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Zum Wochenende 28.10.2011 11:30

Gott schreibt seine Memoiren – BuchMarkt druckt den Prolog

Der Boom an Memoiren macht auch vor dem LIEben GOtt nicht Halt: Am 24. November erscheinen bei Kiepenheuer & Witsch seine Erinnerungen unter dem Titel Das letzte Testament. Erstaunt haben wir zur Kenntnis genommen, daß der LIEbe GOtt (mit seinem Titel Bibel weltweiter Bestsellerautor) sich ausführlich mit Branchenthemen beschäftigt.

Deshalb haben wir uns (mit freundlicher Genehmigung des Verlages) entschlossen, den Prolog seines Buches hier exklusiv vorabzudrucken.


PROLOG

1 Am Anfang traf ich mich mit Daniel Greenberg von der Levine Greenberg Literary Agency zum Mittagessen.

2 Die Zukunft des gedruckten Wortes war wüst und leer, und Finsternis lag auf dem Antlitz des gesamten Verlagswesens.

3 Also reservierte Daniel, mein Agent, mit dem ich schon seit Ewigkeiten zusammenarbeite - womit ich nicht buchstäblich »Ewigkeiten« meine, weil ich mich zunächst selber vertreten habe, aber doch ein gutes Vierteljahrhundert oder so -

4 Jedenfalls hatte Daniel uns einen Tisch im Balthazar besorgt, er kennt dort jemanden.

5 Also trafen wir uns, plauderten höflich, nahmen Platz, brachten einander auf den neuesten Stand, und nach einer Weile lenkte ich das Gespräch bescheiden auf die Frage, warum er mich sehen wollte, obwohl ich es wusste, und er wusste, dass ich es wusste, und ich wusste, dass er wusste, dass ich es wusste, aber siehe, so läuft das nun mal.

6 Und über einem frisée aux lardons, wie man es damals im Himmel nicht bekommen konnte, was sich inzwischen geändert hat, sprach er zu mir:

7 »O Herr, unser Gott, König des Universums, höre, was ich mir gedacht habe:

8 Von deinen vorherigen Büchern sind beeindruckende sechs Milliarden Exemplare verkauft worden;

9 Sie bilden die Grundlage von drei großen und fünf bescheuerten Religionen;

10 Sie sind in 2453 Sprachen übersetzt worden, darunter die einer fiktionalen Rasse von TV-Außerirdischen mit Schuhcreme im Gesicht.

11 Man findet sie in jeder Synagoge, Kirche, Moschee und jedem Comfort Inn auf der Welt;

12 Vor allem jedoch haben sie Maßstäbe gesetzt für Glauben, Ethik und Moral (wie The Bartender`s Bible für das Barkeeping).

13 Aber siehe, dein letztes Buch liegt beinahe vierzehnhundert Jahre zurück -«

14 »Vergiss nicht das Buch Mormon«, unterbrach ich ihn.

15 »Dein letztes ernsthaftes Buch«, fuhr er fort, »und nun ist eine Seuche über unseren Stamm gekommen; Bücher bleiben ungelesen, Buchläden unbesucht, und Bibliotheken sind noch immer ein Treffpunkt für Sonderlinge;

16 Und obschon die Digitalisierung neue Chancen bietet, stellt sie gleichzeitig eine Herausforderung dar; ein Paradigmenwechsel vollzieht sich; ich weiß nicht, ob du die Entwicklungen in der Branche verfolgst, aber content-mäßig …«

17 »ICH VERFOLGE ALLES!«, brüllte ich mit viel Hall und Donnergrollen, wie ich es zu solchen Anlässen einzusetzen pflege.

18 »Verzeih mir, Herr«, sagte Daniel. »Ich werde später mein Kleid zerreißen und vor deinem Antlitz im Staub kriechen.

19 Ich wollte lediglich sagen: Wenn ich den großen Verlagshäusern ein Exposé von Gottes Letztem Testament präsentieren könnte, wäre das ein ziemlicher Knüller.«

20 »Aber was soll darin stehen?«, fragte ich, piekste mit der Gabel in mein pochiertes Ei und betrachtete versonnen, wie das Gelb verführerisch über die bauernfrischen Chicorée sickerte.

21 »Denn ich habe bereits all meine Weisheit vermittelt, all meine Gebote erlassen und all meine Wahrheit offenbart;

22 Und ich muss außerdem gestehen, dass mich die bange Angst umtreibet, kein Buch mehr in mir zu haben.«

23 Und ich seufzte und wandte mich ab und fragte mich ehrlich, ob ich es noch drauf hatte.

24 Und Daniel sagte: »Gewiss, wir sprechen nicht mehr von demselben selbstbewussten allmächtigen Gott, der das Rote Meer geteilt und seinen eigenen Sohn von einer Jungfrau hat gebären lassen und … und … also, ich habe den Koran nie gelesen, aber ich bin sicher, dass du darin auch ein paar unglaubliche Sachen gemacht hast.

25 Außerdem ist das Buch, das mir vorschwebt, nicht wie jene.

26 Denn in diesem Buch würdest du noch einmal deine größten Erfolge Revue passieren lassen – das Alte und das Neue Testament und, wenn du darauf bestehst, auch den Koran – aber auf eine Weise, die mehr den modernen Gebräuchen entspricht;

27 Will sagen, du sprichst ›offener‹ über die darin geschilderten Ereignisse, lässt die Leser an deinen Gefühlen ›teilhaben‹, enthüllst mehr über die diversen beteiligten bekannten Personen, kurzum eine Art ›Making-of der Heiligen Schrift‹

28 Dann schreibst du die Geschichte fort, indem du schilderst, wo du in den letzten 1400 Jahren warst und was du in dieser Zeit gemacht hast, eine Phase, die viele deiner Fans sehr interessieren wird.

29 Zum Schluss lässt du den Leser einen flüchtigen Blick in die Zukunft werfen, vielleicht mit einer kleinen Vorschau auf das Weltenende, worüber nicht wenige deiner Verehrer nach meiner Einschätzung ebenfalls gerne ein Wörtchen von dir hören würden.

30 Aber das Beste kommt noch: Als Einsprengsel wird es eine Reihe kurzer Essays über Fragen von allgemeinem Interesse geben, über Naturkatastrophen, die USA, Prominente und jede andere Zerstreuung, die du ersinnest;
31 Denn solcherart werden auch die Empfindlichkeiten des modernen Lesers bedient, dessen Aufmerksamkeitsspanne auf die Länge von Jonathan Franzens Bartstoppeln geschrumpft ist.

32 »Was ich sagen will, G-Man«, und dabei streckte Daniel die Hand aus und fasste den Ärmel meines Umhangs auf eine Art, wie es kaum ein Mister 15 Prozent ohne prompte Bestrafung je getan haben –

33 »Ich liebe dich als Gottheit, und ich verehre dich als Autor; und ich möchte, dass du neue Gunst unter den Menschen gewinnest, indem du von deinem Podest steigst und dich menschlich zeigst;

34 Auf dass du ein weiteres Mal die Bestsellerlisten anführest, nur diesmal in der modernen Ära;

35 Einer Ära, in der Tantiemen, wie ich dich erinnern darf, korrekt abgerechnet werden können.«

36 Dann verstummte er, und ich grübelte lange.

37 Ja, lange grübelte ich, bis sich in meinem Geist allmählich die uralte Sehnsucht rührte, mein Wort noch einmal unter den Menschen zu verbreiten.

38 Und der Kellner kam und teilte die Rechnung, und Daniel übernahm beide Hälften, denn er sah, dass es gut sein würde.

© Gott, KiWi, David Javerbaum (Comedy-Autor, der in New York lebt)


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