Welche Informationsmittel braucht der Mensch in unserer Zeit eigentlich? Was bekommt man noch mit, wenn man auf bestimmte Kanäle verzichtet? Worauf kann man verzichten, was ist unverzichtbar? Versteht man ohne tägliche Zeitungslektüre bald die Welt nicht mehr – oder lebt man ohne Twitter-Account hinter dem Mond?
Was für CNN der Irak-Krieg, war für Twitter die Notwasserung auf dem Hudson: der Durchbruch. Die Zeit, die Menschen hier, auf Facebook oder anderen „Social Media-Plattformen“ verbringen, steigt kontinuierlich. Gerade in der jüngeren Generation verzichten immer mehr Menschen auf traditionelle Informationsmedien und verlassen sich zunehmend darauf, was Ihnen Ihre „Freunde“ in den sozialen Netzwerken empfehlen.
Fünf französische Journalisten werden sich vom 1. bis 5. Februar einem interessanten Experiment unterziehen: Auf einem Bauernhof im Herzen des Perigord wollen sie fünf Tage lang ausprobieren, was man von der Welt mitbekommt, wenn man sich ausschließlich auf Informationen verlässt, die einen via Twitter oder Facebook erreichen. Auf dem Bauernhof gibt es weder Radio noch Fernsehen oder Zeitungen und auch ihre Smartphones müssen die Journalisten bei Ankunft abgeben. Der Zugang zum Internet, so sehen es die Spielregeln vor, ist ebenfalls beschränkt: Angeklickt werden dürfen nur Beiträge, die einen via Twitter oder Facebook als Link erreichen – von dort darf aber nicht weitergesurft werden.
Eine detaillierte Beschreibung des Projektes findet man auf der Homepage von les radios francophones publics www.radiosfrancophones.org/coproductions-evenementielles-detail.php?copro=82. Auf ihren Sendern werden die fünf Journalisten täglich berichten, was sie für berichtenswert halten (Sendezeiten ebenfalls bei dem angegebenen Link). Außerdem kann man ihnen natürlich via Social-Media folgen. Auf einer Twitter-Liste https://twitter.com/HuisClosNet/lesjournalistes sind die Tweets der fünf zusammengefasst.
Also: Wen die Zukunft der Medien interessiert (und wer des Französischen einigermaßen mächtig ist, denn das ist das einzig wirklich bedauerliche an diesem Spiel: Es findet in einer kleinen Netz-Nische statt – und eben nicht auf Englisch), der sollte sich – falls nicht bereits geschehen – in dieser Woche mit Twitter vertraut machen, damit er von nächstem Montag an dem Experiment live beiwohnen kann. Denn nur so wird man sich vermutlich ein eigenes Bild machen können. Oder ist es allzu zynisch gedacht, wenn man annimmt, dass das Urteil gespalten ausfallen wird – und eigentlich schon vorexperimentell in den jeweiligen Wagenburgen feststeht? Verlegerverbände werden betonen, dass man ja gesehen habe, wie oberflächlich und lückenhaft die fünf Journalisten in diesen Tagen informiert gewesen seien. – Die Evangelisten der Social Media werden versichern: nichts verpasst – und v.a. (via Twitter-Account nachprüfbar) immer „real-time“ informiert.
Warum man dann nicht gleich auf das Experiment verzichtet? – Nun, weil the proof of the cake in the eating liegt – ebenso, wie die Wahrheit vermutlich in der Mitte. Ich selbst habe eine Woche mit einem eher unfreiwilligen Experiment hinter mir: die erste (fast) zeitungslose Woche seit gut dreißig Jahren. – Na gut, die erste zeitungslose während ich ganz normal arbeite und auch sonst am Alltag teilnehme (und eben nicht beim mehrtägigen Bergsteigen oder auch mehrwöchigen Farhrradfahren ganz bewusst auf alle mediale Ablenkung verzichtet habe). Die Süddeutsche Zeitung hatte ohne Ankündigung die Belieferung eingestellt, ich kam nicht dazu neu zu bestellen oder zum Kiosk zu gehen. In der Woche war viel los (auch am Samstag – da allerdings beschwerte sich meine Frau, dass sie gar kein SZ-Magazin hätte – das aber schon am Freitag der SZ beigelegen hatte, also nicht mehr zu kaufen war; sie hat es sich dann bei Nachbarn besorgt). Was geschah, bekam ich durchs Netz oder auch die Top-Nachrichten-Tweets der Tagesschau mit.
Gestern allerdings habe ich mich dann doch über die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gefreut. Nicht nur weil die mich offenbar auch weiterhin beliefert, sondern weil es doch sehr angenehm ist, auf diese Weise einmal in der Woche für ein bis zwei Stunden kompetent erklärt zu bekommen, was gerade in der Welt und im Land so los ist, in Wirtschaft, Sport, Kultur und Politik. Und auch Zeitungsrascheln hat etwas Heimeliges mit dem Tee daneben morgens ganz früh, während es noch dunkel ist und die Kinder nicht spielen wollen oder lärmen.
Vielleicht ist das ja die Zukunft: Einmal in der Woche die gute alte Zeitung für Analyse, Kommentar, Reportage und Hintergrund dessen, was die große weite Welt bewegt. – Am besten am Sonntag, denn da hat man Zeit. Wobei eine gut gemachte Wochenzeitung eben auch nach drei Tagen noch nicht veraltet ist, wie das Beispiel ZEIT zeigt, einer der ganz wenigen Gewinner der gerade veröffentlichten IVW-Zahlen für das vierte Quartal 2009 (alle Tageszeitungen haben verloren). Während der Woche eher der schnelle Nachrichtenkonsum auf elektronischen Wegen, für Pendler in öffentlichen Verkehrsmitteln, vielleicht auch im kleine Papier-Format, wie es die Welt kompakt oder die Frankfurter Rundschau anbieten.