Als ich gestern hier über die „schöne neue Welt“ der automatischen Textgenerierung schrieb [mehr...], die dem amerikanischen Sportjournalismus vielleicht bevorsteht, da dachte ich natürlich kurz darüber nach, wo das wohl enden wird. – Beim Börsenbericht, beim Leitartikel, bei der Musikkritik? Oder wäre sogar ein Roman, mindestens ein Groschenroman oder schlicht gestrickter Krimi, ein Mittelalter-Historienschinken quasi synthetisch herstellbar? Könnte „Plagiat“ da eine ganz neue Bedeutung bekommen? Schwer vorstellbar. Weder Autorenstile wie die von Christian Zaschke oder Kurt Kister noch Analysen wie die von Robert Leicht oder Frank Schirrmacher, weder Feuilletons wie die von Joachim Kaiser oder Marcel Reich-Ranicki, noch Bücher wie die von Herta Müller, Orhan Pamuk oder Georg Klein werden je künstlich erzeugt werden können. Denn künstliche Kreativität ist eben wohl doch nicht möglich – anders als künstliche Intelligenz, so war ich mir spontan sicher.
Ein paar Anrufe und e-mails gestern haben mich jedoch noch einmal zögern lassen: ist das wirklich eine vollkommen irreale oder wirre Vorstellung? Denn eine Parallel stimmt doch nachdenklich: aus dem Schachtürken des 18. Jahrhunderts ist inzwischen „deep blue“ geworden. Die von IBM entwickelte Maschine schlug 1996 zum ersten Mal einen amtierenden Schachweltmeister, Garri Kasparow. 1997 endete das letzte Schach-Duell auf allerhöchster Ebene zwischen Mensch und Maschine mit einem klaren Sieg für den Computer - zu einer Revanche ist es nie mehr gekommen – weil der Mensch keine Chance mehr hätte. Und jeder leidlich gute (Vereins)Schachspieler weiß, und hat es meist schon am eigenen Leibe erfahren: selbst gegen inzwischen vergleichsweise preiswerte Schachcomputer bzw . heutzutage natürlich PC-Programme hat er keine Chance. – Alles nur künstliche Intelligenz mag man einwenden. Wirklich? Natürlich ist beim Schach die Anzahl der (zumal sinnvollen) Möglichkeiten – selbst vorausberechnet für die nächsten 12 Züge – endlich. Die Möglichkeit Texte zu erstellen dagegen ist unendlich.
Aber: wer einmal journalistische Gebrauchstexte analysiert, gerade auch solche über Sportveranstaltungen, selbst Leitartikel, Berichte über Gemeinderatssitzungen oder Unfälle, der wird in der Mehrzahl ziemlich stereotype Gliederungen und zahlreiche Standard-Versatzstücke finden; eine durchaus endliche Summe von Kreativität feststellen. Warum also sollte hier nicht – großartigen menschlich intelligenten und kreativen Input vorher vorausgesetzt (den gab es ja bei deep blue auch) – möglich sein, solche Texte standardisiert automatisch zu erzeugen? Und wenn das funktionieren sollte – wie weit könnte es dann auch zum Beispiel im Bereich standardisierter Liebes- oder Historienromane gehen? – Ganz abgesehen von datenbankgestützter Ratgeber“Literatur“?