Das Sonntagsgespräch 14.03.2010 00:01
„Mein Traum wäre ein Solidaritätsbeitrag der Wirtschaft für die Bildung“ – Birgit Franz über Strategien der Leseförderung

Birgit Franz
Heute schließt die vierte Münchner Bücherschau junior
www.muenchner-buecherschau-junior.de ihre Pforten. buchmarkt.de war vor Ort (s. Bildstrecke am Ende des Interviews) und hat Organisatorin
Birgit Franz, Agentur
Marketing & Text, über Konzepte der Leseförderung befragt. Sie meint, bei diesem wichtigen Zukunftsthema sollte sich nicht nur die Buchbranche engagieren.
buchmarkt.de: Politiker, Schauspieler, Autoren – ist Lesen nicht ein Teil des öffentlichen Images geworden? Viele engagieren sich in Projekten, z.B. der Stiftung Lesen ...
Birgit Franz: Die Stiftung Lesen ist ein öffentlichkeitswirksamer Ansatz, aber er greift zu kurz. Denn die Stiftung Lesen finanziert in der Regel nur eigene Projekte. Es gibt aber in nahezu jeder Stadt eine Vielzahl von – oft ehrenamtlichen – Initiativen, die wunderbare Ideen haben, denen aber die Mittel zur Realisierung fehlen. Selbst wenn sich die Mitarbeiter kostenlos engagieren, braucht es doch eine Grundfinanzierung von Organisation und Werbung. Und das ist immer das Dilemma.
buchmarkt.de: Was ist zu tun?
Birgit Franz: Ich glaube, wir brauchen einen neuen Schulterschluss bei der Leseförderung. Leseförderung ist Sache der Kinderbuchverlage? So sieht es im Moment aus. Aber warum sollte nicht einmal ein „Erwachsenenverlag“ im Programmheft einer Kinderveranstaltung eine Anzeige schalten? Auch das ist Corporate Social Responsibility, das neue, aber oft blutleere Trendwort. Und zwar mit Mehrwert: denn Kinder, die lesen, haben in der Regel Eltern, die lesen.
buchmarkt.de: Beschränkt das die Verantwortung nicht wieder auf die Buchbranche?
Birgit Franz: Natürlich ist es ein Bestandteil verantwortlicher Zukunftssicherung in zukünftige Zielgruppen zu investieren. Aber es braucht mehr. Es braucht ein verändertes öffentliches Bewußtsein für die Bedeutung der Leseförderung. Das wäre meines Erachtens noch viel stärker eine spartenübergreifende Aufgabe für den Börsenverein: Lobbyarbeit bei der Wirtschaft für die komplexen Folgen der Lese(un-)fähigkeit und das Herstellen von Kontakten zu Leseförderungsinitiativen – neudeutsch: Sponsoringinitiativen.
Unternehmen, die über Azubis klagen, die keine Rechtschreibung beherrschen – da ist das Kind längst in den Brunnen gefallen. Anfangen muss man auf kleinen wackeligen Beinen und dann vor allem im Kindergarten- und Grundschulalter fördern. Im Zuge von PISA wird ja viel geredet, geändert hat sich in der praktischen Arbeit jedoch wenig: das Geld fehlt an allen Ecken und Enden.
buchmarkt.de: Die Konsequenz?
Birgit Franz: Wir müssen der Wirtschaft klar machen, dass Kinder, die nicht kompetent lesen, schon in den ersten Schuljahren auch in allen anderen Fächern schlechtere Leistungen erbringen – nicht, weil sie dümmer sind, sondern weil sie zu viel Zeit brauchen, die Aufgaben zu verstehen und zu beantworten. Das zieht sich dann wie ein roter Faden durch das lebenslange Lernen. Und jeder, der schon mal eine Fremdsprache gelernt und versucht hat, sein erstes Buch, seinen ersten Zeitungsartikel in Englisch oder Italienisch zu lesen, kann das sofort nachvollziehen. Es ist einfach mühsam. Da sucht man sich was, das mehr Spaß macht. An Alternativen mangelt es ja nicht.
buchmarkt.de: Sind da nicht die Bildungsträger stärker gefordert?
Birgit Franz: Klar, jeder will beim nächsten PISA besser da stehen. Aber wenn es um die praktische Umsetzung geht, kommt es bei angesprochenen Sponsoren schnell zum Offenbarungseid: Hocherhobene Hände: „Sorry, wir würden ja gerne, aber wir haben kein Geld.“ Auch für erfolgreich etablierte Projekte wie das Schulklassenprogramm der Münchner Bücherschau junior, das trotz der erneuten Programmerweiterung wie jedes Jahr völlig überbucht ist. Wir haben in diesem Jahr Lesungen, bei denen wir mehr als 30 Klassen absagen mussten. Das sehe ich mit einem strahlenden und einem weinenden Auge. Hier gibt es ein großes Engagement der Lehrer und Schulen, das es zu nutzen, nicht zu enttäuschen gilt. Es mangelt uns nicht an Erkenntnis, nicht an Räumlichkeiten, nicht an Autoren, sondern an Partnern, die uns helfen, weitere Lesungen zu finanzieren. Eine verpasste Chance!
buchmarkt.de: Wie könnte eine Lobby für die Leseförderung aussehen?
Birgit Franz: Mein Traum wäre ein Solidaritätsbeitrag der Wirtschaft für die Bildung.
In der Praxis wünsche ich mir:
dass wir ein Forum schaffen, auf dem wir der Wirtschaft die Bedeutung der Leseförderung vermitteln können – inkl. den Imagegewinn, den das Unternehmen hat, wenn es etwas für die Bildung von Kindern und damit unser aller Zukunft in Deutschland tut.
dass die Vernetzung weiter wächst. Wir haben vor zwei Jahren in München ein Netzwerk Leseförderung gegründet, seit dem letzten Jahr gibt es auch das Lesenetz Hamburg, mit dem wir in gutem Kontakt stehen. Je enger wir uns verzahnen, desto mehr können wir durch die Bündelung der Kräfte gewinnen.
dass Worten auch Taten folgen. Leseförderung ist relativ kostengünstig. Für den Preis einer Anzeige in einer überregionalen Tageszeitung können Sie in der Leseförderung sehr viel bewegen.
buchmarkt.de: Ihr Fazit?:
Birgit Franz: Zugegeben, es klingt etwas pathetisch, aber geht es bei der Leseförderung in letzter Konsequenz nicht darum, Deutschland für die wirtschaftlichen Herausforderungen der Zukunft fit zu machen? Ein Land wie Indien investiert massiv in die Bildung seiner Bevölkerung, die Folgen erleben wir schon heute auf dem Dienstleistungssektor. Wir sind schon jetzt oft nicht mehr konkurrenzfähig. Wenn wir auch zukünftig erfolgreich im globalen Konzert mitspielen wollen, müssen wir uns auf unsere Stärken als „Denker“ besinnen. Ein Innovationsschub gründet aber immer auf Bildung und Kreativität. Und deren Grundlage ist nun mal das Lesen.