Im BuchMarkt-Märzheft 2011, Seite 50 schildert unser Autor Helmut Benze eine aus dem Handgelenk geschüttelte Aktion der Buchhändlerin Yvonne R.
Einer Stammkundin hatte der für den Geburtstag ihrer Zwillinge gebuchte Zauberer
kurz vor dem Geburtstagsfest abgesagt. Der Festtag drohte zur bitteren Enttäuschung für die Zwillinge und ihre zahlreichen Gäste zu werden. Die Kundin bat ihre Buchhändlerin um Rat. Yvonne R. rettete die Fete und begeisterte junge wie erwachsene Gäste mit einem Ratespiel. Sie verrätselte Bilderbücher, Märchen und Geschichten. Wer die meisten der von Yvonne R. inszenierten Bücher oder Märchen erriet, wurde BücherkönigIn des Tages.
Welche Bücher und welches Märchen im BuchMarkt erwähnt werden?
> Der Junge, der ohne Essen ins Bett geschickt wurde, tobt in Maurice Sendaks
Wo die wilden Kerle wohnen, (Diogenes)
> Der Vater, der seiner Tochter einen total verrückten Wunsch erfüllt, holt ihr in Eric Carles himmlischen Bilderbuch Papa, bitte hol für mich den Mond vom Himmel den Erdtrabanten auf die Erde (Gerstenberg)
> Die Frau, die ihren Mann zum Gemüseraub in den Nachbargarten treibt und dafür ihre Tochter einer Hexe überlassen muss, ist Rapunzels Mutter aus dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm.
Einer der Geburtstagsgäste war von Yvonnes R.s Kunst, Bücher als spannende Rätsel zu präsentieren, besonders angetan. Zumal Yvonne R., in ihren Gesprächen mit erwachsenen Gästen einige Bücher mit Kommentaren versehen hatte, die unerwartete Zusatzgenüsse und hohe praktische Nutzen der meisten Bilderbücher verhießen.
„Papa, bitte hol für mich den Mond vom Himmel“ bezeichnete Yvonne R. z. B. als die beste Anstiftung und Anleitung zur praktischen Kreativität. Denn es biete offensichtlich die Schlüsselschritte für effektive Problemlösung und Ideenfindung. Sie habe diese erstaunlichen Erkenntnisse im Verlaufe eines Coachings erfahren. Überdies habe ihr der Coach berichtet, er habe den faszinierenden „Werkzeugcharakter“ vieler Bilderbücher in zahlreichen Workshops vorgestellt und die praktische Anwendung mehrfach mit Erfolg erprobt.
Wer ein Vergehen rügen und den Missetäter betrafen muss, gleichwohl aber später verzeihen möchte, kann sich durch die Mutter in „Wo die wilden Kerle wohnen“ inspirieren lassen. Sie schickt den wilden und ungehörig unbändigen Sohn ohne Essen zu Bett. Und stellt im später eine dampfende Schüssel aufs Nachttischchen.
Wer sich dafür rüsten will, Herausforderungen und vermeintlich unlösbare Probleme anzupacken, findet in „Papa, bitte hol für mich den Mond vom Himmel“ eine geradezu perfekte und systematisch angelegte Anleitung zur praktischen Kreativität:
1.) Fast alle Aufgaben und Probleme können bewältigt werden, wenn man die Flinte nicht voreilig ins Korn wirft.
2.) Für viele Problemlösungen und Ideenfindungen muss man nicht das Rad neu erfinden. Oft helfen kreative Kombinationen vorhandener Dinge, um eine unlösbar wirkende Aufgabe zu bewältigen. Der Vater überbrückt die himmlische Entfernung zwischen Erde und Mond, indem er eine gewaltig lange Leiter - die das Buchformat sprengt und nur mittels Altarklappseiten handhabbar gemacht werden kann - auf einen die Wolken berührenden Berg stellt. Der Vater denkt zweimal formatsprengend. Denn auch Berg und Leiter wachsen nur durch eine aufklappbare Seite zum Mond. Bezogen auf den Alltag bedeutet die meisterliche Komposition Carles: Nur wer die Routine überwindet und das Klein-Klein des Alltags gedanklich sprengt, findet praktische Lösungen für ungewöhnliche Aufgaben.
3.) Wer seinen Standpunkt und damit seinen Blickwinkel verändert, gewinnt eine andere, oft eine produktive, neue Sicht der Umstände und Dinge. Damit ist oft bereits ein erster Schritt zur Problemlösung vollzogen. Carles Bilderbuch verbirgt und offenbart zugleich die Schlüsselsätze der meisten Handbücher zur Ideenfindung und Problemlösung.
Jener begeisterte Gast also lud Yvonne R. zu einer Managerklausur ein. Sie solle den dort versammelten Führungsleuten eine Auswahl derjenigen Bücher vorstellen und nahe bringen, die als „Begleitbücher“ oder als „Buchbotschafter“ im Führungsalltag genutzt werden könnten. Das Treffen fand kurz vor Weihnachten in einem luxuriösen Hotel in der Lüneburger Heide statt. Yvonne R. sagte zu. Sie hatte bereits früher die Erlaubnis, ja die Ermutigung ihres Coaches bekommen, sein Konzept zu erproben und abzuwandeln. Oder zu übernehmen.
Am Abend von Yvonnes „Auftritt“ nahmen ca. zwei Dutzend Sparkassen-Manager im Kaminzimmer des Hotels Platz. Die meisten gleichermaßen neugierig und skeptisch. Was mochte das für eine Veranstaltung werden? „Kommunikation und Problemlösung wie sie im Buche steht. – Mit Bilderbüchern erfolgreicher führen.“
Yvonne hatte Folien vorbereitet, um für jedes der zwölf Bücher ein Schlüsselbild an die Leinwand projizieren und dazu Buch für Buch zeigen und im Wortsinne „entfalten“ zu können. Yvonne stellte Herders Bilderlexikon vor, um daran den Segen umfassenden, enzyklopädischen Herangehens an komplizierte Aufgaben und die Blickweitung durch Ausleuchtung von Zusammenhängen zu illustrieren.
Die Geschichte von der „Pirateninsel“ brachte sie als Beispiel und Anregung dafür, wie wichtig (und oft auch wie ergebnisreich) es ist, wenn man miteinander redet und sich ausspricht.
Hatten die Manager (und zwei Managerinnen) anfangs höfliches jedoch verhaltenes Interesse gezeigt, rückte der Sitzkreis von Buch zu Buch immer näher an Yvonne R. heran. Viele wollten die Bücher in die Hand nehmen. Als wollten sie prüfen, ob wirklich erkennbar sei und zutreffe, was Yvonne R. aus den Büchern herauslas und ebenso unterhaltsam wie überzeugend inszenierte.
Die auf neunzig Minuten angesetzte Veranstaltung ging in den späten Abend hinein. Aus zunächst eher reserviert bis kühl wirkenden Teilnehmern eines Führungsworkshops formierte sich eine Gruppe von Vätern, Großvätern, Müttern, Onkeln, Tanten und nicht zuletzt auch aus zu Empathie bereiten und fähigen Vorgesetzten. Nahezu jeder hatte unversehens Kinder oder Führungskollegen und Mitarbeiter vor Augen, denen das eine oder andere Buch Freude bereiten oder ebenso sanfte wie wirkungsvolle Anregungen zu besserer Kommunikation oder kreativer Problembearbeitung geben könnte.
Die Teilnehmer überboten sich schier, als Yvonne den bis zum Schluss des Vortrages und der Aussprache abgedeckten Büchertisch enthüllte: Zwei Dutzend begeisterte Zuhörer erwarben fast hundert Bilderbücher. Noch am nächsten Morgen beim gemeinsamen Frühstück wurde über den Abend geschwärmt. Gelobt wurde die Buchhändlerin „wie sie im Bilderbuch steht“, und gewürdigt wurden viele Aha-Erlebnisse, die eine unerwartete Begegnung mit Bilderbüchern zu einem echten Gewinn gemacht hatten.
Wer die Yvonne R.s Auswahl der Bücher haben möchte, kann sie bei unserem Autor anfordern
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