Der erste Verlag, der Buchveröffentlichungen von Heinrich Böll (1917–1985) herausbrachte, war nicht Kiepenheuer & Witsch in Köln, sondern der Friedrich Middelhauve Verlag in Opladen. Josef Schaaf betreute ihn dort als Lektor. Als erster Titel wurde im Dezember 1949 die Erzählung Der Zug war pünktlich, ein 146-Seiten-Bändchen, veröffentlicht. Ihm folgte Ende Oktober 1950 der Sammelband Wanderer, kommst du nach Spa… und Ende Oktober/Anfang 1951 der Roman Wo warst du, Adam.
Im September 1951 hatte Middelhauve außerdem die nur 22 Seiten umfassende Erzählung Die schwarzen Schafe als Einzelveröffentlichung publiziert. Mit dieser Satire hatte Heinrich Böll im Mai 1951 auf deren siebter Tagung in Bad Dürkheim den mit 1.000 DM dotierten Preis der Gruppe 47gewonnen. Die Preisvergabe leitete seinen literarischen Durchbruch ein.
In der Folge, so kann man immer wieder lesen, sei es zu einem Autorenvertrag mit Kiepenheuer & Witsch gekommen. Tatsache ist, dass die nächste Buchveröffentlichung weder bei Middelhauve noch bei Kiepenheuer & Witsch erschien, sondern im Dezember 1952 in der von Alfred Andersch in der Frankfurter Verlagsanstalt herausgegebenen Reihe studio frankfurt unter dem Titel Nicht nur zur Weihnachtszeit. Böll hatte diese 58 Seiten umfassende Erzählung auf der Tagung der Gruppe 47 vom 31. Oktober bis 2. November 1952 auf Burg Berlepsch bei Göttingen vorgelesen. Erst Ende März/Anfang April 1953 erschien als Bölls erste Veröffentlichung bei Kiepenheuer & Witsch sein Roman Und sagte kein einziges Wort. Diesem Verlag ist er dann bis zu seinem Tode treu geblieben.
Bölls erster Verleger, Dr. Friedrich Middelhauve (1896–1966), wurde nicht nur als Unternehmer bekannt. Er war in der Weimarer Republik Mitglied der Deutschen Staatspartei und gründete nach dem Zweiten Weltkrieg in Opladen die Deutsche Aufbaupartei, die er in die FDP überführte. Für diese saß er im Düsseldorfer Landtag und zweimal im Deutschen Bundestag. Von 1954 bis 1956 war er stellvertretender Ministerpräsident und Minister für Wirtschaft und Verkehr in Nordrhein-Westfalen.
Noch ein paar Worte zu diesem Verleger. Middelhauve gründete 1921 in Leverkusen eine Buchhandlung und 1924 in Opladen eine Druckerei, übernahm 1938 das Papierverarbeitungswerk Julius Cramer in Köln-Ehrenfeld, gründete 1946 den Westdeutschen Verlag Köln/Opladen und 1947 als schöngeistigen Verlag die Friedrich Middelhauve Verlag GmbH.
Letztere wurde in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts stillgelegt, 1961 von Middelhauves Tochter Gertraud wieder belebt, in Gertraud Middelhauve Verlag umbenannt und 1990 aus Altersgründen an Orell Füssli in Zürich verkauft. Die Schweizer wiederum verkauften den Verlag an die Meisinger Gruppe in München, die bald darauf insolvent wurde. Die Rechte an den Middelhauve-Kinderbüchern liegen nunmehr bei Beltz in Weinheim. An Gertraud Middelhauve (1929–2004) erinnert ihre Bilderbuchsammlung im Bilderbuchmuseum Troisdorf.
Der Westdeutsche Verlag wurde 1974 von der Bertelsmann AG gekauft und ab 1999 in der Gruppe BertelsmannSpringer weitergeführt. Diese Gruppe wurde 2003 von den britischen Investoren Cinven and Candover übernommen und inSpringer Science+Business Media umbenannt. 2004 schloß Springer den Westdeutschen Verlag mit dem Verlag Leske + Budrich im VS-Verlag Wiesbaden zusammen. VS Verlag ist nunmehr eine Marke von Springer Fachmedien, diese wiederum Teil der Fachverlagsgruppe Springer Science+Business Media. Die Investoren verkauften ihre Anteile an dieser Gruppe 2009 an die Finanzinvestoren EQT und GIC weiter.
Die obigen Angaben zu Bölls Erstveröffentlichungen wurden dem von Werner Bellmann herausgegebenen Titel Das Werk Heinrich Bölls entnommen (Bibliographie mit Studien zum Frühwerk. Opladen: Westdeutscher Verlag 1995).
Auch mit dem Verlag Kiepenheuer & Witsch sind populäre Branchenirrtümer verbunden. Darüber mehr im nächsten Monat.