Printausgabe

Zur Webcam
News / Kolumnen / Praxis / Specials / Bestseller / Stellenmarkt / Wer gehört zu wem? / Shop / Titelschutzanzeigen / Mediadaten

Kolumnen


Suche:  ?
Home / Login / Registrierung
150

Rumbergs Randnotiz

07.09.2010 13:37 Wandrers Nachtlieder

Wer ein paar Tage nachrichten- und handyfrei verbringt, um dann wieder einzutauchen in das große Gemurmel, der wundert sich. Dirk Rumberg war in Vor-Sarrazin-Zeiten abgetaucht und hatte nun zwei Tage Zeit, sich im abgeschafften Deutschland wieder auf den Stand der Sommerloch-Dinge zu bringen.

Welches? Das wäre die einzig sinnvolle Antwort auf Frank Plasbergs zumutende Aufforderung an seine Talk-Show-Gäste gewesen, doch Wandrers Nachtlied zu rezitieren. Die Kenntnis bzw. eben zunehmende Unkenntnis des Goethe-Gedichtes hat Thilo Sarrazin in dem – nach eigener Aussage satirisch gemeinten - Schluss seines Buches zu einer Art symbolischem Gradmesser der fortschreitenden Volksverdummung erklärt. (Kein Wort hier über den Inhalt des Buches oder den Stil der Debatte! – Ein Glückwunsch nur an Random House zur gelungenen PR und ein Wundern über die Diskrepanz der in den Wochenend-Zeitungen kolportierten Verkaufszahlen – zwischen 40.000 und 250.000).
Allein um Wandrers Nachtlied soll es hier gehen, denn dazu ist noch nicht alles gesagt. Der einzige, der es leidlich schaffte, das Gedicht herzusagen, war Thilo Sarrazin selbst. Weder Michel Friedmann, noch Rudolf Dressler bekamen das hin – und leider fragte auch der doch bildungsbürgerlich verankerte Professor Arnulf Baring den Moderator nicht: welches? Denn: es gibt eben nicht nur ein „Wandrers Nachtlied“. Als Goethe es erstmalig 1815 in seinen Werken veröffentlichte, da war das Gedicht, das Sarrazin meint, überschrieben mit „Ein Gleiches“:
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
Auf der gleichen Seite stand davor unter der Überschrift „Wandrers Nachtlied“:
Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest;
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!
Da dies hier nicht in ein germanistisches Oberseminar ausarten soll, sei für alle weiteren Details (über den Fundort des ersten oder die Entstehungsgeschichte des zweiten – das für sich gedruckt natürlich ebenfalls mit „Wandrers Nachtlied“ überschrieben werden muss - auf den exzellenten Kommentar zu beiden Gedichten in der Hamburger Goethe-Ausgabe verwiesen (Band 1, S. 554 ff). – Falls der in der „Hart aber Fair“-Redaktion gerade nicht zur Hand war, hätte für die Basis-Information auch der eine Klick zu Wikipedia mit der entsprechenden Stichwort-Eingabe genügt.
Übrigens: ich selber hätte das mit den beiden Nachtliedern des Wandrers auch nicht gewusst. – „Welches?“ fragte mich meine ebenso kluge, wie klassisch gebildete Frau, als ich ihr von meiner Internet-Betrachtung der Plasberg-Sendung berichtete. Sie fügte hinzu: „Das weiß jeder Sänger, weil Schubert beide vertont hat“. Eine leider doch etwas zu optimistische Annahme: schon der erste Sänger, den sie fragte hatte keine Ahnung, wovon die Rede war – und das obwohl er weder Moslem ist, noch aus der bildungsfernen Unterschicht stammt.

Weitere Kolumnen von Rumbergs Randnotiz