Zum Wochenende 03.08.2012 13:12
Von vorderen Büchertischen und hinteren Darkrooms

Peter Butschkow
„Haben Sie Humor?“ fragte Cartoonist und
Lappan-Autor
Peter Butschkow (Foto), als er mal wieder bei einem Testkauf in einer Buchhandlung nach seinen eigenen Büchern fahndete. Hier sein amüsanter, aber mit Augenzwinkern zu lesender Erfahrungsbericht.
Freitag um 13 Uhr in einer Kleinstadt in Oberbayern. In einer Stunde geht der Bus zum großen Abschiedsfest für
Jürgen und Claudia Knauss – er für 48 Jahre Werbeagentur, sie für 32 Jahre Verlag. Chapeau!! In solchen Momenten, abseits meiner häuslichen Arbeitswelt, in der ich ständig von schlechtem Gewissen geplagt durch mein Haus irre, weil mich rund um die Uhr mein Umfeld schonungslos daran erinnert, was ich noch alles zu zeichnen und zu schaffen habe, entspanne ich mich und schlendere neugierig durch fremde Straßen, schaue in Schaufenster und gebe mich den Inspirationen, gegebenenfalls auch den Verführungen hin, dieses oder jenes Wichtige oder Unwichtige zu kaufen.
Ganz besonders gerne aber gehe ich in eine örtliche Buchhandlung, stelle mich also
tapfer der rauen Verkaufsfront, dort, wo all das seine Käufer finden sollte, was ich so
in meinem kreativen Olymp, im nordfriesischen Outback, an vergnüglichen Werken produziere. So eine Berührung mit der realen Verkaufswelt fordert jedoch meinen ganzen Mut und unbedingt eine stabile Tagesform. Nach einigen dieser Testbesuche halfen mir schon mal nur noch Antidepressiva oder der Sprung aus dem ersten Stock. Letzteren habe ich, dank einer dichten Rasenfläche vor meinem Haus, schadlos überstanden. Es gibt Kollegen von mir, die sich der grausamen Begegnung mit der Wirklichkeit radikal verweigern, exakt aus den gleichen Folgen, und sich ausschließlich auf die halbjährliche Honorarabrechnung ihres Verlages konzentrieren. Das ist ihnen Spannung genug.
Unbeirrt steuere ich auf meinen Reisen innerhalb der Bundesrepublik immer wieder stur auf eine Buchhandlung zu, für einen befreundeten Psychologen ein Beweis für meine versteckten, masochistischen Neigungen. Nach gut hundert Metern Fußweg in eben diesem oberbayrischen, knapp über 23.000 Einwohner zählenden Touristenort, mitten in der Fußgängerzone, entdecke ich endlich ein Objekt meiner Sehnsucht. Bücher, Bücher, Bücher, Fenster voller Bücher, eine Buchhandlung!
Scheinheilig betrete ich dieses bunte und nach altmodischen Druckerzeugnissen duftende Paradies, und stelle mich ganz doof. Nichts fällt mir leichter, ein angeborenes Talent also. Ich tue so, als suche ich nach irgendeinem Roman, stöbere auf den Tischen herum, dort, wo all die vom Spiegel geadelten Bestseller und Trendbücher liegen, greife mir hin und wieder eines, blättere interessiert darin herum und bin froh, dass mich die schwarz gewandete Frau an der Kasse in Ruhe lässt. Außerdem scheint sie höchst beschäftigt, obwohl ich eindeutig der einzige Kunde in ihrem ziemlich großen Laden bin.
Er erstreckt sich in einem Rundgang, man betritt ihn, hält sich rechts, folgt den Gassen zwischen den Wänden und Tischen und landet sanft wieder am Eingang. Dem Kurs folge ich also, witternd, schnüffelnd und immer die Augen auf die Schilder über den Regalen gerichtet, auf denen sich Fachbezeichnungen wie „Gesundheit“, „Sport“, „Natur“, „Wissenschaft“, „Esoterik“ etc, befinden.
Natürlich suche ich etwas ganz Bestimmtes und kann es nicht finden. Mir wird heiß. Auf meiner Expedition stoße ich auf einen kleinen Mann, der geschäftig Bücher stapelt. Ich bündele all meine Kräfte, hüstel ein verschämtes Intro und formuliere leicht zitternd die für mich alles entscheidende Frage, die, wegen der ich – und damit erreichen wir den heißen Kern dieser Geschichte – so spannungsgeladen durch diese Buchhandlung streife:
„Haben Sie auch Humorbücher?“
Ich spreche bewusst leise, um ihn nicht zu verschrecken. Ja, ich hauche es fast.
Bewirken tue ich aber, als hätte ihm einer mit dem Hammer auf den Kopf gehauen.
Eisiges Schweigen. Er wirkt benommen. Starrt mich an. Hätte ich ihn „Haben Sie Sodomie-Bücher?“, gefragt, er hätte nicht anders reagiert. Gerade, als ich überlegte, ihn mit einer leicht entschärften Version meiner Frage „Haben Sie Bücher amüsanten Inhalts?“ entgegenzukommen, fragt er mit belegter Zunge:
„Also, Huuu...mor?“
Ich möchte sagen, ja, Humor, das Lachen, diese unglaubliche Kraft, diese gewaltige positive Energie, die Quelle, aus der sich all die normalen Menschen tagtäglich benetzen und laben und nur so in der Lage sind, den nüchternen Anforderungen ihres Arbeitslebens und dem alltäglichen Horror und Terror zu trotzen und aus der in jüngster Zeit mit Hilfe von Begnadeten und Berufenen sogar kranke Menschen in seelischen und körperlichen Nöten gesunden und erstarken und aufrechten Schrittes in ein neues Leben schreiten, wohl wissend, dass ihnen nun keiner mehr etwas antun kann, weil sie die Kraft des Lachens in sich spüren. Diesen Edelstein des Lebens gibt es längst für Jedermann in gefälliger Verabreichung, gedruckt und buchbinderisch hochwertig verarbeitet in eben diesen, so genannten „Humorbüchern“. Führen Sie mich in den Saal, Meister, wo ich solche Schätze finde!
Er hat sich gefangen und kommt mir zuvor:
„Schauen Sie doch mal vorne.“
Vorne bin ich doch gerade hereingekommen? Gesehen habe ich nichts dergleichen.
Ich bedanke mich mit gewählten Worten, wünsche ihm gute Besserung und wende mich
dem nächsten Raum zu. Dort strahlt und knackt es in den fröhlichsten Farben. Aaaah! In dieser bunten Gesellschaft, so vermute ich, finde ich gewiss auch die ersehnten Humorbücher. Vielleicht ist dieser Raum das erwähnte „Vorne“ des kleinen Mannes? Inzwischen hatte sich mein Anspruch, gar Bücher aus meinem eigenen Schaffen zu finden, den Umständen angepasst und dem weitaus bescheideneren Wunsch Platz gemacht, Humorbücher generell zu entdecken. Darunter verstehe ich Cartoon- oder meinetwegen auch Comicbücher, obwohl diese Künstler/innen in den letzten Jahren, speziell durch die Novel-Arts, von den Kunstwertmarkenverleihern aufs Schild gehoben wurden und uns Cartoonisten damit überholt haben. Also viele Comiczeichner mit ihren Arbeiten sehr erfolgreich sind. Ich gönne es ihnen, aber jetzt nicht. Ich will Cartoonbücher sehen! Am liebsten meine! Von Lappan! Gott, reden wir hier doch nicht drum herum.
Was ich sehe, sind Kinderbücher. Meterweise prallvolle Regale mit Kinderbüchern, so weit mein Auge reicht! Auf mindestens 40 qm Stellfläche! Buchcover, von denen mich
Bärchen, Kätzchen, Hündchen, Häschen, Vögelchen und eine Vielzahl weiterer tierischer Geschöpfe, oder auch reine Phantasiefiguren, in den verschiedensten Zeichen- und Maltechniken geschaffen, mit weit aufgerissenen Mündern vom Cover krachend anlachen. Debile Titel wie „Tuppi Tintenfisch taucht unter“, „Pepe Panda und Poppel Puschelbauch“, „Grütze schafft es“ oder „Das Geheimnis von Flucki Blauwal“ mischen sich mit Wimmelbüchern oder interaktiven Werken, in denen man nach Herzenslust malen, schmieren oder schnippeln kann.
Frauen lieben Kinderbücher. Und Buchhändlerinnen erst. Ein Zusammenhang ist nicht auszuschließen. Frauen lieben das Malerische, das Schöne, lieben die Poesie eines Aquarells, den Zauber impressionistischer Verläufe, zarte Farben und niedliche, „süüüße“ Figuren. Erst recht und ganz besonders, wenn es um Kinder geht. Das liegt tief im Wesen der Frau. Frauen lieben keine zu vordergründig humoristischen Charaktere, die unverhohlen, oft böse oder derb, an das Lachzentrum appellieren und das womöglich noch in saftigen oder schrägen Strichen, gar mit überzeichneten Körperteilen wie Nasen oder Füßen. Das bedeutet nicht, dass Frauen keinen Humor haben, aber wenn er über Cartoons transportiert wird, mögen sie ihn nicht. Es verschreckt sie, ist ihnen vielleicht zu vulgär? Wundert man sich, dass es so wenig weibliche Cartoonistinnen gibt? Hallo, Akademiker! Wäre das nicht mal ein super Thema für eine Doktorarbeit?
Damit war klar, dass ich in dieser Buchhandlung nach Cartoonbüchern graben müsste.
Ganz fremd ist mir das nicht. In einem Ort in Holstein hat mich bei einem solchen Testkauf
die Buchhändlerin in den Darkroom ihres Ladens gebeten und im Halbdunkel im hintersten Winkel aus einem winzigen Regal, gleich hinter einer tragenden Säule, aus dem untersten Fach ein schmales, leicht angestaubtes Cartoon-Geschenkbuch gezogen. Und es ganz diskret zur Kasse getragen, mir den Preis zugeraunt, es in eine unverfängliche braune Papiertüte getan und mich gebeten, wenn man mich draußen damit erwischen würde, auf keinen Fall zu sagen, dass ich es von ihr habe. Ihr Ruf bei ihren Kolleginnen wäre ruiniert.
Nun also schreite ich mit allerletzter Hoffnung nach „vorne“, dort, wo ich fiebernd wenigstens ein winziges Sortiment Lappan-Bücher vermute. Ich sehe nichts. Ich sehe nicht ein EINZIGES Cartoonbuch. Nicht mal ein Uli-Stein-Buch! Moment, doch – da?
Links neben der Kasse steht halb versteckt ein kleines Tischlein, auf dem sieht es aus,
wie wenn Kinder auf der Straße auf einer Decke ihre alten Spielsachen und Bücher zum Verkauf ausbreiten. Alles völlig durcheinander, von jedem etwas. Unter dem Angebot „Humorbücher“ versteht die Buchhändlerin, die ich noch mal frage, indem ich mit meinem Finger auf diesen Tisch zeige: „Ihre Humorbücher?“, drei kleine Bücher mit den Titeln „Hab dich lieb“, „Hab dich doll lieb“, „Hab dich ganz doll lieb.“ Fehlt eigentlich nur noch „Hab dich nicht mehr lieb“.
Das hätte ich gekauft, eine Widmung reingeschrieben, mir einpacken lassen und gleich darauf der Buchhändlerin überreicht. Vielleicht hätte ich noch erwähnt, dass es auf dem Markt eine Fülle von lustigen Cartoonbüchern zu allen erdenklichen Anlässen gibt, die sich alle wundervoll verschenken lassen und viele davon schon stattliche Verkaufszahlen aufweisen und dass so ein Geschenkbuch-Segment in Zeiten der fallenden Umsätze im Buchhandel durch das konkurrierende Internet für einen Buchhändler doch eine willkommene, zusätzliche Einnahmequelle ist und dass quer durch meinen alten oder neuen Bekanntenkreis die Leute aller Altersgruppen immer ganz begeistert sind, wenn ich ihnen meine Bücher zeige, und sie danach immer die selbe Frage stellen:
„Na, sage mal! Wo bekommt man denn so was?“
Ich antworte darauf stets:
„Wenn du ganz großes Glück hast, in einer Buchhandlung!“