„Warum soll man Affekturteilen von Banausen eher vertrauen als denen, die sich seit Jahren mit ästhetischen Wägungen beschäftigen?“ fragt Hilmar Klute in der Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung. Für ihn ist es eine rhetorische Frage, aus der der ganze Frust des Profis darüber spricht, dass sich heute nicht nur jeder zu allem äußern kann, sondern das auch viele tun – unbestritten vielfach sehr unqualifiziert. Bücher, Restaurants, evtl. auch Staubsauger und natürlich Filme – über all das wird nicht länger nur vom Kulturpapst, Experten der Stiftung Warentest oder auch dem Groß-Gourmet geschrieben; sondern es wird zu alledem auch eifrig gebloggt, in Foren diskutiert oder es werden Bewertungen abgegeben, etwa auf qype oder amazon.
In einer Hinsicht hat Klute sicherlich Recht: Avantgarde ist nie etwas für die Masse. Den Fortschritt der Kultur können nicht die Vielen beurteilen, sondern in der Tat die Wenigen, in einem Bereich jeweils Hochspezialisierten und Gebildeten. Doch seine Frage war ja allgemein gestellt – also auch eine nach allgemeiner Orientierungshilfe – zum Beispiel beim Bücherkauf. Und natürlich gibt es da noch den Aspekt des Marktes. Da letzterer für den Buch-Markt nicht ganz unwichtig ist, beginnen wir mit diesem: Es gab eine Zeit, da konnte Literaturkritik Bücher erfolgreich machen. Doch hört man sich bei Verlagen um, dann bewirken selbst hymnische Besprechungen in Leitmedien wie SZ, FAZ, WamS oder ZEIT für die Verkaufszahlen nur noch wenig. Woran also sonst orientieren sich Buchkäufer? Zum einen natürlich an Bestsellerlisten. Letztlich sind diese natürlich Orientierungshilfe, sogar Empfehlung: Dieses Buch fanden schon viele andere gut; gut genug jedenfalls, um es zu kaufen – für sich selbst oder als Geschenk. Menschen zwar, die man selbst nicht kennt, aber immerhin. Dann natürlich an der Empfehlung von Freunden und Bekannten. Und eben diese gute alte „Mundpropaganda“ verbreitet sich nun in Foren, auf e-commerce-Plattformen mit Bewertungen aber auch in Facebook oder via Twitter.
Man mag einwenden, wer nur der Masse und dem Massengeschmack folge, für den gelte der böse Satz von den vielen Fliegen, die nicht irren – und die Exkremente umschwirren. Andererseits: Wer nur dem Expertenrat folgt, der ist – individuell – oft genug enttäuscht. Mir fällt in diesem Zusammenhang immer der Satz eines Bekannten ein, der betont, stets die Theaterkritiken eines bestimmten Verfassers zu lesen – als negative Orientierungshilfe: Wenn dieser es lobe sei es ganz gewiss nichts für ihn selbst.
Bewertungen und Empfehlungen gibt es heute im Netz millionenfach und ja: Viele sind sehr kurz, wenig aussagekräftig und manche wahrscheinlich auch „Affekturteile“. Andererseits: Sie verbreitern die Basis dessen, worüber es Urteile gibt (noch dazu meist solche, die von keinerlei kommerziellen Interessen geleitet sind), weit in den berühmten „long-tail“. Und wer dort ein Forum findet, das seine Interessen teilt, oder Autoren, die erfahrungsgemäß das gut finden, was einem auch selbst gefällt, der kann durchaus auch im Netz Orientierung finden. Denn es gibt ja auch im Buchbereich – wie in der Gastronomiekritik – Kriterien, die den Profi nur am Rande interessieren, von denen jedoch das eigene Wohlbefinden im Restaurant oder bei der Lektüre entscheidend abhängen.
Zum Schluss noch die frohe Botschaft: Gut ausgebildete Buchhändler sind Buchliebhaber – die ihre (Stamm)kunden kennen und individuell beraten können. – Wer also einmal die „Buchhändlerin seines Vertrauens“ gefunden hat, der muss sich weder auf Amazon-Punkte noch professionelle Kritiker verlassen.