Uwe Johnson sieht fern

Aus dem Veranstaltungs-Plakat

So lautet der Titel des 2006 von Saskia Walker produzierten Dokumentarfilms, der gestern Abend in der Naxos-Halle in Frankfurt/Main gezeigt wurde. Im Anschluss fand eine Diskussion statt, an der neben der Regisseurin der Moderator Wolfgang Voss und der Leiter des Uwe-Johnson-Archivs an der Goethe-Universität Frankfurt, Eberhard Fahlke teilnahmen. Die Veranstaltung wurde von naxos.Kino im Theater organisiert.

1964 schrieb Uwe Johnson 99 Rezensionen über Sendungen des DDR-Fernsehens für den Tagesspiegel, die einzige Zeitung, die damals bereit war, auch das Programm des DDR-Fernsehens abzudrucken. Für die Arbeit lieh die Zeitung dem Autor ein Fernsehgerät.

Saskia Walker hat sich für die Dokumentation auf elf Beispiele beschränkt. So werden Beiträge der Nachrichtensendung Aktuelle Kamera, des Wirtschaftsmagazins Prisma, des Polit-Magazins Der Schwarze Kanal, szenische Dokumentationen zum Auschwitz-Prozess und das Sandmännchen – alles mit der damals vorhandenen Technik vom Fernseher aufgenommen – abgespielt. Nach den Originalbeiträgen folgt Uwe Johnsons Rezension – er kommt auch selbst, Jahre später befragt, zu Wort.

Stellungnahmen von fünf Personen, ebenfalls lange Zeit nach Sendung der Beiträge aufgenommen, schließen sich an, drei der interviewten – darunter Manfred Bierwisch und Fritz Möllendorf, kennen den Rezensenten persönlich. Völlig neutrale Beobachter sind zudem zwei Germanisten aus England.

Diese Dokumentation, in ihrer Art kaum noch im heutigen Fernsehprogramm auffindbar, hat viele Aspekte. Sie zeigt zwei politisch gegensätzliche Welten in einem Land. Hinterfragt das Fernsehen. Zeigt die Zerrissenheit eines von Ost nach West Umgezogenen. Und nicht zuletzt werden Parallelen zum gegenwärtigen Programm, zu schlecht produzierten Sendungen, zu tendenziöser Meinungsmache, deutlich.

Unter den von Saskia Walker ausgewählten Filmbeiträgen befindet sich auch eine „Ente“. Uwe Johnson rezensiert anlässlich des Jahrestags des Mauerbaus den angeblich im DDR-Fernsehen gezeigten Beatles-Film. Das muss den Westberliner Filmverleihern zu Ohren gekommen sein, sie beschwerten sich darüber beim Tagesspiegel, der alle Mühe hatte, die Wogen wieder zu glätten.

Erschreckend wird die ideologische Verzerrung der Tatsachen, die bewusste Lüge und der Missbrauch der Gefühle im Beitrag über den Abschied von einem gefallenen DDR-Grenzsoldaten, angeblich von feindlichen, imperialistischen Kräften erschossen, in Wahrheit jedoch durch unglücklichen Zufall von den eigenen Kameraden tödlich getroffen. Trotzdem nutzt Erich Honecker die Trauerfeier und hält eine flammende Rede gegen das abscheuliche imperialistische System – ihm waren die wahren Ursachen zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt.

Uwe Johnsons Rezensionen sind 1987 unter dem Titel Der 5. Kanal im Suhrkamp Verlag erschienen.

JF

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