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Zum Wochenende 29.04.2010 12:59

Eine Dienstreise der besonderen Art mit Jochen Böge

Zum Wochenende - Spontane Sympathie: Kornelia Maschmann, Roy Jacobsenund Jochen Böge (v.l.)
Spontane Sympathie: Kornelia Maschmann, Roy Jacobsen
und Jochen Böge (v.l.)
Jochen Böge, Vertriebsleiter beim Osburg Verlag, war vergangenen Monat mit Roy Jacobsen unterwegs – und ist mit einem schönen Erlebnisbericht über seine Begegnung mit einem außergewöhnlichen Autor, die gemeinsame, hindernisreiche Lesereise und die Sternstunde eines Buches zurückgekehrt.

Beklommenen Herzens stand ich mittags am Flughafen Hamburg, um unseren Autor Roy Jacobsen abzuholen, der sein Buch „Das Dorf der Wunder“ aus dem Osburg Verlag auf einer kleinen Lesereise in den Buchhandlungen vorstellen wollte.

Der Autor hatte schon in Leipzig etliche Termine zu Lesungen gehabt, die er indes mit seiner Übersetzerin Gabriele Haefs – er Norwegisch, sie auf Deutsch – gemeistert hatte. Ein rundherum netter Mann – so war mein erster Eindruck in Leipzig gewesen –, doch wie würde es mit ihm in einer ihm fremden Sprache mit mir in einer mir fremden Buchhandlung sein? Beide hatten wir Gerd und Kornelia Maschmann in Leipzig kennen gelernt – ein Buchhändler-Paar, dass die Seele der Bücher offensichtlich höher schätzte, als das Geschäft mit ihnen.

Doch genug der Gedanken, plötzlich trat er durch die Schranke des Ankunftschalters: Roy Jacobsen; groß, stattlich und offensichtlich voller Tatendrang, und so begann sie, unsere Fahrt nach Nottuln im Münsterland. Das erste potenzielle Hindernis – der Elbtunnel – erwies sich wider Erwarten als gnädig. Kein Stau, problemlos schnurrte mein Wagen bis zur A 1 Hamburg-Bremen.

Dann lag Sittensen vor uns – die rechte Spur quälte sich komplett aus dieser Ausfahrt, während die linke Spur plötzlich ohne jeden Verkehr war. Frohgemut gab ich Gas und die Tachometernadel überschritt endlich wieder die 100-km-Marke. Beide waren wir wie befreit. Die Sonne schien durch das Glasdach meines Peugeots und der Wagen schnurrte wie eine Nähmaschine bis … bis nach etwa fünf Kilometern eine Fahrzeugschlange auftauchte: Beide Spuren dicht, ratlose Menschen auf dem Grünstreifen.

Fröhlich unter dem Glasdach sitzend besprachen wir beide, uns zwischenzeitlich durch die ausgiebige Fahrt persönlich näher gekommen, den Verlauf der Lesung. Ich wollte mit einem Brecht’schen Antikriegsgedicht beginnen – den Autor vorstellen – und dann sollte er lesen. Dann wieder Fragen von mir, um dem Inhalt seines grandiosen Buches näher zu kommen – und schließlich sollte er dann auf die Fragen des Publikums eingehen.

Ein guter Plan, wie wir fanden – doch die Realität war die Autobahn zwischen Sittensen und Bokel. 17 km von denen wir erst um die zehn Kilometer hinter uns gebracht hatten. Um 15 Uhr merkte ich, dass ich immer noch NDR 1-Schleswig-Holstein hörte und wir somit über unseren Stau keine Auskunft erhielten. Fieberhaft drückte ich irgendwelche Knöpfe, während Roy nunmehr – polyglott wie er war – auf Erkundungsmarsch ging.

Nach Gesprächen mit zwei jungen Männern, in der Spur vor uns, und einer Lehrerin hinter uns, landete er bei zwei Brummi-Kapitänen, der eine mit niederländischem, der andere mit belgischem Kennzeichen, die mit einer riesigen Karte auf der Motorhaube hantierten – fragte sich nur, in welcher Sprache die drei miteinander kommunizierten. Freudestrahlend kam er zurück und sprach von einem Unfall in 28 km Entfernung. Das Herz rutschte mir in die Hose – es ging auf 15.30 Uhr zu und es war mir inzwischen ein Rätsel, wie wir bis 19.30 Uhr (Beginn der Lesung) in Nottuln bei Münster sein sollten.

Doch dann kam um 15.30 Uhr die erlösende Nachricht aus dem Radio Niedersachsen. Die 28 km gingen lediglich bis Bokel – also noch ca. sechs Kilometer. Um 16.15 Uhr kamen wir an das Ende des Staus – immerhin schon zweidreiviertel Stunden Fahrzeit für 80 km. Wie würde es weitergehen? Doch nun ging alles sehr flott.

Zum Wochenende - Roy Jacobsen: Begeisterte in der Stiftsbuchhandlung MaschmannFoto: Sabine Damhorst/Westfälische Nachrichten
Roy Jacobsen: Begeisterte in der Stiftsbuchhandlung Maschmann
Foto: Sabine Damhorst/Westfälische Nachrichten
Um 18.15 fuhren wir am Ortsschild Nottuln vorbei, als Gerd Maschmanns Stimme aus dem Handy erscholl: Wir sollten doch direkt in die Stiftsbuchhandlung kommen, wegen der Kürze der Zeit habe seine Frau in ihrer Wohnung über der Buchhandlung einen Imbiss vorbereitet. Und so war es auch: schmackhaft, münsterländisch in fröhlicher Stimmung wie bei alten Freunden.

Nach dieser Autofahrt ein grandioser Einstieg. Und um 19.25 Uhr dann die nächste Überraschung: Die kleine, ein wenig verwinkelte, jedoch modern eingerichtete Buchhandlung war bis auf den letzten Stuhl gefüllt – ein erhebender Anblick (www.stiftsbuchhandlung.de/homepage.htm).

Roy Jacobsens Lesung lief ab, wie im Auto geplant – eine Einführung von mir, eine Lesung vom Autor, zuerst kurz Norwegisch, dann ausgiebig Deutsch. Danach ein paar Aufwärm-Fragen des Osburg Verlags und dann viele, viele Fragen aus dem Publikum. Der anschließende „Aufgalopp“ zur Signatur durch den Autor zeigte wie sehr Roy Jacobsen mit seiner klaren, schnörkellosen Botschaft das Nottulner Publikum getroffen hatte.

Als uns der Buchhändler Gerd Maschmann gegen zwei Uhr ins bildschöne Schlosshotel zu Nottuln fuhr, hatten wir alle drei – Autor, Buchhändler und Vertriebsleiter – das Gefühl, die Sternstunde eines Buches erlebt zu haben.

Jochen Böge

Als „unbedingt lesenswert“ empfahlen nach der Lesung auch die Westfälischen Nachrichten Jacobsens Buch: www.westfaelische-nachrichten.de/lokales/kreis_coesfeld/nottuln/1294542.html.


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