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Rumbergs Randnotiz

19.05.2010 09:58 Den Bock zum Gärtner gemacht?

Kai Dieckmann war schon einmal für einen Tag Chefredakteur der taz, auch Volontäre durften schon Chef spielen – und doch ist das Experiment, das die Rhein-Zeitung gestern gewagt hat, ein sehr ungewöhnliches. Die Koblenzer Regionalzeitung holte sich für einen Tag den Promi-Blogger, Web-Experten, Zeitungs-Kritiker und Buch-Autor Sascha Lobo als Blattmacher – und das obwohl doch sonst landauf landab über online als dem Totengräber der Zeitung schwadroniert wird.

Der übliche Weg ist ja der umgekehrte: Journalisten – oder auch Buchautoren wagen sich tastend und langsam in die Online-Welt. Mit Lobo – Markenzeichen: roter Irokesenschnitt – gehen die Koblenzer nun den umgekehrten Weg; da darf sich jemand für einen Tag in der ihm an sich fremden Papierwelt versuchen.

Es gab eine Twitterwall zum „Chefredakteur für einen Tag“, einen Live-Ticker und Aktionen wie diese: Lobo beauftragte die Lokalredaktion das Lebensgefühl mittags um ein Uhr in Deutschland einzufangen. – Die Lokalkollegen spielten den Ball weiter und riefen „dazu auf, am Dienstag mit dem Erkennungszeichen #Um1inD und einer kurzen Erklärung ein Bild zu twittern, ein Foto an die Pinnwand www.facebook.com/rheinzeitung\t_blank" der Fanseite unserer Zeitung bei Facebook zu hängen oder in einem Album in unserer www.wer-kennt-wen.de/club/2e5hsijp" \t "_blank Gruppe bei Wer-kennt-wen.de hochzuladen“.

Vor allem aber gab es einen originellen redaktionsinternen Weg, auf dem Lobo „die Weisheit der Vielen“ nutzen wollte, in diesem Fall die Weisheit der vielen Redakteure: Jeder Redakteur sollte gestern das schreiben dürfen, „worauf er wirklich Lust hat". – Zu dem Text kam dann ein „making of, in dem der Autor seine Motivation erklärte. Der eigentliche Chefredakteur, Christian Lindner, nutzte diese Chance, um einen Text unter der Überschrift „Deutschlehrer, wir müssen reden!“ zu schreiben, in dessen „Making of“ steht: „Ich habe diesen Text geschrieben, weil ich mich seit Langem darüber wundere und ärgere, dass so viele Abiturienten und Hochschulabsolventen fehlerhafte, ja sogar letztlich schlampige Bewerbungen vorlegen – wie ich durch Einblicke in verschiedene Bereiche weiß, in Verlagen ebenso wie in Universitäten und bei Stipendien-Vergebern. Bei mir hat sich der Eindruck verfestigt: Schule und Elternhäuser haben schleichend resigniert – und keiner sagt unserer künftigen Elite deutlich genug, dass das so nicht geht. Und Unternehmen wie Hochschulen sind damit überfordert, diese offenkundigen Defizite unseres Bildungs- wie unseres Erziehungssystems zu kompensieren.“

Lobo selbst steuerte einen Kommentar unter der bescheidenen Überschrift bei: „Wie kann das Internet die Welt verbessern?“ Das komplette Zeitungs-Produkt sollte man sich eigentlich – als kostenloses e-paper (wo kann man schon im Rest der Republik eine Rhein Zeitung kaufen?) – anschauen können. Leider funktionierte das zumindest heute morgen noch nicht. Vielleicht klappt es ja im Laufes des Tages. Daher hier der link zum e-paper der Rheinzeitung: epaper.rhein-zeitung.de/register/.

Klar, die Lobo-Aktion ist für die Rhein-Zeitung, der ansonsten kaum überregional Beachtung geschenkt wird, auch eine gute Marketing-Maßnahme. Aber das ist nicht alles. Ziel des Experimentes, so erklärte der etatmäßige Chefredakteur Christian Lindner, sei es die Redaktion aus ihrer Routine zu befreien, und die Leser mit einer völlig anderen Zeitung zu konfrontieren.

Es stellen sich zwei Fragen. Zum einen: Ist so ein Ein-Tages-Experiment lang genug, damit wirklich Anstöße von ihm ausgehen können? Zum anderen: Falls dem so ist, könnte ein solcher Perspektivwechsel auch in anderen Branchen funktionieren und neue Ideen freisetzen? Natürlich ist so etwas in einer Zeitungsredaktion vergleichsweise einfach: das Produkt von morgen wird heute (und gleichzeitig im Web nahezu in Echtzeit) gemacht – und morgen fängt man wieder bei Null an. Produktionsabläufe sind ganz andere als zum Beispiel in Buch-Verlagen, verkauft wird anders als in Buchhandlungen. Und dennoch: Wäre es nicht auch ein spannendes Experiment, wäre auch in einem Verlag oder in einer Buchhandlung mal – für einen Tag oder eine Woche jemand Chef, der nicht schon seit Jahrzehnten genau in diesem Beruf sozialisiert ist? Wie wäre es, ein Autor leitete einmal für kurze Zeit den Programmbereich eines Verlages, oder ein E-Commerce-Spezialist eine Buchhandlung?

Solche Perspektivwechsel könnten ja durchaus für beide Seiten anregend und lehrreich sein. – Die letzte Twitter-Nachricht vom Account der Rhein-Zeitung heute Morgen kurz nach Mitternacht jedenfalls lautete: „Lobo meinte: Er kommt morgen nicht mehr. Zu stressig. Hat da nicht Unrecht, der Mann. Schlussdienst kommt morgen wieder. Gute Nacht!“

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