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Das Sonntagsgespräch 10.07.2011 00:01

Klaus Humann über pottermore.com

Die Autorin Joanne K. Rowling hat die Website www.pottermore.com angekündigt, auf der es künftig eine Online-Welt rund um Harry Potter geben soll und außerdem die E-Books und digitalen Hörbücher verkauft werden - und zwar ausschließlich dort.

Carlsen-Verleger Klaus Humann kennt das Projekt seit einem Jahr und erklärt im BuchMarkt-Sonntagsgespräch, was es für Verlage und Handel bedeutet.


Das Sonntagsgespräch - Klaus Humann © Julia Zenk
Klaus Humann
© Julia Zenk
Wann haben Sie von pottermore.com erfahren?

Klaus Humann: Wir wussten seit über einem Jahr davon, man hat uns früh eingebunden, weil man wissen wollte, ob die Harry Potter-Verleger der wichtigsten Sprachen – Spanisch, Italienisch, Französisch, Deutsch und in jedem Fall natürlich Englisch – sich daran beteiligen wollten. Der erste Brief der Agentur zu dem Thema war allerdings noch nicht so richtig einladend. Ich bin dennoch vor einem Jahr nach London gefahren, auch um unsere Bedenken zu äußern: Wir gehen nach wie vor davon aus, dass das Geschäft mit E-Books im Grunde so läuft wie das mit Büchern, nämlich dass viele Händler die Titel über ihre Kanäle vertreiben. Wir glauben nicht, dass es auf der Welt nur eine einzige Stelle geben kann, bei der man E-Books kauft.

Frau Rowling sieht das anders.

Ja, es war schnell klar, dass die Autorin den direkten Weg zu ihren Kunden sucht, ohne Händler dazwischen. Es ging also nur noch um die Frage, zu welchen Bedingungen wir dabei sein wollten. Wir haben uns entschlossen, unsere Übersetzungen für die E-Books an pottermore.com zu geben, also an dem Geschäft teilzunehmen. Sonst hätte sie die Bücher neu übersetzen lassen. So verdienen auch unser Übersetzer und der Verlag.

Trotzdem keine gute Entwicklung für Verlage wie Handel.
Natürlich ist das eine Entwicklung, die wir Verlage mit Bangen beobachten. Es ist ja wirklich kein Kunststück, E-Books ins Netz zu stellen. Den Hörverlag trifft es im Fall pottermore.com noch schlimmer, denn die Downloads im Hörbuchbereich nehmen einen immer höheren Anteil ein.

pottermore.com könnte auch ein Modell für andere Autoren sein.

Nein. Frau Rowling ist einzigartig. Ich denke, es gibt weltweit vielleicht fünf weitere Autoren, die so etwas wie pottermore.com stemmen könnten, die also so bekannt sind, dass ihnen die Leser auf ihre Seite folgen und die das Geld haben, um die Infrastruktur zu bezahlen. Im Fall von Frau Rowling ist außerdem noch Sony beteiligt, und wenn man im Herbst ein neues Gerät von Sony kauft, wird, so hört man, dort auch etwas von pottermore installiert sein.

Als Sie Potter gekauft haben, kamen da E-Books schon vor in den Verträgen?

Nein, dazu gab es keine Klauseln. Wir hatten ohnehin nur einen schmalen Vertrag, in dem es hauptsächlich um die Verwertung als Hardcover und Taschenbuch ging. Wenn es beispielsweise eine Ausgabe für eine Buchgemeinschaft gab, haben wir neu verhandelt. Und die Hörbuchrechte hätten wir nur bekommen, hätten wir damals ein Hörbuchlabel gehabt. Aber 1997 war dieser Markt ja noch bescheiden.

Und wie sehen heute die Abverkäufe im Printbereich aus?

Wir verkaufen pro Jahr immer zwischen 8.000 und 12.000 Exemplare der Hardcover-Bände, und Band 1 ist immerhin 14 Jahre am Markt. Inzwischen verlagert sich das Geschäft deutlich ins Taschenbuch, ist im sechsstelligen Bereich ein solides Backlist-Geschäft, und ich wäre froh, wenn wir mehr von diesen Titeln hätten. Durch den Start des letzten Kinofilms am 14. Juli haben die Titel schon jetzt zusätzliche Aufmerksamkeit bekommen.

Und Frau Rowling hat eine Möglichkeit gefunden, noch mehr Geld einzuspielen.

Aber so funktioniert nun mal der Kapitalismus. Wir hören ja auch nicht auf, unsere Bücher nachzudrucken. Ich habe die Entwicklung schon lange beobachten können, spätestens im Jahr 2000 kam die große Potter-Kommerzmaschine. Es gibt Beispiele, wo sich Autoren der Vermarktung verweigern, andere dagegen sehen es als reizvoll an, mit Hollywood zu flirten. Es gibt für beides gute Gründe.

Gerade hat sie sich von ihrem Agenten getrennt und ist zu einem ehemaligen Partner der Agentur gewechselt, der pottermore.com mit gestaltet hat.

Ich habe über 14 Jahre sehr vertrauensvoll mit Christopher Little gearbeitet, auch heftig mit ihm gestritten. Aber auch das ist Kapitalismus. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Sehen Sie noch eine Chance für den Buchhandel, am pottermore.com-Modell zu partizipieren?

Der Handel ist zuerst einmal klar draußen. Wenn pottermore.com nicht so laufen sollte wie erhofft, wird Frau Rowling wohl auf die größeren Händler zugehen. Die kleineren Buchhändler wiederum drängen sich aber auch nicht gerade danach, E-Books zu verkaufen.

Könnte pottermore.com auch positive Effekte für Verlage und Handel haben?

Wenn die Fans erstmal wissen, dass es die Seite gibt, wird dort viel passieren. Ich habe erste Versionen sehen können, und es ist wirklich beeindruckend, was die dort technisch auf die Beine stellen. Da kann man Zauberstäbe aussuchen, Quidditch spielen, alles unentgeltlich, natürlich, um dazu anzuregen, möglichst viel zu kaufen. Und das Ganze wird auch mit den Verlagen und der Bücherwelt vernetzt.

Wie geht Carlsen generell das E-Book-Geschäft an?

Wir machen aus allen Novitäten des erzählenden Programms, an denen wir die entsprechenden Rechte haben, E-Books, ebenso aus einem Teil der Backlist. Außerdem setzen wir auch einige der Bilderbücher als E-Books um. Gerade haben wir einen Manga-shop als App konzipiert, der Mitte Juli geöffnet ist, um Jugendlichen die Gelegenheit zu geben, Manga ab jetzt legal als E-Books im iBook-Store zu erwerben. Und schließlich sind wir mit Apps erfolgreich, nicht nur mit den Pixi Apps, sondern auch mit einer höherpreisigen über die „Drei kleinen Schweinchen“ . Sehr innovativ, sehr vorneweg.

Wie schätzen Sie die Zukunft des E-Book-Marktes ein?

Wenn Sie mich persönlich fragen: Ich bin abwartend-skeptisch. Aber ich bin der Meinung, dass es unsere Pflicht ist, diese Felder zu besetzen. Ich möchte nicht in fünf Jahren unseren Autoren und Illustratoren erklären müssen, warum wir es nicht versucht haben – und damit möglicherweise ein Geschäft an ihnen vorbeigegangen ist. Und sollte das Ganze eine Luftnummer werden, dann lassen wir es eben wieder. Natürlich sehe ich mit Schrecken, wie heute Vierjährige mit dem iPad umgehen. Aber früher haben meine Eltern auch mit Schrecken beobachtet, wie unsere Söhne mit Kassettenrekordern hantierten.


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