Printausgabe

Zur Webcam
News / Kolumnen / Praxis / Specials / Bestseller / Stellenmarkt / Wer gehört zu wem? / Shop / Titelschutzanzeigen / Mediadaten

Specials


Suche:  ?
Home / Login / Registrierung

Populäre Branchenirrtümer

Der westdeutsche Börsenverein wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von Anfang an in Frankfurt aufgebaut

Die Nachkriegsgeschichte eines eigenständigen Börsenvereins für die westdeutschen Besatzungszonen begann nicht in Frankfurt am Main, sondern in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden. Sie ist eng mit den besonderen Umständen des Kriegsendes auf deutschem Boden verbunden.

Sitz des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler, wie er bis 1945 und in der SBZ bzw. der DDR weiter hieß, war seit seiner Gründung im Jahre 1825 die Messestadt Leipzig. Er hatte sich eigens zu dem Zweck konstituiert, die bis dahin von dem Potsdamer Buchhändler C.Chr.Horvath auf privater Ebene organisierte Leipziger Bücherbörse weiterzuführen. Diese diente der Abrechnung der Buchhändler aus allen Teilen Deutschlands untereinander, einem wegen der zahlreichen unterschiedlichen Währungen schwierigen Geschäft. Von diesem Ausgangspunkt her hatte sich der Börsenverein im Laufe der Jahrzehnte zu einer angesehenen Standesvertretung entwickelt, die Verlage, Zwischenbuchhändler und Buchhandlungen umfasste.

Seit 1888 residierte der Verein in einem Prachtbau im Stil der Neorenaissance, gelegen im so genannten Leipziger grafischen oder Buchhändlerviertel am östlichen Rande der Innenstadt. Das Gebäude war 1943 bei Luftangriffen fast völlig zerstört wurden, in einem einigermaßen erhaltenen Seitenflügel hatte sich der Rest-Börsenverein etabliert. Der Vorsteher, Wilhelm Baur, und sein Stellvertreter Martin Wülfing waren nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches verschwunden [mehr...], ein Aktionsausschuß hatte die Geschäfte des nicht mehr rechts- und handlungsfähigen Vorstandes übernommen. Die amerikanischen Besatzungstruppen waren am 19. April in Leipzig einmarschiert. Doch die Allierten hatten bereits Ende 1943 in einem Protokoll festgeschrieben, das Leipzig wie das ganze übrigen Sachsen zur sowjetischen Besatzungszone gehören solle.

Ehe Anfang Juli 1945 der entsprechende Gebietsaustausch stattfand und die Rote Armee einrückte, kam es zu einer bemerkenswerten Aktion. Mit der US-Armee war ein Sonderstab der Information Control Division (ICD) des US-Oberkommandos in Leipzig eingetroffen. Der für Medien und Verlage zuständige Major Douglas Waples war mit der Leipziger Verlagsszene vertraut, auch einige seiner Mitarbeiter, die als Emigranten Deutschland während der Naziherrschaft hatten verlassen müssen.

Sie machten dem Aktionsausschuß klar, dass Leipzig seine Stellung als zentraler Ort für Verlage und Zwischenbuchhandel wohl kaum wiedergewinnen könne. Ebenso klar war den amerikanischen Experten, welche wichtige Rolle Verlag und Buchhandel beim Aufbau eines demokratischen Deutschlands zukommen werde. Sie versuchten deshalb Verleger und Vertreter des Börsenvereins zu bewegen, sich in der Nähe des amerikanischen Hauptquartiers in Wiesbaden neu anzusiedeln.

Man kann sich vorstellen, welch lebhafte Diskussion diese Idee in Leipzig auslöste. Schließlich setzten sich am 11. und 12. Juni 1945 amerikanische Armeebusse mit 20 Personen aus dem Leipziger Verlagswesen und wichtigen Geschäftspapieren in Richtung Wiesbaden in Bewegung, einige Verleger reisten später nach. Den Leipzigern wurde das ehemalige Badehotel „Pariser Hof“ als Ausgangsbasis für ihre Aktivitäten zugewiesen Das 1832 errichtete Gebäude fällt noch heute in der Wiesbadener Innenstadt durch seine Rokokomotive über den Fenstern der ersten Etage besonders auf.

Zwei Personen waren es, die von der US-Besatzungsmacht bereits in Leipzig den Auftrag zur Neugründung des Börsenvereins erhalten hatten: der von den Nazis aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossene Verleger Wilhelm Klemm (Alfred Kröner Verlag und Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung) und Kurt Georg Schauer, der in Leipzig tätig gewesen war, aber aus dem Frankfurter Raum stammte. Klemm und Schauer gründeten in Wiesbaden eine Zweigstelle des Börsenvereins, deren Geschäftsführung Schauer übernahm. Erst ein Jahr später, am 21. Juni 1946 gab die sowjetische Besatzungsmacht in Leipzig die Weisung, den Börsenverein wieder aufzubauen.

Schauer veröffentlichte als Lizenzträger am 6. Oktober 1945 das erste Nachkriegs-Börsenblatt, das ein knappes Jahr danach unabhängig davon unter dem alten Titel - am 25. August 1946 - auch in Leipzig wieder zu erscheinen begann.

In einem Deutschland, das nach den Erfahrungen der Nazizeit nach neuen Formen staatlichen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Zusammenlebens suchte, erwies sich bald, dass es mit der Einrichtung einer Zweigstelle des Börsenvereins in Wiesbaden nicht getan war. Das Land war in vier Besatzungsteile eingeteilt, große Landstriche waren verloren und der Wiederaufbau begann mit neuen regionalen und föderalen Strukturen.

In den verschiedenen Besatzungszonen bildeten sich verschiedene buchhändlerische Verbände, bis 1948 eine Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verleger- und Buchhändlerverbände mit Sitz in Frankfurt am Main entstand. Sie wurde noch im gleichen Jahr in Börsenverein Deutscher Verleger- und Buchhändlerverbände umbenannt. Zunächst waren der neuen Institution nur die buchhändlerischen Landesverbände der amerikanischen und britischen Besatzungszone angeschlossen, die der französischen Besatzungszone und der Westberliner schlossen sich später an. Die Wiesbadener Einrichtungen einschließlich des dortigen Börsenblattes siedelten nach Frankfurt über. Aus dem Verband der Verbände wurde im Jahre 1955 der Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., der sich als Nachfolgeorganisation des 1825 gegründeten Leipziger Börsenverein der Deutschen Buchhändler verstand.
Nach der Wiedervereinigung schloß sich ihm im Januar 1991 der Leipziger Börsenverein der Deutschen Buchhändler an.