Printausgabe

Zur Webcam
News / Kolumnen / Praxis / Specials / Bestseller / Stellenmarkt / Wer gehört zu wem? / Shop / Titelschutzanzeigen / Mediadaten

Kolumnen


Suche:  ?
Home / Login / Registrierung
150

Rumbergs Randnotiz

12.03.2010 11:25 Medialer Splitt – Oder: vom Leben in Parallel-Welten

„Digital divide“ war vor rund fünf Jahren eines der hippen buzzwords. Man musste es nur mit leichtem Tremolo in der Stimme in ein Gespräch einbauen, sorgenvoll blicken und schon war eines der neuen Weltprobleme benannt: die neue Trennung zwischen Arm und Reich, gebildet und ungebildet, Stadt und Land irgendwie auch Nord und Süd. Vom digital divide ist heute kaum noch die Rede, vielleicht weil er doch nicht ganz so schlimm ist (ein wenig wie „le Waldsterben“), vielleicht aber auch weil wir ihn einfach hingenommen haben. In den vergangenen Monaten habe ich allerdings erfahren: Es gibt ihn doch, diesen Graben, allerdings anders als das damals gemeint war.

Vor rund einem Jahr erzählte ich in meinem neuen (Internet-start-up) Arbeitsumfeld, ich führe in der folgenden Woche nach Leipzig zur Messe. Am nächsten Tag kam einer der Gesprächspartner auf mich zu und sagte: „Sie haben gesagt, dass Sie zur Messe nach Leipzig fahren – aber: es ist doch nächste Woche gar nicht games-convention“. Als ich klarstellte, dass es sich um einen bevorstehenden Buchmessen-Besuch handle, erntete ich einen Blick, der zeigte, dass sich der Gesprächspartner fragte, ob ich möglicherweise Dinosaurier noch persönlich erlebt hätte.

Ein paar Tage später schlenderte ich über die Buchmesse, wurde hin und wieder gefragt, was das denn sei, was ich jetzt täte. Und während ich es erklärte, hatte ich mitunter das Gefühl, die Gesprächspartner schielten hinter mich, um sich zu vergewissern, dass ich nicht ein UFO an der Leine mitführte oder kleine grüne Männchen meinem Rucksack entstiegen.

Na gut, letzteres ist vielleicht ein ganz klein wenig übertrieben. Aber – diese beiden Miniaturen zeigen: wir leben in Parallel-Welten. Dass es Fachjargon gibt, ist nichts Neues. Ein Buchdrucker muss nicht unbedingt wissen, was SEO ist, ein Softwareentwickler sich nicht mit Fakturen beschäftigen und ein Lektor nicht unbedingt von CTP gehört haben. Bedenklich wird es dort, wo Sprachlosigkeit in Unverständnis umschlägt. Wenn die Prediger der Moderne verdrängen, worauf unsere Kultur basiert, oder die Bewahrer des Guten, Schönen und Wahren allzu sehr auf das Bewahren setzen und nicht begreifen, dass nicht nur Englisch schon längst keine Fremdsprache mehr ist, sondern die Grundfertigkeiten des Umgangs mit PC, Internet und Social Media heute ebenso dazugehören wie die Grundrechenarten oder lesen und schreiben zu können. Vielleicht nicht für den Reisbauern in China – oder einen Einsiedler im Bayerischen Wald, aber doch ganz bestimmt für all jene, die – im weitesten Sinne – im Bereich der Medienwirtschaft tätig sind.

In diesem Sinne freue ich mich sehr auf die diesjährigen Buchmessengespräche, denn mein Gesprächspartner vom letzten Jahr, so konnte ich mich überzeugen, liest durchaus Bücher (die er natürlich bei Amazon kauft) – und auf der Buchmesse, da bin ich ganz sicher, wird dieses Jahr eifrig getwittert.

Weitere Kolumnen von Rumbergs Randnotiz