Der Irrtum ist verbreitet, dass alle Hardcover (deutscher Ausdruck: Deckenbände) fadengeheftet sind, im Gegensatz zu den klebegebundenen Taschenbüchern und Paperbacks.
Dem ist aber nicht so. Dabei ist leicht zu erkennen, ob ein Buch wirklich fadengeheftet ist. Suchen Sie einfach in der Mitte der Doppelseiten nach dem Faden. „Kein Faden, keine Fadenheftung“, schreibt Rainer Groothuis, einer der letzten großen Buchästheten, lakonisch. Ich zitiere ihn weiter: „Bei der Klebebindung gibt es keine Fäden. Hier werden die Seiten beschnitten, diese Beschnittkante mit Leim bestrichen und dann in die Decke bzw. den Kartonumschlag eingehängt“ - übrigens das für Taschenbücher gängige Verfahren.
Aber es lässt sich auch schummeln, und zwar mit der sogenannten kaptalten Dispersion. Dazu Groothuis: „Ein Trick, bei dem die Bücher zwar, wie ein `anständiges` Buch , eine Buchdecke mit Kapitalband haben, die Seiten aber nicht durch Fäden zusammengehalten, sondern schlicht aneinandergeklebt werden“.
Und beim Kleben kommt es vor allem auf die Qualität des Leimes an. Der schlechteste hört auf den schönen Namen „Hotmelt“. Er wird zwar von den Taschenbuchverlagen kaum noch verwendet, aber ausgestorben ist er leider noch immer nicht. Wie viele ohne Sorgfalt hergestellte Bücher – schlecht gesetzt, lieblos gedruckt, schludrig gebunden- tummeln sich auf dem Markt!
In Zeiten der E-Books ist aber das Alleinstellungsmerkmal eines Buches noch immer, dass es ein Buch ist. Und das heißt, ohne Stromquelle, Tastatur und Bildschirm nutzbar und dazu, wenn sich der Verlag Mühe gegeben hat, schön, solide, haltbar, zwar nicht mehr mit der Hand hergestellt, doch von handwerklicher Güte.
Groothuis hat in seiner wunderbaren Warenkunde „Wie kommen die Bücher auf die Erde?“ 10 Regeln, wie Sie die Spreu vom Weizen trennen können, aufgestellt. Regel 7: „Wenn es Ihnen nicht egal ist, wie lange das Buch hält, dann prüfen Sie die Qualität der Bindung“. Sein Buch erschien 2007 beim DuMont Literatur und Kunst Verlag Köln in einer überarbeiteten und erweiterten Neuausgabe. Es sollte in keiner Buchhandlung und keinem Verlag in der Arbeitsbibliothek fehlen und für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Pflichtlektüre zählen.
So viel zu unserem heutigen „Populären Branchenirrtum“. By the way: Hinweise auf sonstige Branchenirrtümer nehme ich gern per E-Mail entgegen
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Wolfgang Ehrhardt Heinold