Printausgabe

Zur Webcam
News / Kolumnen / Praxis / Specials / Bestseller / Stellenmarkt / Wer gehört zu wem? / Shop / Titelschutzanzeigen / Mediadaten

Specials


Suche:  ?
Home / Login / Registrierung

- Versöhnung, Groll und Mordsbrände – die Wiederentdeckung der Saga-Literatur

(
Man muss ja immer wieder dankbar sein, dass es den Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse noch gibt. Was sonst hätte deutsche Verlage in Zeiten der Promi-, Schicksals- und Schmuddelbuchwelle animieren sollen, die Saga-Welt der isländischen Literatur wiederzuentdecken?

Die Speerspitze dieser Wiederentdeckung stellt das ambitionierte Neuübersetzungsprojekt dar, das S. Fischer in einer beeindruckenden fünfbändigen Ausgabe unter dem schlichten Titel „Isländersagas“ vorlegt. Vier Text- und Kommentarbände plus Einführungsband, gefördert von der Kunststiftung NRW, präsentieren einen kompletten Eindruck dieser erstaunlich leicht auf die moderne Welt übertragbaren Texte.

Noch leichter fällt diese Übertragung dem, der zu Tilman Spreckelsens Nacherzählung unter dem Titel Der Mordbrand von Örnolfsdalur und andere Isländer-Sagas greift. Spreckelsen hat die alten Texte nach eigenem Bekunden von dem befreit, was den heutigen Leser im Verständnis behindert und legt damit eine von erstaunlich wenig Mythologie geprägte Welt frei. Die gleichwohl raue und bisweilen düstere Stimmung der Saga-Texte bringt Kat Menschik in ihren grandiosen Illustrationen zum Ausdruck.

Doch auch zwischen diesen beiden herausragenden Polen der Saga-Präsentation auf dem Buchmarkt gibt es Entdeckenswertes. Reclam bietet in der schönen „Reclam-Bibliothek“-Reihe gleich zwei Bände, mit den Sagas aus Island eine Auswahl von vier der schönsten Saga-Texte sowie eine Ausgabe der Götter- und Heldenlieder der älteren Edda, und wer sich dafür interessiert, wie solche Mythen weiterwirken, ist mit Mythos Odin gut bedient, in dem Rudolf Simek „Texte von der Edda bis zum Heavy Metal“ versammelt hat.

Ebenfalls eine Auswahl aus den Sagas gibt es im Insel-Taschenbuch Die schönsten isländischen Sagas, während Manesse eine schöne Ausgabe der Prosa-Edda von Snorri Sturluson zu bieten hat. An eine Biographie Sturlusons hat sich Óskar Gudmundsson bei Böhlau gewagt und unter dem Titel Homer des Nordens die Wirkmächtigkeit dieses Mannes nachgezeichnet. Apropos Wirkmächtigkeit: auch die neuere isländische Literatur zehrt von der Saga-Tradition, etwa in Einar Kárasons großem Roman Versöhnung und Groll bei btb oder in dem Mittelalter-Panorama Morgengebet, das Thor Vilhjálmsson bei Osburg entwirft.

Islands Sagawelt auf die Ohren gibt es natürlich auch. Etwa mit der Island-Saga vom weisen Njal, die Christian Brückner im Hörverlag eingesprochen hat oder mit dem ambitionierten Projekt Die Saga-Aufnahmen bei supposé. Der Clou dort: Deutschsprechende Isländer erzählen die Sagas zusammen mit ihren persönlichen Geschichten und Erkenntnissen, aufgenommen an Original-Schauplätzen, alles dokumentiert im Booklet.

Wie gesagt: wann sonst, wenn nicht zum Buchmessen-Schwerpunkt, würde uns so etwas erreichen?

Carsten Tergast