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- So bekommen Sie einen Imagewandel Ihrer Buchhandlung hin

Im BuchMarkt-Aprilheft 2011, Seite 48 schildert unser Autor Helmut Benze die ebenso kreative wie mutige Aktion, mit der die Buchhändlerin Marion S. den Imagewandel der geerbten Buchhandlung einleitet und vom Start weg den Umsatz steigert.

Dabei bindet sie sogar die Kommunalpolitik ein. Im Monat April 2011 nach den von gedankenarmen Medienleuten vollmundig als „historisch“ bezeichneten Kommunalwahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg mutet die viele Jahre zurückliegende Aktion von Marion S. besonders risikofreudig an. Wahlkämpfer bemühen sich zwar artig um jeden Auftritt vor ihren potentiellen Wählern, nutzen dann jedoch jegliche Öffentlichkeit oft scham- und stillos, um ihre Parteisprüche zu klopfen und den politischen Gegner zu verunglimpfen. Das kann für Partner mehr als peinlich werden. Die eindeutigen Vorgaben der beherzten Buchhändlerin und der Charme ihrer Idee haben jedoch bewirkt, dass sich alle Mitwirkenden an die Spielregeln gehalten haben.

Die Idee der Aktion „Die Zwölf Belesenen“

Unter Ausschluss von Kandidaten der am Ort sehr aktiven und einflussreichen Rechten wurden die Spitzenleute der um die Wählergunst werbenden Freien Wähler, der Grünen, der Liberalen sowie der CDU und der SPD dazu eingeladen, während des Wahlkampfes das Schlüsselbuch ihres Lebens, oder die fesselndste Urlaubslektüre, das geliebteste Bilderbuch der eigenen Kindheit oder der Kinder und Enkel oder das berührendste Geschenkbuch vorstellen und geladenen Gästen sowie (sehr interessierten) Vertretern örtlicher und überregionaler Medien empfehlen. Frei von jeglichem Hinweis auf parteipolitische Parolen.

Marion S. erwartete vier Effekte:
1.) Die Bereitschaft der Politiker, sich im attraktiven Umfeld von Büchern und Literatur von der besten Seite zu zeigen
2.) Die Neugier eines Teils der lesenden WählerInnen auf den bevorzugten Lesestoff lokaler Spitzenpolitiker.
3.) Die Aufgeschlossenheit einiger Leser, von ortsbekannten Persönlichkeiten empfohlene Bücher zu erwerben.
4.) Durch den demonstrativen Ausschluss der Rechten, die bei Marions Großvater ständige Heimspiele hatten, sollte ein Zeichen gesetzt werden:
Die Buchhandlung ist offen für alle glaubwürdigen Demokraten. Nicht jedoch für unbelehrbare Neonazis.

Marions Erwartungen wurden bestens erfüllt. Mit allen zwölf von den „Zwölf Belesenen“ zum Teil sehr überzeugend, ja zuweilen mitreißend vorgestellten Büchern erzielten Marion S. und ihr Team nicht nur in den Tagen der Aktion sondern noch Wochen danach mehr als bemerkenswerte Umsätze.

Die Vorgaben der Buchhändlerin:
Marion S. verabredete nicht nur Verzicht auf parteipolitische Parolen, sondern sie gab einen Ablauf vor, den alle Mitwirkenden akzeptierten. Die Vortragenden hatten zugesagt folgende Stationen ihres 20-minütigen Auftritts in der Buchhandlung genau einzuhalten:
1) Diese Rolle spielen Lesen, Bücher und Medien in meinem Leben
2) So mache ich ein Kind oder erwachsene Freunden in drei kurzen Sätzen, eine Buchhandlung neugierig:
3) Dieses Buch empfehle ich Ihnen:
4) Zur Zeit lese ich gerade folgendes Buch. Oder folgende Bücher:

Die Empfehlungen der „Zwölf Belesenen“:
Zunächst die Titel der zwölf Umsatzbringer und dann drei Beispiele für Empfehlungen. Zwei nahezu vollständig, eine verkürzt auf Kernsätze.

Die Freien Wähler:
> Ernst Rebel: Albrecht Dürer – Maler und Humanist, C. Bertelsmann Verlag
> José Saramago: Das Memorial, Rowohlt
> Brigitte Schär / Jacky Gleich: Das geht doch nicht!, Hanser

Die Grünen:
> Erich Kästner: Zeitgenossen, haufenweise – Gedichte (Erich Kästner, Werke), Hanser und Büchergilde Gutenberg
> Selma Lagerlöf: Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgerson mit den Wildgänsen, diverse Verlage
Die Welt der ENCYCLOPÈDIE ediert von Anette Selg und Rainer Wieland,
DIE ANDERE BIBLIOTHEK, Eichborn

FDP:
Elias Canetti: Die gerettete Zunge, Hanser
Italo Calvino: Der Baron auf den Bäumen, Hanser

CDU:
Gustav Schwab: Die schönsten Sagen des klassischen Altertums, Reclam
Willy Cohn: Kein Recht – Nirgends / Breslauer Tageücher 1933-1941; Böhlau

SPD:
James Krüss: Mein Urgroßvater, die Helden und ich, Carlsen
Stefan Zweig: Die Welt von Gestern / Erinnerungen eines Europäers, S. Fischer Verlag


Beispiel 1
Ernst Rebel: Albrecht Dürer – Maler und Humanist, C. Bertelsmann:
„Fasziniert und befremdet von Dürers christusähnlichem Selbstportrait in der Alten Pinakothek, wollte ich mich eingehender über Werk und Leben dieses Genies informieren. Eines Genies, dessen Name für eine Epoche deutscher und europäischer Kunst- und Kulturgeschichte steht.
Unsere Gastgeberin Frau Marion S. empfahl mir das Buch eines der führenden Dürerexperten unserer Zeit. Rebels Buch zählt zu den mit Abstand besten Sachbüchern, die ich je gelesen habe oder besitze.
Das ist nicht allein der Einzigartigkeit von Werk und Wirkung Albrecht Dürers zuzuschreiben. Vielmehr ist es der großartige Darstellungskunst Rebels zu verdanken, dass man gleichermaßen exzellent informiert, angeregt und durch ein Lesevergnügen erfreut wird. Rebel schreibt fesselnd, klar und doppelt einfühlsam. Denn er fühlt sich gleichermaßen in den Leser wie in die dargestellte Person und ihre Epoche ein. So werden der Mensch, das Genie Albrecht Dürer und seine
Zeit - das Spätmittelalter im Übergang zur Renaissance - lebendig.
Selten haben mich 550 Seiten derart gebannt, dass ich es gegen Schluss des Buches bedauerte, dieses Buch bald aus der Hand legen zu müssen.
Neben vielen großen Vorzügen zeichnet sich Rebels Buch durch Interpretationen
der Hauptwerke Dürers aus. Man kommt in den Genuss einer Meisterschule des Sehens und Erkennens von großer Kunst. Sieht – von Rebel behutsam und nie bevormundend geführt – in Bilddetails wertvolle Aufschlüsse für das betrachtete Kunstwerk. Und man lernt beiläufig, wie man sich künftig andere Kunstwerke anderer Künstler erschließen kann.
Im nächsten Urlaub werde ich dieses Buch ein zweites Mal lesen. Bereits jetzt freue ich mich auf die Wiederbegegnung mit einem Buch, dessen Lektüre und dessen Besitz ich vielen Menschen gönne.“

Beispiel 2:
José Saramago: Das Memorial, Rowohlt:
“Saramago entführt uns in die Geschichte Portugals in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts. Wir werden Zeugen eines Gelübdes und eines gigantomanischen
Bauvorhabens. Wir erleben Hofintrigen, Heuchelei und Grausamkeit weltlicher und geistlicher Potentaten, Zauber und Magie sowie eine wundervolle – leider tragisch
ausgehende – Liebesgeschichte.
Wer mindestens vier Bücher in einem genießen möchte, greife zu diesem 1982 erschienenen Roman. Saramago schuf mit diesem Roman eine Parabel auf Gnadenlosigkeit und Heuchelei höchster Würdenträger, einen historischen Roman, der die Errichtung einer gewaltigen Klosteranlage bei Mafra in der Nähe Lissabons zum Gegenstand hat, und uns die Zeit zwischen 1711 und 1740 so miterleben
lässt, als seien wir Zeitzeugen. Saramago erfand überdies eine Liebesgeschichte zwischen einem Kriegsinvaliden und einer starken, mit Seherkräften begabten (und für die Inquisition gezeichneten) Frau. Und der Autor lässt uns mitfiebern, ob der kühne, damals als Hexerei geahndete Versuch gelingt,
Menschen, den Vögeln gleich, in die Luft zu erheben und glücklicher als Ikarus
hoch über Land und Meer große Entfernungen zu überwinden. Und dieses mit einem Fluggerät, der „Passarola“, die von der Kraft menschlicher Willenskräfte
emporgehoben und vorangetrieben wird.
Das Gelübde eines Königs, der Gott für einen Nachkommen ein Kloster verspricht, führt satirisch vor, wozu sich Mächtige versteigen, um die Fruchtbarkeit ihrer Lenden und des schmalen Beckens einer frigiden Gemahlin zu preisen. Über 50.000 Untertan zwingt der nach Unsterblichkeit geile Herrscher zum Bau des unheiligen Klosters. Der monströsen Monumentalität des Memorials entsprechen
grenzenloses Leid, grausamer Tod und gnadenlose Verstümmelung der Bausklaven.
Wie Saramago die Fakten, Fiktionen und Fabeln inszeniert, und wie er die Personen dieses gewaltigen und gewaltreichen Schauspiels sprechen, lachen, leiden, spotten, lieben und träumen lässt, verzaubert den Leser von der ersten bis zur letzten Seite. Große, großartige Unterhaltung eines Lehrstücks dessen Autor nie den Zeigefinger hebt. Wohl aber den Potentaten aller Zeiten und Kulturen eine lange Nase aufsetzt.
Zu dem großen Vergnügen, als Leser daran teilhaben zu dürfen, ja, während der Lektüre sogar Teil des unerhörten Geschehens werden zu können, möchte ich gern viele der hier anwesenden Leserinnen und Leser verlocken!“

Beispiel 3:
Brigitte Schär / Jacky Gleich: Das geht doch nicht!, Hanser:
Ein ebenso eigenwilliges wie starkes Mädchen macht aus dem Weihnachtsabend
den Stapellauf für eine Seereise. Wie der Kleinen das ganz Große gelingt, Sehnsüchte wahr werden zu lassen und Spießer in Seeleute zu verwandeln, das erzählen und malen die beiden Autorinnen so mitreissend und – bei aller Fantastik – so überzeugend, dass ihnen eines der großartigsten Mutmach- und Motivationsbücher gelungen ist. Allen zu empfehlen, die den Beweis in Händen halten wollen, dass Glauben Berge versetzt. Oder, wie im Buch, Häuser zum Einsturz und Schiffe auf Kurs bringt. Es geht eben doch!
Wer sich selbst Mut oder anderen mehr Selbstvertrauen und Zuversicht schenken möchte, wird mit diesem wundervollen Buch viel auslösen. Bei Jung und Älter!