Auch wenn man sie nicht für dieselbe Person hält, werden sie gern miteinander verwechselt: der Neffe Friedrich Christoph Perthes (1772–1843) und sein Onkel Johann Georg Justus Perthes (1749–1816). Beide sind aus der Geschichte des deutschen Buchhandels nicht wegzudenken.
Beide „Ur-Perthes“ kamen aus Rudolstadt, wo ihre Väter in fürstlichen Diensten standen. Johann Georg Justus Perthes siedelte sich 1778 in Gotha an und gründete mit Karl Wilhelm Ettinger und Johann Friedrich Dürfeld eine „Handlungs-Societät“. Ettinger hatte 1774 den seit 1763 bei J.C. Dieterich erschienenen Gothaischen Hofkalender und dessen französische Ausgabe Almanach de Gotha übernommen und brachte diesen Geschäftszweig offenbar in die neue Firma ein. Perthes heiratete Dürfelds Tochter und kam so in den Besitz der Hälfte der Firma, aus der er 1785 wieder ausschied, um seinen eigenen Verlag, die Keimzelle des Justus Perthes Verlages, zu gründen. Dorthin nahm er die genealogischen Werke mit, baute diese aus, tummelte sich in anderen Verlagsfeldern und kam über Reisebeschreibungen zu geographischer Literatur.
Der Weg in die Kartographie begann mit Heinrich Gottlieb Heusingers Hand-Atlas über alle bekannten Länder des Erdbodens (1809). Ab 1814 verhandelte Perthes mit Adolf Stieler, Legations-Sekretär am Gothaer Hof und Hobby-Kartograph, über die Herausgabe eines neuen großen Atlas-Werkes. Lediglich fünf Blätter waren fertig, als Perthes 1816 starb. Sein Sohn Wilhelm Perthes (1793 – 1853) ließ das Werk vollenden (Ur-Stieler mit 50 Karten 1823; 1831: 75 Blätter). Neben dem Gotha und dessen Ablegern spezialisierte sich der Verlag von nun an auf Atlanten und Schulgeographie und wurde um 1850 in Justus Perthes Geographische Anstalt umbenannt.
Diese Firma blieb in Familienbesitz und wurde 1992 von Stephan Perthes in der achten Generation an die Stuttgarter Klett-Gruppe verkauft. Am Firmensitz Gotha freilich war der Verlag 1953 enteignet und in den VEB Geographisch-Kartographische Anstalt umgewandelt worden (später VEB Hermann Haack, benannt nach dem von 1897 bis 1954 im Verlag tätigen Kartographen und Geographen Hermann Haack). Dr. Joachim Perthes hatte zuvor mit seiner Familie und einigen Mitarbeitern Gotha verlassen und führte den Verlag in Darmstadt fort. Nach der Reprivatisierung des Gothaer Hauses kam es 1992 zum Verkauf beider Verlage an die Klett-Gruppe, die in Gotha eine Zweigniederlassung errichtete und die Perthes- Verlage darin integrierte. Der genealogische Verlag hatte seine Tätigkeit bereits 1944 eingestellt Der C.A.Starke Verlag in Limburg (zuvor Glückstadt, zuvor Görlitz) sieht sich mit seinen familienkundlichen Handbüchern in dessen Tradition, ohne daß je irgendeine rechtliche Bindung oder Verbindung bestand.
Friedrich Christophs Vater, ein fürstlicher Steuersekretär, starb früh. Er wuchs deshalb bei einem Onkel in Rudolstadt aus und begann als 15-Jähriger 1787 eine Buchhändlerlehre bei Adam Friedrich Böhme in Leipzig, die fast sechs Jahre dauerte. Er ging als Gehilfe zu dem Hamburger Buchhändler Benjamin Hoffmann und fand dort Anschluß an Kreise der Aufklärung. Hoffmanns Name lebt in Hoffmann und Campe weiter. Perthes heiratete in erster Ehe Caroline Claudius, die Tochter von Matthias Claudius, und machte sich 24jährig 1796 in Hamburg mit Hilfe zweier Gesellschafter mit einer eigenen Buchhandlung selbständig. Allgemein ist in der Literatur der Hinweis zu finden, letztere sei die erste „reine“ deutsche Sortimentsbuchhandlung gewesen. Dem widerspricht Dirk Moldenhauer, der seine Dissertation über Friedrich Christoph Perthes geschrieben hat.
Perthes war während der französischen Besetzung Hamburgs im Widerstand gegen Napoleon aktiv und mußte mit seiner Familie für ein Jahr aus Hamburg fliehen. Nach dem Tod seiner Frau Caroline verließ er 1821 Hamburg endgültig und siedelte sich in Gotha an, wohin sich zwei seiner Töchter verheiratet hatten. Eine der Töchter, Agnes, war die Ehefrau seines Cousins Wilhelm Perthes, Sohn von Justus Perthes (s.o.). Insofern stammen alle Angehörigen der Verlegerfamilie Perthes, die den Justus Perthes Verlag bis 1992 weiterführte, sowohl von Johann Georg Justus Perthes wie von Friedrich Christoph Perthes ab. In zweiter Ehe lebte Perthes in Gotha mit Charlotte verw. Hornbostel. Die Sortimentsbuchhandlung in Hamburg überließ er schrittweise seinem Teilhaber und Schwager, der sie unter Perthes & Besser weiterführte. 1822 stieg der Gehilfe J.W. Mauke zum weiteren Teilhaber auf. Die Firma wurde 1836 in Perthes, Besser und Mauke unbenannt, 1865 in W. Mauke Söhne. Heute gehört die auf Jura spezialisierte Firma zur Münchner Schweitzer-Gruppe, diese hinwiederum zum C.H. Beck Verlag.
Friedrich Christoph Perthes hatte Teile der Hamburger Verlagsproduktion behalten und brachte diese in Gotha in eine neue Firma, das reine Verlagsgeschäft F. Perthes Hamburg und Gotha ein. Sein jüngster Sohn Andreas baute das Geschäft unter der Firma F.A. Perthes (seit 1854) weiter aus. Die Firma, 1890 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, wurde 1922 von der DVA in Stuttgart übernommen und 1937 aufgelöst. Der zeitweise bedeutende Verlag pflegte die Gebiete Geschichte und Theologie und brachte auch Jugendschriften, so die von W. Hey und Johanna Spyri heraus.
Der 1843 verstorbene Friedrich Christoph Perthes verfaßte die 1816 zunächst anonym erschienene Denkschrift Der deutsche Buchhandel als Bedingung des Daseyns einer deutschen Literatur. Darin „begründete Perthes den kulturpolitischen Anspruch seiner Zunft mit einem simplen Dreiklang: Finanzierung der Produktion der Werke, Honorierung der Autoren und Gewährleistung einer möglichst flächendeckenden Verbreitung der Bücher“ (Moldenhauer). „Zugleich bemühte er sich eifrig, den deutschen Buchhandel zu organisieren, weil er in demselben bei der damaligen Zersplitterung Deutschlands die einzige einigende Kraft sah. Aus diesen Bestrebungen ging 1825 der Börsenverein der Deutschen Buchhändler in Leipzig hervor, und der Bau der Buchhändlerbörse daselbst (1834 – 1836) kam auch hauptsächlich durch ihn zustande. Außerdem gab er die erste Anregung zur Gründung von Buchhändlerlehranstalten und eines Museums für die Geschichte des Buchgewerbes“ (Brockhaus Konservationslexikon, 1898).
Die Stadt Leipzig nahm Perthes 1834 als Ehrenbürger auf. Aber auch Friedrichroda in Thüringen erwies ihm diese Ehre, weil er dort seit 1837 jeweils zur Sommerszeit Quartier nahm.
Literaturhinweise:
Inge Grolle: Friedrich Christoph Perthes. Hamburg: Ellert und Richter 2004. ISBN 3-8319-0183-X.
Dirk Moldenhauer: Geschichte als Ware. Der Verleger F.C.Perthes (1772 – 1843) als Wegbereiter der modernen Geschichtsschreibung. Köln: Böhlau 2008. ISBN 3-412-12706-X.
Das Archiv des Justus Perthes Verlages inklusive der berühmten kartographischen Sammlung wird von der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha in der Forschungsbibliothek Gotha als „Sammlung Perthes“ betreut www.uni-erfurt.de/bibliothek/programm/bestaende/sammlungen/#c7417.