Was haben das Erdbeben in Chile und der Streik der finnischen Hafenarbeiter miteinander zu tun?
Wir alle kennen die Geschichte vom Flügelschlag des Schmetterlings und dessen weitreichenden Folgen. Aber was verbindet streikende Hafenarbeiter in Finnland, die bebende Erde in Chile und die deutsche Buch bzw. Medienbranche? Das Schlüsselwort der Antwort lautet Zellulose und des Rätsels Lösung in aller Kürze und grob laienhaft vereinfacht so: in Chile werden normalerweise rund acht Prozent des weltweiten Zellstoffbedarfes erzeugt. Nach dem verheerenden Erdbeben ist jedoch die Energieversorgung des Landes weitgehend zusammengebrochen – und Chile fällt als Zelluloselieferant auf dem Weltmarkt bis auf Weiteres aus. Für sich genommen würde das vermutlich zu moderaten Preissteigerungen aber nicht zu wirklichen Engpässen führen. Andere könnten einspringen.
Einer der Einspringkandidaten wäre Finnland. Dort gab es auch kein Erdbeben und die Lager sind randvoll. Aber auch dort stehen die Fabriken inzwischen still, denn: Die Hafenarbeiter streiken und der Papierrohstoff kann das Land nicht verlassen. Kommt hinzu der gestiegene Bedarf an hochwertigem Papier in China und der Unwillen Spaniens, seine Produktion auszuweiten – und fertig sind die Zutaten eines plötzlichen Engpasses auf dem internationalen Markt für hochwertige Papiere. Am gravierendsten ist die Situation wohl bereits jetzt für hochwertiges Magazin-Papier, so gut wie nicht betroffen scheinen der Markt für Zeitungspapier und nur wenig tangiert der für holzhaltiges Papier zu sein.
Auch die deutsche Buchbranche muss sich jedoch darauf einrichten, dass es auf dem Markt für hochwertiges holzfreies Papier eng, teuer und langsam wird: Von Preissteigerungen um rund zwanzig Prozent sowie Lieferzeiten von über acht Wochen ist bereits kurzfristig die Rede und Insider rechnen damit, dass Preise und Lieferzeiten weiter steigen werden – jedenfalls dann, wenn der Streik der finnischen Hafenarbeiter nicht bald beendet wird, deren gerechtem Wirken an ihrem ganz persönlichen Kampfplatz für den Frieden zu Unrecht in den deutschen Fernsehnachrichten (anders als denen der Beschäftigten des überbevölkerten öffentlichen Dienstes Griechenlands) vollkommen unzureichender Raum eingeräumt wird. Die Parteien in Finnland haben sich nun am Freitag-Nachmittag geeinigt, so dass die Lieferungen von dort bald wieder in Gang kommen und die Folgen des Erdbebens in Chile für den deutschen Papiermarkt nicht durch die finnischen Hafenarbeiter weiter verstärkt werden.