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Callwey-Verleger Karl Baur war während des Dritten Reiches Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels

Der Irrtum, dass der Callwey-Verleger Karl Baur (1898–1984) während des Dritten Reiches Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels war und damit hauptverantwortlich für dessen nationalsozialistischen Kurs und die Arisierungswelle in der Branche, beruht auf einer Verwechslung mit Wilhelm Baur.

Karl Baur war Alt-Mitglied der NSDAP und als Teilnehmer von Adolf Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle am 9. November 1923 „Blutordensträger“. Er wurde 1934, im zweiten Jahr der nationalsozialistischen Herrschaft, zunächst zum stellvertretenden, dann zum Vorsteher des Deutschen Verlegervereins gewählt. Nach dessen Umwandlung in die Fachschaft Verlage innerhalb des Bundes reichsdeutscher Buchhändler wurde er deren Leiter. „In diesen Ämtern versuchte er … im Rahmen seiner Möglichkeiten, den Buchhandel und das Verlagswesen vor den schlimmsten Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft zu bewahren“ (Friedrich Georgi im Lexikon des gesamten Buchwesens Bd. 1, 2. Auflage 1987).

Karl Baur hat die Ereignisse in seinen Erinnerungen Wenn ich so zurückdenke … Ein Leben als Verleger in bewegter Zeit aus seiner Sicht geschildert (1968; Taschenbuchausgabe bei dtv 1985).
Keine Zweifel über seine Rolle im Nationalsozialismus bestehen bei Wilhelm Baur. Friedrich Georgi urteilte über ihn an der gleichen Stelle (siehe oben): „Die Amtszeit von W. Baur als Vorsteher des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler, dessen Aufgabe es war, die deutschen Buchhändler und Verleger im Sinne der nationalsozialistischen Herrschaft gleichzuschalten, wirkte sich verhängnisvoll für den gesamten Berufsstand und sein internationales Ansehen aus.“

Wilhelm Baur (1905– verschollen 1945) war ab 1933 Prokurist und politischer Leiter der Franz Eher Nachf. GmbH (Zentralverlag der NSDAP) in München. Er wurde 1934 auf „Vorschlag“ der Reichsschrifttumskammer von der Hauptversammlung zum Vorsteher des Börsenvereins gewählt und war außerdem Vorsteher des im Zusammenhang mit Karl Baur bereits erwähnten Bundes reichsdeutscher Buchhändler. Wilhelm Baur war außerdem Vizepräsident der Reichsschrifttumskammer und Hauptamtsleiter beim NSDAP-Reichsleiter für die Presse. Wie Karl Baur auch war er Alt-Mitglied der NSDAP, Träger des Goldenen Ehrenzeichens und Blutordensträger.

Wilhelm Baur war ein nichtehelicher Sohn von Eleonore Baur geb. Mayr. Sie nahm später den Namen „Schwester Pia“ an. Über ihr Leben bis 1919 ist kaum etwas bekannt. Jedenfalls taucht die Krankenschwester ganz früh im Umfeld von Adolf Hitler auf und nahm nach eigenen Angaben am Marsch auf die Feldherrnhalle teil. 1934 stellte Heinrich Himmler sie im Range einer SS-Oberführerin - der in etwa dem eines Obersten der Wehrmacht entsprach - als „Fürsorgeschwester in der Reichsführung SS“ an.

Über den weiteren Lebensweg von Schwester Pia gibt es voneinander abweichende Angaben. Wikipedia stützt sich auf ein Gerichtsverfahren gegen sie von 1949 und auf ihr Entnazifizierungsverfahren sowie auf eine Reihe von Zeitungsberichten. Danach wurde sie auf eigenen Wunsch ab 1935 im KZ Dachau als „braune“ Krankenschwester eingesetzt. Dort soll sie sich an unmenschlichen Unterkühlungsversuchen beteiligt haben. Nach Abschluß des Spruchkammerverfahrens um 1950/51 kam sie offensichtlich wieder in den Besitz der Villa in Oberhaching, die Hitler ihr geschenkt haben soll. Sie starb 1981 im Alter von 95 Jahren. Die Todesanzeige mit dem Spruch: „Ihre Ehre hieß Treue – Ihr Leben galt Deutschland“ im Münchner Merkur wurde von Fridolin von Spaun im Namen der Kameradschaft Freikorps Oberland/Bund Oberland unterzeichnet.

Eine pikante Fußnote findet sich bei Josef Wulf in der Dokumentation „Literatur und Dichtung im Dritten Reich“(Sigbert Mohn Verlag 1963). Danach war Schwester Pia während des Zweiten Weltkriegs Oberin eines Wehrmachtsbordells für höhere Offiziere. „Das Etablissement befand sich in einem Wehrmachtswaggon und wurde nach einer Besichtigung von Reichsmarschall Hermann Göring lobend erwähnt“. Wulf gibt als Quelle „Le pitre ne rit pas“ an (Paris 1948). Autor ist der französische Journalist und Abgeordnete David Rousset (1912–1997) Er war im Widerstand gegen die deutsche Besatzung tätig, wurde 1943 verhaftet und kam ins KZ Buchenwald. Befreit wurde er von US-Truppen im KZ Wöbbelin bei Ludwigslust, einem Außenlager des KZ Neuengamme, das für Todesmärsche aus anderen Konzentrationslagern als Auffangstelle diente. Übersetzungen seiner verschiedenen Veröffentlichungen ins Deutsche, darunter zwei zum nazistischen KZ-System, existieren offensichtlich nicht.

Wolfgang Ehrhardt Heinold