Meinung 05.07.2011 14:39
Thomas Bez liefert "Alte Argumente für die neue Debatte über die Preisbindung für Bücher"
Die Debatte um die Preisbindung für Bücher scheint neue Nahrung zu bekommen: Auf den Buchtagen in Berlin wurde diskutiert, ob es sinnvoll ist, eine Kampagne für die Preisbindung von Büchern zu führen und z. B. (Vorschlag von Lorenz Borsche) in jedes Buch einzudrucken, dass und warum Bücher preisgebunden sind.
Auf der anderen Seite macht der Artikel eines Fachmannes für den Einzelhandel im Juni-Heft von brand eins nicht nur den Preisbindungstreuhändern Kopfzerbrechen, denn dort finden sich viele Vorurteile, die seit Jahrzehnten gegen die Buchpreisbindung ins Feld geführt werden: die Strukturen des Buchhandels seien „eingefroren“, der Preiswettbewerb würde zu besserem Service, zu Lesungen, zu attraktiven Einkaufserlebnissen und breiteren Sortimenten führen, die Preisbindung verhindere die Innovation im Buch¬handel usw. Dass dem nicht so ist, hat Umbreit-Chef Thomas Bez bereits in seiner Diplomarbeit über den deutschsprachigen Buchmarkt 1975 bewiesen (veröffentlicht im Archiv für Soziologie in Wirtschaftsfragen des Buchhandels 1978). Er vermittelt dies auch immer wieder Studentinnen und Studenten an verschiedenen deutschen Hochschulen, z. B. in einem Seminar über „Buchhandel im Wandel – Dynamik der Betriebsformen“ an der LMU in München.


An den Autor des Artikels
Geiz ist geil. Service ist geiler. in "brand eins"(Heft 06/11, Seite 102 – 105) hat er jetzt seine Antwort geschrieben, die uns allen gute Argumente liefert, wenn weiter diskutiert wird:
Sehr geehrter Herr Gerling,
auch nach mehrfachem Lesen kann ich nur feststellen:
– „Geiz ist geil“ ist ein Werbespruch, von dem das werbende Unternehmen heute nichts mehr wissen will, und die Werbeagentur wusste sicher nicht, dass Geiz eine der sieben Todsünden ist.
– „Service ist geiler.“ Durch den Komparativ wird der Service nicht „geiler“; aber nach¬denkliche Menschen legen in der Zwischenzeit mehr Wert auf Service und Nach¬haltigkeit als auf „billige Preise“, die zu billigen Produkten führen, die der Umwelt schaden (Wegwerfgesellschaft).
– „Ihr Artikel aber ist der geilste.“ Entschuldigen Sie den Superlativ, aber auch nach mehrmaligem Lesen war ich „platt“, wie wenig Sie den Buch- und Pressehandel kennen.
Bereits in meiner 1975 erschienenen (und im Archiv für Soziologie und Wirtschaftsfragen des Buchhandels (XLIV) veröffentlichten) Diplomarbeit über den deutschsprachigen Buch¬markt habe ich nachgewiesen, dass die Dynamik der Betriebsformen im Buch¬handel – mit Ausnahme der Erscheinungsform des Buchdiscounters – mindestens so intensiv ist, wie in anderen Branchen. Dieser Nachweis gelingt mir auch heute noch, wenn ich an der LMU (Ludwig-Maximilians-Universität) München ein Seminar über „Buchhandel im Wandel – Dynamik der Betriebsformen“ halte. Selbst die Form des Buchdiscounters gibt es seit längerer Zeit, sie heißt „Jokers“ und hieß bis vor Kurzem auch noch Wohlthat’sche (Buchhandlungen). Die Läden von Weltbild sind eine Mischung von Katalogshop und Buchdiscounter und beim Versand- und Internet¬buchhandel finden Sie jede Menge „Schnäppchen“.
Warum sich die kleineren Buchläden neu aufstellen sollen und all das einführen, was sie seit hunderten von Jahren tun, das weiß ich nicht. Im Buchhandel gilt der Leistungs¬wettbewerb anstelle des Preiswettbewerbs, der Service (Beratung, Nachweis und Beschaffung jedes lieferbaren Buches) steht ganz oben. Lesungen haben nicht etwa die Filialisten heutiger Tage erfunden, und wie attraktiv ein Einkaufserlebnis ist, das hängt sehr vom Käufertyp ab. Da mögen die Buchkaufhäuser als „Einkaufstempel“ der jüngeren Generation mehr entgegen kommen als die Bücherstuben und Universitäts¬buchhandlungen, wo man und frau sich kennen.
Die Barsortimente (Buchgroßhändler) liefern sechs Mal in der Woche über Nacht, nicht etwa erst nach zwei Tagen. Bei einer Bestellung bis 18.00 Uhr erfolgt die Lieferung in der Regel am nächsten Morgen vor Ladenöffnung, und dieses Tempo ist seit mehr als 30 Jahren der „Standard“. Deshalb ist jede Buchhandlung an jedem Ort genauso schnell wie die großen Internetbuchhändler, wenn es um die Beschaffung von im Laden nicht vorhandenen Titeln geht – jedenfalls sofern diese beim Barsortiment („Hintergrund¬lager“ des Buchhandels) lieferbar sind, und das sind in der Regel zwischen 370.000 und 450.000 (verschie¬dene) Titel. Das ist ein Mehrfaches dessen, was große Buchkaufhäuser auf Lager haben und gleichzeitig das, was die großen Internetbuchhändler Tag für Tag benötigen, weil bei ihnen der „Long tail“ eine große Rolle spielt.
Vielleicht noch ganz zum Schluss: Die Preisbindung im Handel mit Zeitungen und Zeit¬schriften ist viel stringenter als die Buchpreisbindung. Deshalb erhalten Sie „täglich Presse überall“, und Ihr Institut weist nach, dass man Presse rentabel führen kann, obwohl – oder gerade weil – die größten Abnehmer im Einzelhandel nicht nur dieselben Copy-Preise kassieren müssen, sondern auch denselben Einkaufspreis bekommen wie die kleinste Verkaufsstelle (z. B. eine Bäckerei). Also: Auch die Recherche im eigenen Haus hätten etwas mehr „Sensibilität“ für die Rolle der Preisbindung erwarten lassen dürfen.
Mit freundlichen Grüßen
Thomas Bez
G. UMBREIT GMBH & CO. KG
BEZ GMBH