustratoren-Band Mazookas – mit Henning Wagenbreth an der Mandoline, Sophia Martineck an der Akkordzither und Friedemann Bochow am Michelsommer Spielzeug-Klavier (in Vertretung für Christian Lindemann an der Trommel). Als Gastmusiker kam Vitali Konstantinow mit der Tenor-Ukulele hinzu.

Musikalisch wie auch optisch ein Genuss: Die Mazookas hatten ein Triptychon aufgebaut, das aus zwei bunten, (unter Mithilfe einer Studentin) selbstgenähten, flankierenden Fahnen bestand und einer Projektionsfläche in der Mitte, die passend zum jeweiligen Song mit Illustrationen bespielt wurde. Dieses staunenswerte Bühnenbild wurde überdies mit wechselnden Lichtstimmungen variiert. Bei Gesprächen und Getränken bemalten einige Illustratoren die Papier-Tischdecken, und in der lauen Troisdorfer Nacht wurde im Hof später noch das ein oder andere Lied angestimmt.

Der Samstag begann mit der Vorstellung von drei Bilderbüchern:
Hieronymus von Thé Tjong Khing, erschienen bei Moritz,
Morkels Alphabet von Stian Hole, erschienen bei Hanser, sowie
Bären beobachten von Michelle Robinson und David Roberts, erschienen bei Gerstenberg.

Bewusst hatte Christine Knödler Lizenztitel ausgewählt, denn sie wurden anschließend in fünf Arbeitsgruppen diskutiert, die geleitet wurden von Rotraut Susanne Berner, Ole Könnecke, Regina Kehn, Vitali Konstantinow, Tanja Esch, Henning Wagenbreth, Chris Campe, Sophia Martineck, Nele Palmtag und Axel Scheffler. Sie hätten ungern über die Arbeiten anderer deutschsprachiger Illustratoren geurteilt, so aber konnte ein freies Gespräch entstehen.

Präsentation eines Workshops: Sechs Meter Ideen

Dieses praktische Arbeiten – das im Vorjahr von einigen Teilnehmern gewünscht worden war – brachte so manchen Denkprozess in Gang. Besonders schön die Idee von Vitali Konstantinow, Ideen zu visualisieren – seine Arbeitsgruppe, die er mit Regina Kehn leitete, präsentierte als Ergebnis eine sechs Meter lange Papierbahn, auf der man einigen Workshop-Teilnehmern beim Denken zusehen konnte.

Die Comic-Künstlerin Barbara Yelin sprach nach der Mittagspause „Über die Kunst des Sehens“. Sie selbst betrachte die Zeichnung als Erfindungsprozess: „Zeichnen ist nicht die Konsequenz von Ideen, sondern es macht Ideen.“ An zahlreichen Bildbeispielen von Künstlern wie Charlotte Salomon, Shaun Tan, Reinhard Kleist, Manuele Fior oder Nadine Redlich führte sie eindrucksvoll vor, was das Bild alles vermag.

Zum Abschluss des Workshops diskutierten Monika Osberghaus (Klett Kinderbuch), Paula Peretti (Literaturagentin), Herwig Bitsche (NordSüd) und Hans ten Doornkaat (atlantis) über das Verlegen von Bilderbüchern. Sie machten deutlich, dass Titelentscheidungen immer abhängig vom jeweiligen Verlagsprofil getroffen werden, wie stark Vorschau-Cover umkämpft sind, man sich der Verantwortung für die Förderung von jungen Illustratoren durchaus bewusst sei, aber letztlich nur eine begrenzte Zahl von Programmplätzen dafür zur Verfügung stehe.

Einigkeit herrschte beim 9. Workshop der Stiftung Illustration darüber, dass gute Bilderbücher im Dialog zwischen Autoren, Illustratoren, Lektoren und – sofern vorhanden – Buchgestaltern entstehen. Gespräche wurden in Troisdorf reichlich geführt, in jeder dafür zur Verfügung stehenden Minute auch abseits des offiziellen Programms.

Zahlreiche Teilnehmer erlebten dann noch die Eröffnung der Ausstellung von Wolf und Leonard Erlbruch. Es ist die zweite in Troisdorf, die (nach Karl und Nikolaus Heidelbach) unter dem Motto „Väter und Söhne“ steht. Prof. Dr. Jens Thiele sprach in seiner Einführung über den künstlerischen Dialog zwischen Wolf und Leonard Erlbruch, die beide anwesend waren und später zahlreiche Bücher signierten. Ein Team des WDR war mit dabei, das Ergebnis soll am Montag Abend in der Lokalzeit zu sehen sein.

Ente (von Wolf für Leonard Erlbruch)

Zu sehen sind – noch bis zum 6. November – nicht „nur“ Originale beider Künstler, sondern auch zwei Bildgeschichten, die Vater und Sohn zusammen zeichneten, Spielzeug, das Wolf für Leonard Erlbruch fertigte sowie Zeichnungen, die Leonard Erlbruch als Kind seinem Vater schenkte. Neben einem Katalog kann im Museum auch das Ausstellungsplakat erworben werden, das dem Cover des Kinderzimmerkalenders 2017 entspricht, der wieder im Peter Hammer Verlag erscheint und erstmals von Vater und Sohn gemeinsam gestaltet wurde. Das Bilderbuchmuseum ist also jederzeit einen Besuch wert – nicht erst zum 10. Workshop der Stiftung Illustration. Kleiner Tipp: Nehmen Sie sich ein Notizbuch mit – für Ihre eigenen Worte und Bilder.
Infos auch unter www.stiftung-illustration.blogspot.de und http://www.troisdorf.de/bilderbuchmuseum/.

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