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Die „Königsidee“ der Gründung des Bertelsmann Leserings stammt von Reinhard Mohn

„Mit der Idee, gute Bücher direkt zu den Menschen zu bringen, hat Reinhard Mohn die Grundlage für den Aufstieg von Bertelsmann zu einem international führenden Medienunternehmen gelegt – eine Königsidee.“ So konnte man unter der Überschrift „the next königsidee“ am 28.9.2010 in einer großformatigen Anzeige in BILD lesen. Geschaltet vom Haus Bertelsmann aus Anlaß seiner 175-Jahr-Feier.

An dieser Aussage in einer offiziellen Anzeige des Konzerns ist historisch so gut wie alles falsch. Die Idee des Leserings entsprang im Jahre 1951 nicht dem Haupte des damals 29-jährigen Verlagschefs wie einst Pallas Athene dem des Zeus, sondern war Ergebnis eines intensiven Diskussionsprozesses innerhalb des Bertelsmann Verlages, Folge auch einer Diskussion innerhalb der gesamten Buchbranche, und sie hatte die bereits aus der Vorkriegszeit resultierenden Kontakte des Verlages zum Reise- und Versandbuchhandel zur Voraussetzung.

Auch war nicht die Gründung einer Buchgemeinschaft die eigentliche Königsidee – Buchgemeinschaften gab es schon im 19.Jahrhundert. Die eigentliche Königsidee war die Gründung einer zweistufigen Buchgemeinschaft, also einer, die ihre Kunden nicht direkt beliefert, sondern über den Buchhandel. Insofern ist auch die Aussage in der Anzeige falsch, die Idee sei gewesen, „gute Bücher direkt zu den Menschen zu bringen“. Vielmehr war eines der Ziele, die Buchgemeinschaftsmitglieder zum Abholen ihrer Bücher in die Buchhandlungen zu locken.

Selbstverständlich wäre die Idee ohne Zustimmung des jungen Verlagschefs nicht zu realisieren gewesen – aber sie wurde von außen an Bertelsmann herangetragen. Nicht Reinhard Mohn hat sie aufgegriffen, das Konzept entworfen und zurechtgefeilt und unermüdlich alle Hindernisse aus dem Wege geräumt, sondern der langjährige Vertriebschef Fritz Wixforth. Er ist der eigentliche „Vater“ des Leserings und wurde im Hause Bertelsmann immer als solcher genannt und gefeiert. Im damaligen Bertelsmann Sachbuchverlag und in Lizenz im Lesering erschien 1968 eine Wixforth-Biographie, verfaßt von Roland Gööck, von 1954 bis 1962 Pressechef bei Bertelsmann (Bücher für Millionen. Fritz Wixforth und die Geschichte des Hauses Bertelsmann). In diesem Buch kann man eingehend nachlesen, wie es zur Gründung des Leseringes kam. Auch die Verfasser der Anzeige in BILD hätten dies redlicherweise tun sollen, ehe sie ihren Text „erdichteten“. Der Mythos war ihnen offensichtlich wichtiger als die Historie.

Fritz Wixforth (1897-1976), dessen Vater Arnold Wixforth Leiter der Buchbinderei bei Bertelsmann war, trat nach Abschluß der Selekta im Alter von 14 Jahren eine Buchhändlerlehre bei Bertelsmann an, avancierte nach dem Ersten Weltkrieg zum Bürochef des Verlages, später zum Vertriebsleiter, der auch den Buchhandel besuchte, und zur rechten Hand des Verlagsinhabers Heinrich Mohn. Im Jahre 1928 wurde auf seine Initiative die Herausgabe christlicher Romane begonnen. Im allgemeinen Buchhandel konnte der weitgehend auf theologische und erbauliche Titel ausgerichtete Verlag erst im Jahre 1933 Fuß fassen, und zwar aufgrund einer genialen Vertriebsidee Fritz Wixforths und seines Mitarbeiters Otto Oeltze. Für eine preiswerte Ausgabe von Gustav Schröers Roman Heimat wider Heimat erfanden sie das bis dahin im Buchhandel unbekannte Sonderfenster mit einer vom Verlag gelieferten ausgestanzten Dekoration, der stapelweisen Ausstellung des Titels und einem Rückgaberecht für die Hälfte der gelieferten Menge. Der Roman erreichte im Laufe der Jahre eine Auflage von 800.000 Stück.

Damit begann für Bertelsmann die Zeit der Volksausgaben, für die man mangels eigener Substanzen auch Lizenzen bei anderen Verlagen nahm. Von diesen Volksausgaben führte letztlich der Weg zur Buchgemeinschaft. Fritz Wixforth hatte seit Einführung der Romanproduktion penibel notiert, welche Titel in welcher Menge die einzelnen Buchhandlungen bezogen. Dabei fielen eine Reihe von Firmen auf, die gelegentlich Bücher bestellten, aber – als man sie an Ort und Stelle aufsuchte – gar kein Ladengeschäft betrieben: so genannte Reise- und Versandbuchhandlungen, die mit dem theologischen Verlag nichts anfangen konnten. Auch die neuen Volksausgaben mit ihren geringen Ladenpreisen waren für diesen Buchhandelstyp kein lohnendes Geschäft – finanziell uninteressant für Provisionsvertreter, zu billig für die relativ teure schriftliche und Anzeigenwerbung. Da hatte Fritz Wixforth wiederum eine geniale Vertriebsidee: Bertelsmann stellte aus mehreren Bänden des gleichen Autors oder gemischt aus Werken verschiedener Autoren so genannte höherpreisige Reisekassetten zusammen. Die erste davon kam 1937 auf den Markt und wurde sofort zum Erfolg.

Einer dieser Reise- und Versandbuchhändler, Johannes Thordsen in Hamburg, stand an der Spitze beim Verkauf der Kassetten, mit denen Bertelsmann nach dem Krieg wieder auf den Markt kam. Er war es, der sich gegen Ende des Jahres 1949 telefonisch bei Fritz Wixforth meldete und eine Vertriebsidee ankündigte. Man traf sich in Hannover in Kastens Hotel Luisenhof, um zu diskutieren, was Thordsen vorschlug: die gemeinsame Gründung einer Buchgemeinschaft, wie sie damals wie Pilze aus dem Boden schossen. Bertelsmann solle ihn mit Büchern beliefern, er wolle dagegen exklusiv die Werbung und die Betreuung der Mitglieder übernehmen. Den übrigen Buchhandel „außen vor“ zu lassen, schien Wixforth mit der bisherigen Politik seines Hauses unvereinbar. Er lehnte höflich ab. Thordsen wurde zunächst für den neu gegründeten Hamburger Buchclub „Leserunion“ tätig, der freilich beim klassischen Schema blieb, die Mitglieder zentral belieferte und betreute und lediglich eine Provision für die Neuwerbung zahlte.

Der Gedanke aber ließ Wixforth und Reinhard Mohn, dem er ihn vortrug, nicht ruhen. Kurz zuvor, im Oktober 1949, hatte der Berliner Buchhändler und Verleger Erich Cramer eine Denkschrift zur Idee einer Buchgemeinschaft des Deutschen Buchhandels (BDB) vorgelegt, ein Projekt, das in endlosen Sitzungen zerredet wurde und nach zwei Jahren „in Bergen von Papier und Bedenken erstickte“ (Roland Gööck). Ebenso endlose Sitzungen gab es im Hause Bertelsmann und im privaten Wohnhaus von Fritz Wixforth, der es liebte, in abendlichen (und nächtlichen) Zusammenkünften mit seinen Mitarbeitern und Gästen von außerhalb neue Ideen gründlich zu erörtern. Diese Sitzungen allerdings führten rasch zu einem konkreten Ergebnis: Ein Brief des Verlages unterrichtete am 31. Mai 1950 den Buchhandel vom Start des „Bertelsmann Leserings“ zum 1. Juni des Jahres.

Der neuen Unternehmung war kein glatter Auftakt beschieden, zumal das Programm des ersten Quartals ausschließlich Titel aus dem Bertelsmann Verlag umfasste. Zum Antriebsmotor aber wurde die Tatsache, dass der Buchhandel die Werbung, Belieferung und Betreuung der Mitglieder übernahm – eine Chance, die allerdings hauptsächlich der Reise- und Versandbuchhandel energisch nutzte, während der stationäre Buchhandel zu großen Teilen zögernd und skeptisch abseits stand. Ohne Fritz Wixforths beharrliche Überführung der Grundidee in die Form einer „Buchgemeinschaft mit dem Buchhandel“ wären die Geschichte des Hauses Bertelsmann und die des gesamten deutschen Buchhandels anders verlaufen. So aber trugen Bertelsmann als baldiger Marktführer und andere Buchgemeinschaften wie die Georg von Holtzbrincks ebenso wie die Einführung von Taschenbüchern durch Rowohlt und andere zu einem nachhaltigen Prozeß bei, der als „Demokratisierung des Buches“ in die Nachkriegsgeschichte der Branche einging.

Wolfgang Ehrhardt Heinold