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Rumbergs Randnotiz

20.01.2010 09:09 „Slow Media“ und der Wunsch nach Qualität und Weisheit

Von T.S. Eliot ist dies wunderbare Fragenpaar überliefert: "Where is the wisdom we have lost in knowledge? Where is the knowledge we have lost in information?“ Man ist in unseren Tagen versucht, das Paar zu einer Trilogie zu ergänzen, aus dem Fragenduett ein Fragen-Trio zu machen und hinzuzufügen: „Where is the information we have lost in communication?“ Seit Anfang des Jahres bekomme ich in wachsender Zahl Mails oder Tweets, in denen mir Kollegen, Bekannte, Freunde oder Geschäftspartner diesen link zum Slow Media Manifest www.slow-media.net/manifest schicken. Oft versehen mit Hinweisen wie „unbedingt lesen“ oder „ich kann jeden Satz unterschreiben“ oder „mir aus dem Herzen gesprochen“. Erst habe ich das getan, was man eben mit solchen Links tut: schnell mal angeklickt, überflogen, wieder vergessen. Nach dem dritten Mal las ich den Text dann ganz – noch immer weiß ich nicht so Recht, was ich davon halten soll.

Einerseits ist es ja ganz sympathisch, aber andererseits hatte ich schon immer Probleme mit Manifesten, egal ob früher dem kommunistischen, jüngst dem zum Internet, oder auch Jaron Laniers neuem Buch You are not a gadget, das ebenfalls den Untertitel „A Manifesto“ trägt. Das mag jetzt arg protestantisch klingen, aber da sind mir dann doch Thesen lieber – ob zehn oder 95.

Nun also Slow Media. In Anlehnung an Slow Food, wie man in der Präambel des Manifestes nachlesen kann: „Analog zu Slow Food geht es bei Slow Media nicht um schnelle Konsumierbarkeit, sondern um Aufmerksamkeit bei der Wahl der Zutaten und um Konzentration in der Zubereitung. Slow Media sind auch einladend und gastfreundlich. Sie teilen gerne.“ Slow Media, so liest man, lassen sich nicht nebenbei konsumieren, fördern also das Monotasking, setzen auf Qualität und sind zeitlos. Ist also das Buch quasi der Inbegriff von Slow Media? – Das liegt nahe, zumal wenn man unter 9. liest: „Slow Media werden empfohlen statt beworben: Der Erfolg von Slow Media liegt nicht in einem überwältigenden Werbedruck auf allen Kanälen, sondern in den Empfehlungen in Freundes-, Kollegen- und Familienkreisen. Ein Buch, das man sich fünfmal kauft, um es an die besten Freunde zu verteilen, ist ein gutes Beispiel dafür.“

Also ja: gute Bücher sind Slow Media. Aber: Es gibt auch schlechte (doch, doch …), und die sind weder zeitlos, noch empfiehlt man sie – also keine „Slow Media“, weil durchs Qualitätsraster gefallen. Die Autoren jedoch weisen in Blog-Beiträgen und auf Twitter in den letzten Tagen immer wieder darauf hin, dass durchaus nicht nur Bücher, sondern auch andere mediale Darreichungsformen „Slow Media“ sein können – Slow Media sich also über den Inhalt und nicht über die Vermittlungsplattform definiert.

Inzwischen glaube ich, „Slow Media“ ist ganz einfach nur ein neuer Begriff für Qualität, also ganz einfach so: Slow Media = good Media = Qualität, die man mit Gewinn und Genuss, nein – eben nicht nur konsumiert, sondern sich aneignet. – Vielleicht ja sogar mit einem Zugewinn an Weisheit sich anverwandelt, womit wir wieder bei T.S. Eliot wären.

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