Sparen wir uns die Zukunft – und wollen wir wirklich das Saatgut zum Verzehr freigeben?
Sonntags, wenn man Zeit hat, in Ruhe Zeitung zu lesen, möchte man die Lektüre eigentlich gemütlich genießen. Doch in diesen Tagen verderben einem unterirdische Ölfelder, überirdische Sünden und kaum vorstellbare Finanzlöcher allzu oft das behagliche Lesevergnügen. Am vergangenen Sonntag jedoch wurde es noch ein wenig schlimmer: bei der Lektüre des Artikels vom FAZ-Herausgeber und Bestseller-Autor, Frank Schirrmacher. Auf seinen Artikel, der sich mit den Vorschlägen des hessischen Ministerpräsidenten Koch auseinandersetzt, doch auch bei Forschung, Bildung und Kinderbetreuung zu sparen, ist hier aus zwei Gründen zurückzukommen. Zum einen, weil dieser Artikel für jeden an der Zukunft dieses Landes Interessierten zur Pflichtlektüre gehört – und er nun dankenswerter Weise für all diejenigen, die ihn vorgestern in der FAS verpasst haben sollten, auf faz.net auch online zu lesen ist. Zum andern jedoch deshalb – und das kann man erst heute, zwei Tage später, wirklich beurteilen, weil dieser Aufschrei keine wirkliche große Debatte auszulösen scheint (zumindest bislang, vielleicht kommt das ja noch am Donnerstag in der ZEIT).
Koch bietet, so analysiert Schirrmacher, „dem Land eine Wette an“. Die Wette lautet: Der Altersaufbau – die demographische Struktur – der Gesellschaft ist so, dass die Mehrheit der Wähler kein wirkliches Interesse an einer Zukunft hat, die länger als zwanzig Jahre auf sich warten lässt.“ Und der Autor, der bei diesem Thema nun wahrlich auf breites Wissen durch seinen Bestseller „Das Methusalem-Komplott“ zurückgreifen kann, urteilt über Koch: „Er verschiebt in die nächste Generation, was er heute nicht lösen will. Dabei gibt es für eine alternde Gesellschaft nach einhelliger Meinung aller Experten nur eine einzige Rettung: in die Bildungskarrieren der nächsten Generation zu investieren. Wer Anregungen sucht, schaue sich die entsprechenden Kurven in Pakistan oder Singapur an. Besteht die nächste Generation, wie in Deutschland, in immer stärkerem Maße aus Angehörigen bildungsferner Schichten, dann ist dieser Auftrag eine Frage des Überlebens. Und genau das, wozu man Politik, die ihren Namen verdient, braucht.“
Man kann es auch ruhig noch deutlicher sagen: Wer in Deutschland fordert, bei der Bildung zu sparen, der handelt ähnlich verantwortungsvoll, wie jemand, der das Saatgut zum Verzehr freigibt.
Doch, es ist berichtet worden über den Artikel, in Analysen über den (angeblichen) Machtkampf zwischen der Kanzlerin Angela Merkel und den CDU-Ministerpräsidenten nach den herben Verlusten bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Und es gab auch Widerspruch zu Kochs Auslassungen – unter anderem von der Kanzlerin, deren Job er angeblich will. Allerdings hat sich niemand ausführlich mit Schirrmachers Analyse und einer Studie des Max-Planck-Institutes befasst, die er zitiert.
Was das mit der Buchbranche zu tun hat? Nun ja, zum einen ist jeder und jede, an dessen und an deren Bildung gespart wird, vielleicht künftig ein Buchleser oder eine Buchleserin weniger. Vor allem aber haben Koch bislang für seine die Zukunft gefährdenden Überlegungen lediglich ein paar Bildungspolitiker kritisiert, wozu Schirrmacher feststellt „die kritische Masse der jungen Menschen und ihrer Familien reicht offenbar schon nicht mehr aus, Protest zu formulieren“. Und Menschen, die wie Verlagsangestellte oder Buchhändlerinnen jeden Tag mit Kulturgütern hantieren und handeln, die sollten die Kulturpolitiker nicht allein lassen und Koch und Co. deutlich machen, was vom weiteren Sparen auf dem Feld zu halten ist, das für die Zukunft dieses Landes das bei Weitem Wichtigste darstellt.