Tatsächlich war die Frankfurter Buchmesse im Herbst 1949 der „Auftakt zu einer neuen Phase des deutschen Buchhandels“, wie das „Börsenblatt“ vom 23. September 1949 formulierte, und zu Recht beginnt die Zählung der Nachkriegsbuchmessen mit diesem Jahr. Aber die allererste Frankfurter Buchmesse nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die von 1949 nicht. Sie hatte sogar zwei Vorgängerinnen, die in der Branche völlig in Vergessenheit geraten sind.
Schon im Mai 1948 - genau drei Jahre nach Kriegsende - fand in der Frankfurter Paulskirche die Ausstellung „Bücherplatz Frankfurt“ statt, veranstaltet vom Hessischen Buchhändlerverband. Anlaß waren die Feierlichkeiten zum 100jährigen Jubiläum der Deutschen Nationalversammlung in der nach Kriegszerstörung wieder aufgebauten Paulskirche. Die Frankfurter hofften damals, daß ihre Stadt Bundeshauptstadt werden und der Deutsche Bundestag seinen Sitz in der Paulskirche nehmen könne.
Offensichtlich hatte die Ausstellung Erfolg und ermutigte den Messeausschuß des hessischen Landesverbandes, im Folgejahr 1949 in die Paulskirche zur ersten Buchmesse einzuladen. 205 Aussteller kamen, 14.000 Messebesucher wurden gezählt. Da entschloß sich der Börsenverein, die Buchmesse zu übernehmen und sie 1950 in der Paulskirche und den benachbarten Römerhallen stattfinden zu lassen. 1951 kamen schon so viel Aussteller, daß die Messe auf das Messegelände verlegt werden mußte. Die Paulskirche bekam gleichsam zur Entschädigung die Friedenspreisverleihung übertragen. 1950 von einem privaten Verlegerkreis zum ersten Mal in Hamburg verliehen, war dieser Preis 1951 an den Börsenverein übergegangen.
Aber auch das Frankfurter Messegelände hatte schon eine Messevorgängerin gesehen, und zwar zehn Wochen nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948 (Einführung der D-Mark). In der Aufbruchstimmung jener Wochen wurde zu einer Messe eingeladen, an der alle teilnehmen konnten, die Produkte aus Papier anzubieten hatten. „Eben noch noch rechtzeitig war den Veranstaltern eingefallen“, erinnerte sich Christian Ferber Jahrzehnte später in einem Feuilleton der Tageszeitung „Die Welt“, „daß auch Bücher aus Papier sind. Sie luden ein. Als einziger Verleger hat Klaus P. diese Einladung vernünftig gefunden … Nun zog der Verleger aus der Georgenstraße ein Jahr vor allen anderen Kollegen ein in die Frankfurter Messehallen“ (hier ist der Chronist ungenau, die Kollegen zogen zunächst für zwei Jahre in die Paulskirche und dann auch in die Römerhallen ein, ehe sie die Buchmesse auf das Messegelände verlegten, siehe oben).
Der Verleger Klaus P. aber war Klaus Piper. Er schickte unseren Chronisten, seinen Lehrling nach Frankfurt , der berichtet : „Ich als der Entbehrlichste wurde ausersehen, zwischen Toilettenrollen und Briefpapier dem Geist eine Gasse zu brechen, und nahm zu diesem Zwecke mehrere Bücherpakete mit, kiloweise Jaspers, pfundweise Mereschkowskij, aber auch einiges Leichtere… Viel Besuch haben wir bekommen an zwei Messetagen, der Herr von der Auslieferung und ich, wie wir da saßen zu Seiten des von mir hübsch mit Literatur dekorierten Tischs. Heilende Wirkung ging von uns aus, wenn auch der Bestellblock wenig benutzt wurde. Wir plauderten und ließen blättern, und einmal kam sogar ein richtiger Buchhändler vorbei.
„Ich habe dann noch meinen Onkel Peter Suhrkamp getroffen… Ausgefragt hat er mich, wie das denn gewesen sei in den Messehallen… Nichts hat das gewiß damit zu tun, daß 1949 die erste vom Börsenverein abgesegnete Buchmesse stattfand: feierlich, doch sogleich beengt in der Paulskirche – daher der Einjahres-Vorsprung der Pipers in den Messehallen“ - (hier irrt der Chronist, Veranstalter war 1949 der Hessische Buchhändlerverband, siehe oben).
Recht aber hat der Chronist mit der Feststellung: „Der Herr von der Auslieferung und ich. Wir sind die allererste Frankfurter Buchmesse gewesen“.
Übrigens verbirgt sich hinter dem Pseudonym Christian Ferber der Sohn der Dichterin Ina Seidel, Georg Seidel. Die Schwester seiner Mutter Annemarie war u.a. mit Peter Suhrkamp verheiratet. Das Feuilleton der „Welt“ trug den hübschen Titel: „Ich war die erste Frankfurter Buchmesse“. Unsere Zitate sind nicht diesem Zeitungsbeitrag, sondern dem nach dem Tod des Autors erschienenen Erinnerungsband „Ein Buch könnte ich schreiben“ entnommen (Göttingen: Wallstein 1996).