Kaffeehaussitzers Netzrückblick Fundstücke aus den Literaturblogs – Oktober 2016

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Der Kaffeehaussitzer in seiner natürlichen Umgebung Foto: © Vera Prinz

Klar, im Oktober ist die Frankfurter Buchmesse omnipräsent in der Literaturwelt und das schlägt sich auch in vielen Buchblogs nieder. Aber trotzdem habe ich beim Herumstromern in der Buch-Blogosphäre nicht nur zu Messethemen wieder einige lesenswerte Blogbeiträge gefunden.
Trotzdem erst einmal zwei Texte zur Buchmesse: Den charmantesten Messerückblick hat Mareike Fallwickl geschrieben, die mit ihrem Blog Bücherwurmloch zwar schon lange online ist, die Frankfurter Buchmesse aber zum ersten Mal besucht hat. Ihr Fazit: „Ich habe auf der Messe etwas wiedergefunden, das für mich unbezahlbar ist: die Lust zu lesen. Sie war mir in den letzten Monaten abhanden gekommen. Alles hat mich gelangweilt. Aber diese Verlage zu besuchen und begeisterten Menschen dabei zuzuhören, wie sie voller Leidenschaft von kommenden Büchern schwärmen, hat mich aufs Neue angestachelt. Und das fühlt sich gerade sehr gut an.“
Isabella Caldart hat in ihrem Blog Novellieren über die Startschuss-Konferenz zum Blogbuster-Preis 2017 berichtet, die am 21. Oktober 2016 auf der Frankfurter Buchmesse stattfand. 16 Literaturblogger, eine Jury u.a. mit Denis Scheck und Elisabeth Ruge und der Klett-Cotta-Verlag als Kooperationspartner suchen ein unveröffentlichtes Manuskript eines Nachwuchsautors. Eine spannende Aktion, mit der zudem begonnen wird, die unnötigen Gräben zwischen Literaturkritik und Bloggerszene zuzuschütten. Hoffentlich. Bisher gab es zahlreiche positive Stimmen zu dieser Aktion (u.a. auf der Seite Selfpublisherbibel.de), aber auch kritische Anmerkungen in diversen Facebook-Diskussionen. „Freundliches Unbehagen an einem Preis“ schreibt Peter Peters in einem unaufgeregten, sehr lesenswerten Beitrag auf seinem Blog Peter liest. Die Frage dabei ist: Lassen sich Blogger vor die Marketingkarren der Verlage spannen? Ich denke, in diesem Fall kann man das verneinen, wurde der Blogbuster-Preis aus der Bloggerszene heraus entwickelt; die Idee und die Konzeption stammen von buchrevier-Blogger Tobias Nazemi.
Einen weiteren Bloggerpreis vergibt der Blog Das Debüt; eine Jury wählt das beste deutschsprachige Debüt 2016 aus; der Siegertitel erhält 500 Euro. Ein anderer Ansatz, aber genau so spannend wie Blogbuster; in beiden Fällen werden Blogger immer mehr zu Mitwirkenden der Literaturwelt und des Literaturbetriebs.
Um einen Preis einer ganz anderen Kategorie geht es in einem Beitrag auf Sounds & Books; ein Online-Magazin, das sich ganz der Kombination Literatur und Musik verschrieben hat. Wo könnte die Verleihung des diesjährigen Literatur-Nobelpreises besser gewürdigt werden?
Und beim Thema Preise darf natürlich auch der im Oktober verliehene Deutsche Buchpreis 2016 nicht fehlen. Sophie Weigand ist der Frage nachgegangen, wie dieser Preis eigentlich im Ausland wahrgenommen wird.

Und wer immer mal wissen wollte, wer im Buchpreis-Büro die organisatorischen Fäden zieht, dem sei ein Beitrag im Blog Schöne Seiten empfohlen. Er stammt zwar aus dem August, ist thematisch aber perfekt passend für den Oktober. Der diesjährige Gewinner des Preises steht ja fest, aber liest man im Blog von Frank O. Rudkoffsky die Rezension zu Thomas Melles „Die Welt im Rücken“, hätte das Ergebnis anders aussehen müssen. Nach dieser großartigen, intensiven und leidenschaftlichen Buchbesprechung bin ich sofort in eine der Buchhandlungen meines Vertrauens gegangen, um das Werk zu kaufen.

Buchhandlungen, ein gutes Stichwort: Im Oktober ist der großartige Photo-Reisebericht „In 60 Buchhandlungen durch Europa“ erschienen. Der Autor Torsten Woywod – selbst Buchhändler – ist mit der Kamera durch Europa gezogen und hat die Magie schöner Buchhandlungen eingefangen. Ein wahrer Augenschmaus; hier gibt es einen Blogbericht von der Buchpremiere im Verlagshaus Edel.
Nur vom Anschauen können Buchhandlungen aber weder Miete noch Gehälter bezahlen. Damit sie auch in Zukunft Orte der Literaturvermittlung und Treffpunkte literarisch interessierter Menschen sein werden, ist es immer wieder wichtig, auf ihre Bedeutung hinzuweisen. Viele Blogger sehen das genau so; im oben bereits erwähnten Blog Novellieren habe ich zum ersten Mal unter jeder Buchbesprechung den Hashtag #supportyourlocalbookstores entdeckt; die Bloggerin Simone Dalbert hat es aufgenommen und auf Papiergeflüster darüber geschrieben. Es wäre schön, wenn dies weitere Kreise ziehen würde. Auch auf meinem Blog Kaffeehaussitzer (bei dem es im Oktober tief in die Wälder ging) steht dies jetzt unter jeder neuen Buchvorstellung; denn man kann es nicht oft genug schreiben, kurz und knapp: #supportyourlocalbookstores. Sollten diese Zeilen andere Buchblogger dazu bringen, diesen Hashtag ebenfalls zu verwenden, würde mich das sehr freuen.
In Tilman Winterlings Blog 54Books gibt es einen interessanten Beitrag über die Arbeit eines Biographen am Beispiel von George Prochnik, der sich in seinem Buch Das unmögliche Exil“ mit Stefan Zweig beschäftigt – einem Menschen, über den nur scheinbar bereits alles gesagt ist. (Notiz an mich: Endlich mal wieder „Die Welt von Gestern“ lesen.)
Die Aufbereitung von Ferdinand von Schirachs „Terror“ als Fernsehjustizsendung hat im Oktober für große Aufmerksamkeit gesorgt. Thomas Brasch (nicht der Schriftsteller) beschäftigt sich in seinem Blog brasch & buch sehr intensiv mit dem Buch und dessen Anliegen. Lesetipp.
Im Blog besonders buch findet man stets Bücher, die sich durch ganz besondere Gestaltung auszeichnen. Auch im Oktober ist dort ein Prachtexemplar zu bestaunen.
Zum Schluss wird es noch ein bisschen magisch: Der Carlsen Verlag hat auf der Buchmesse den Virenschleuderpreis in der Kategorie „Ansteckendste Strategie/Plattform“ für seinen #potternacht-Event gewonnen. Sehr verdient, wenn man im Blog Literatouristin den Bericht über die zauberhafte Veranstaltung liest. Herzlichen Glückwunsch!
Und eigentlich müsste es jetzt noch um die Bloggerreise zu Zürich liest 2016 gehen; die beteiligten Blogger (und noch viel mehr Buchmenschen) werden auf der Interviewplattform adibumag vorgestellt. Da das Festival und die Reise aber erst ganz am Ende des Oktobers stattgefunden haben, wird darüber im nächsten Netzrückblick berichtet.
Uwe Kalkowski ist seit vielen Jahren in der Buchbranche tätig und kennt sie aus unterschiedlichen Perspektiven: Als Buchhändler in großen und winzigen Buchhandlungen, als Student der Verlagswirtschaft in Leipzig und als Marketingmensch in verschiedenen Fachverlagen; seit 2009 ist er Marketingleiter des RWS Verlags in Köln. Als Kaffeehaussitzer bloggt er über Bücher, Literatur und Leseerlebnisse. In der Kolumne Kaffeehaussitzers Netzrückblick gibt er hier auf buchmarkt.de regelmäßig eine Übersicht über lesenswerte Fundstücke aus den Literaturblogs. „Vollkommen subjektiv, handverlesen und rein persönlich ausgewählt ohne Anspruch auf Vollständigkeit, denn eine solche kann es in einer so vielschichtigen Szene gar nicht geben“, wie er sagt.

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