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Mail an BuchMarkt.de 06.02.2012 12:45

Ulrich Störiko-Blume antwortet auf Prof. Manfred Spitzer: "Hoppla, ist er ein Ideologe"?

Letzten Freitag hatte Michael Lemster seine "Freitags um fünf" Frage ("was ist so schlimm an der virtuellen Realität, auf die die Kids abfahren?" [mehr...]) an den Gehirn- und Lernforscher Prof. Dr. Manfred Spitzer gestellt.

Jetzt antwortet Ulrich Störiko-Blume, der Verleger des Hanser Kinderbuch-Programmes und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V. (avj): "Draußen wir es immer kälter - und mir wird immer heißer, wenn ich unsere Branche ansehe."


Prof. Manfred Spitzer, für manche Zuspitzung bekannt, aber doch wohl auch als Fachmann
Mail an BuchMarkt.de - Ulrich Störiko-Blume
Ulrich Störiko-Blume
akzeptiert, sagt im Freitagsgespräch mit BuchMarkt am 3. Februar: "Die Nutzung digitaler Medien gerade in der frühen Kindheit (also im Kindergartenalter und in der Grundschule) führt nachgewiesenermaßen zu Sprachentwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Lese-Rechtschreibstörungen und allgemeinen Störungen der intellektuellen Entwicklung." Hoppla. Spinnt der Mann? Ist er ein Ideologe?

Wenn er aber auch nur ein Fünkchen recht hat, wieso wird dann nicht einmal ernsthaft erforscht, was hier den Kindern angetan wird? Es herrscht in unserer Branche ein unbekümmerter Positivismus der Art "Wenn´s da ist, wird´s auch für etwas gut sein."

Wenn es ein Angebot für Kinder gibt, dann gibt man es eben den Kindern. Ja, ein bisschen reglementieren muss man es schon, aber wir wollen doch unsere Kinder nicht von den modernen Entwicklungen ausschließen. Nun weiß inzwischen jeder, dass Fernsehen weder Erwachsene noch Kinder in irgendeiner Weise bildet. Fernsehen ist halt da, das Internet ist da, und nun schauen die digitalen Bücher um die Ecke. Ganz Optimistische sehen hier sogar einen Markt der Zukunft. On verra.

In derselben Woche gab die BARMER-GEK Krankenkasse (die mit 8,7 Mio. Mitgliedern 10,6% der Deutschen versichert und damit in etwa einen repräsentativen Querschnitt durch die Bevölkerung darstellt) in ihrem jährlichen Arztreport bekannt, dass über 1 Million Kinder zwischen 5 und 15 Jahren unter Sprachentwicklungsstörungen leiden, und zwar 11,9% der Jungen und 8,5% der Mädchen. So realistisch dieser Befund ist, so erschütternd ist auch die Reaktion des Vizechefs der Krankenkasse darauf, für den das kein Grund zur Beunruhigung ist: "Wir sehen, dass professionelle Sprachförderung in Anspruch genommen wird." Keine Frage nach den Ursachen, denn vermutlich ist die Therapie ein Geschäftsfeld.
Auch das ist die Realität der Bildungsrepublik Deutschland. Polemisch ausgedrückt: Muss man sich nicht Sorgen machen, dass unsere Kinder verblöden? Nicht weil sie blöd sind, nicht weil ihre Eltern blöd sind, aber weil wir alle zusammen zu viel einfach geschehen lassen?

Wir schütteln uns vor Entsetzen bei gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln wie Milchprodukten, Äpfeln oder Mais (mit dem zutreffenden Argument, dass man die Folgewirkungen nicht abschätzen kann), aber unsere Kinder in frühstem Alter digitalen Attacken auszusetzen, das probieren wir einfach aus und warten mal ab, was passiert?
Natürlich finden die Kinder die digitalen Medien faszinierend. Aber Kinder würden auch den ganzen Tag Schokolade oder Pommes oder Eis essen, wenn man sie ließe. Erzieherische Verantwortung klingt verdammt altmodisch, ist aber das, was Erwachsene ihren Kindern schuldig sind. Auch bei den Medien.

Die junge Elterngeneration hat es jetzt in der Hand, bei den kleinen Kindern die Weichen zu stellen. Erziehungsratgeber boomen. Der Kinder- und Jugendbuchmarkt boomt. Das ist erfreulich, aber lehren uns nicht die Hochphasen der wirtschaftlichen Entwicklung, dass man in diesen die Rücklagen bilden muss, die einen durch die schlechten Zeiten bringen? Es ist der Marketing-Fachmann Andreas Meyer, nicht ein Entwicklungspsychologe, der im BuchMarkt-Heft Februar schreibt: "Warum gibt es in der Buchindustrie keine ernstzunehmende Auseinandersetzung über Sinn und Unsinn z.B. der Apps für Vorschulkinder?" Es geht hier nicht um theoretische Debatten über die digitale Wende als die Zukunftschance, es geht darum, was Kinder brauchen, was ihnen schadet und was sie fördert. Wer das vermeintliche Geschäft diesen Zielen überordnet, hat den Anspruch auf kulturelle Förderung über kurz oder lang verwirkt.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle ein Defizit konstatieren, dem abgeholfen werden kann und muss: Wir brauchen eine seriöse Forschung darüber, was analoge und was digitale Medien Kindern im Vorschul- und Grundschulalter bewirken. Und wir brauchen diese Forschung jetzt, denn im höheren Lebensalter sind die Zeitfenster geschlossen, durch die man als Kind hätte schauen können. Und bei allem Engagement für das eine oder andere Medium sollten wir nicht vergessen, was Manfred Spitzer auf die Frage "Womit sollten denn junge Menschen sich Ihrer Meinung nach besser befassen?" antwortet:"Ganz einfach: Mit der realen Welt und realen Menschen."

Dazu hat die Literatur, auch die für Kinder und Jugendliche, bisher immer wieder hervorragende, die Menschen begeisternde und nachdenklich machende Beiträge geliefert.

Ulrich Störiko-Blume
Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V. (avj)

Büro im Carl Hanser Verlag:
Tel +49 (0) 89 998 30-263
Fax +49 (0) 89 998 30-461





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