Lässt sich die Kostenlos-(Un)Kultur im Internet umkehren? Wird es gelingen, Nutzer im Netz für Inhalte bezahlen zu lassen, so wie das im Print (sieht man von den „Gratiszeitungen“ und Anzeigenblättchen ab) eigentlich selbstverständlich ist? Diese Frage bewegt die Verleger und Verlagsmanager schon eine geraume Zeit. In erster Linie die von Zeitungs- und Zeitschriften-, zunehmend aber auch die von Buch-Verlagen.
Jenseits wohlfeiler Forderungen und Medientagsreden ist die Axel Springer AG bei diesem Thema vorgeprescht – und hat Ende 2009 die Inhalte seiner regionalen (Abo)-Zeitungen im Netz (teilweise) kostenpflichtig gemacht. Nun liegen IVW-Zahlen für das erste Quartal 2010 vor und man kann sich anschauen, welche Effekte diese Maßnahme hatte. Interessant ist dabei der Vergleich zwischen der Entwicklung beim Hamburger Abendblatt und der Berliner Morgenpost – beide seit Dezember im Netz kostenpflichtig.
Während das Hamburger Abendblatt im März mit 6,65 Millionen Visits erneut eine individuelle Bestmarke erzielte, ist die Berliner Morgenpost deutlich eingebrochen: 2,51 Millionen Visits waren es noch im März 2010 – ein Verlust von rund dreißig Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres, als die Zahl noch bei 3,7 Millionen gelegen hatte.
Allein auf die Paid-Content-Strategie ist dieser Rückgang aber wohl nicht zurückzuführen: Bereits im November 2009 lag die Zahl nur noch bei rund drei Millionen. Deutlich gewonnen hat sowohl in Berlin als auch in Hamburg jeweils die Konkurrenz der Springer-Abo-Titel. Und hier liegt wohl auch ein entscheidender Grund für die unterschiedliche Entwicklung: Auf dem Hamburger Zeitungsmarkt gibt es neben dem Platzhirschen Abendblatt lediglich die Morgenpost als halbwegs ernstzunehmende Konkurrenz. Deren Klickzahlen lagen im zweiten Halbjahr 2009 stets zwischen 1,5 und 2 Millionen Visits. Im Januar 2010 sprang dieser Wert dann auf 2,56 Millionen – ein Wert, der sich im März mit 2,54 wiederholte (im Februar war der Traffic auf nahezu allen Nachrichten-Seiten wegen des kürzeren Monats geringer). Die Berliner Morgenpost dagegen muss sich in einem der umkämpftesten Zeitungsmärkte behaupten. Und da hat sie seit Mitte 2009, als sie sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Tagesspiegel.de um die Marktführerschaft lieferte, kontinuierlich an Boden verloren. Tagesspiegel.de liegt im März bei über vier Millionen Visits und auch BerlinOnline hat mit über 3 Millionen die Morgenpost überholt – Springers (weiterhin kostenloses) Boulevard-Angebot von der Berliner Zeitung hat mit 2,13 Millionen Visits im März deutlich aufgeholt.
Und die Moral von der Geschicht? Wer wirklich einzigartige Inhalte hat, zu denen es keine kostenlose Alternative gibt, der kann den paid-Content Weg beschreiten, ja der muss es vielleicht sogar tun. Wessen Inhalte jedoch austauschbar und „just one klick away“ – weiterhin kostenlos – zu ersetzen sind, der sollte sich dreimal überlegen, ob dies nicht der (teure) Weg in die Bedeutungslosigkeit ist.