Die Verlegerfigur von Gustav Kiepenheuer ist auch 62 Jahre nach seinem Tode so beherrschend, dass die Verlagstätigkeit anderer Familienmitglieder dahinter zurücktritt.
Kiepenheuer übernahm 1910 die Telemannsche Buchhandlung in Weimar und gründete gleichzeitig einen Verlag unter seinem Namen; den er bis zu seinem Tode im Jahre 1949 führte. Der Verlag zog 1919 nach Potsdam, 1929 nach Berlin um und hatte auch einen Sitz in Leipzig. Nach der Schließung durch die Reichsschrifttumskammer im Jahre 1944 kam es nach Kriegsende 1946 zur Neugründung in Weimar, nach anderen Quellen in Jena. Das Adressbuch des Deutschen Buchhandels von 1948 – das letzte gesamtdeutsche vor der Wiedervereinigung – weist Weimar, Lenbachweg 2 als Verlagssitz aus.
Heute ist der Gustav Kiepenheuer Verlag ein nicht mehr aktives Imprint der Berliner Aufbau-Verlagsgruppe. Stichworte zur Verlagsgeschichte nach 1945 und zu Gustav Kiepenheuers Rolle bei der Gründung von Kiepenheuer & Witsch in der britischen Besatzungszone finden Sie in „Populäre Branchenirrtümer“ Mai 2011 [mehr...].
Irmgard Kiepenheuer geb. Funke (1887-1971) war die zweite Ehefrau von Gustav Kiepenheuer. Sie trat nach ihrer Scheidung von Gustav Kiepenheuer in den von Hans Müller im Jahre 1919 gegründeten Verlag ein, der 1925 in Müller & Kiepenheuer umbenannt wurde. Das Buchhandelsadressbuch von 1948 verzeichnet als Sitz im Ortsregister Bergen/Obb. und im Firmenalphabet Stuttgart N, Jägerstraße 24.
Irmgard Kiepenheuer und Hans Müller bereisten nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihren Verlagserzeugnissen von Bergen/Obb. aus den Buchhandel. Sie traten dabei gemeinsam auf. Ich erinnere mich gut daran, denn ich kaufte als 1. Sortimenter der Heliand-Bücherstube in Lüneburg bei ihnen ein.
Nach Auskunft des Archivs des Börsenvereins trat der Hanauer Buchhändler und Verleger Werner Dausien 1962 als Komplementär in den Verlag ein, der bis einschließlich des Jahrgangs 2001/2002 im Adressbuch für den deutschsprachigen Buchhandel unter der Hanauer Adresse verzeichnet blieb. Die Firma ist lt. Eintrag im Bundesanzeiger 2003 erloschen.
Kiepenheuers dritte Ehefrau, Noa (Elisabeth) Kiepenheuer (1893-1971), war im Verlag ihres Mannes in der Verlagsleitung tätig. Sie führte das Unternehmen nach Kiepenheuers Tod bis zu ihrem eigenen Tod fort. Noa Kiepenheuer arbeitete als Übersetzerin und benutzte dabei teilweise das Pseudonym Matthias Holnstein, unter dem sie auch Erzählungen veröffentlichte. Auch als Herausgeberin trat sie auf.
Die dritte Verlagsfrau in der Familie ist Bettina Hürlimann, 1909 in Weimar als Tochter von Gustav und Irmgard Kiepenheuer geboren und 1983 in Zollikon/Schweiz gestorben. Sie trat nach ihrer Ausbildung 1931 als Volontärin in den Atlantis Verlag Berlin ein und heiratete 1933 dessen Verlagsleiter Martin Hürlimann, mit dem sie vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieg in dessen Heimat, die Schweiz, übersiedelte.
Eines der vier Kinder des Paares ist die bekannte Autorin vor allem religiöser Kinder- und Jugendbücher Regine Schindler (geboren 1935, aufgewachsen und ansässig in der Schweiz).
Bettina Hürlimann leitete im Atlantis Verlag von etwa 1939 bis 1974 die Kinder- und Bilderbuchabteilung und genoß als Kinder- und Bilderbuchexpertin internationalen Ruf. Ihre umfangreiche Kinderbuchsammlung ist beim Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien zugänglich (Gesamtkatalog 1992). Ihre Autobiografie erschien 1976 bei Artemis in Zürich unter dem Titel Sieben Häuser. Aufzeichnungen einer Bücherfrau.
Bettinas 1910 geborener Bruder Karl Otto Kiepenheuer (gestorben 1975) wurde auf einem anderen Gebiet bekannt, und zwar als Astronom und Astrophysiker. Nach ihm ist das Kiepenheuer-Institut für Sonnenphysik in Freiburg im Breisgau benannt.