Das Sonntagsgespräch 27.12.2009 00:01
Ulrike Helmer über Frauenliteratur heute

Ulrike Helmer
Seit über zwanzig Jahren verlegt
Ulrike Helmer geisteswissenschaftliche Fachliteratur, Sachbücher und ausgewählte Belletristik. „Unser Selbstverständnis ist es, als unabhängiger Verlag Bücher mit Profil zu machen und ein Auge für die Vielfalt und für ungewöhnliche Themen zu haben – insbesondere für solche, die die Wünsche und Träume von Frauen, ihre Geschichte und Zukunft hervorheben,“ lautet die Philosophie des
Verlags und seiner Verlegerin, die in diesem Jahr zur
BücherFrau des Jahres gewählt worden ist.
buchmarkt.de sprach mit Helmer über die Hoch-Zeiten der Frauenliteratur, den Markt heute und über die
Bücherfrauen.
buchmarkt.de: In den 80er Jahren gab es in zahllosen Städten noch Frauenbuchläden, die einen großen Teil der Programme von Frauenbuchverlagen abnahmen. Heute gibt es kaum mehr solche Läden. Ist es damit schwerer geworden für auf Frauen ausgerichtete Programme?
Helmer: Die 80er Jahre – etwa der wunderbare Frankfurter Frauenbuchladen, in dem ich selbst zehn Jahre lang gearbeitet habe –, das sind vergangene Zeiten. Damals gab es zum Beispiel noch kein Internet! Da hatte solch eine Fachbuchhandlung einen unglaublichen Stellenwert als Ort der Recherche. Heute gibt es für Leserinnen und Leser tausend Möglichkeiten, sich selbst Bücher zu suchen, die sie interessieren. Den Buchladen am Eck hat das ein wenig entzaubert. Andererseits gibt es genug Bücher, mit denen der Buchhandel die Kundschaft noch überraschen kann, weil sie eben nicht überall ausliegen.
buchmarkt.de: Aber haben sich nicht auch die Zeiten geändert? Ist Emanzipation für junge Frauen heute überhaupt noch ein Thema?
Helmer: "Emanzipation" klingt nach lila Stützstrümpfen, und die brauchen junge Frauen sicher nicht! Im nächsten Programm haben wir aber ein Buch von Ulrike Karner über eine junge Muslimin, die sich in eine Frau verliebt: "Allah und der Regenbogen" ... Ich denke schon, dass das für junge Frauen ein brennendes Thema sein kann! Aber natürlich stellen sich feministische Fragen heute anders. Sie zielen auf Globalisierung und Immigration, aufs Lohngefälle zwischen Männern und Frauen, aber auch darauf ab, dass jede Frau selbst entscheiden darf, ob sie Karriere machen oder Kinder haben oder mit einem Mann oder einer Frau leben oder nichts davon will. Was man den Männern auch wünschen möchte.
buchmarkt.de: Man hat, gerade bei jungen Mädchen, manchmal den Eindruck, sie lehnen Frauenthemen schlimmer ab als mancher Mann. Wie erklären Sie sich das?
Helmer: Da kann ich nur Vermutungen anstellen. Vielleicht haben sie zu viel Mario Barth gesehen? Oder es ist so eine Art lautes Singen im Dunklen? Ich meine, vielleicht spüren sie, dass da eine Leiche in ihrem Keller begraben liegt ... Auch Frauen sind ja nur Menschen. Vielleicht wollen sie auch nur nicht in die Halloween-Klamotten steigen, die man jahrzehntelang medienweit aus dem Stoff der Frauenbewegung geschnitten hat. Das könnte ich gut verstehen.
buchmarkt.de: Wie sieht die Zielgruppe für Frauenbuchverlage heute aus?
Helmer: Ich kann nicht für andere Verlage sprechen, dazu sind die Programme zu unterschiedlich. Schon die Zielgruppen meines Verlages sind breit gefächert: Da gibt es Menschen, die sich mit dem Thema "Gender" wissenschaftlich oder politisch auseinandersetzen, auch historisch oder literaturhistorisch Interessierte. Helmer-Sachbücher wenden sich an Frauen und auch Männer, die über sich und die Welt nachdenken. Außerdem haben Frauen sehr viel Humor, selbst dann, wenn sie kaum etwas zu lachen haben. Und Frauen lassen sich beim Lesen gern auf andere Lebenswirklichkeiten ein und finden daher auch durchaus einmal eine lesbische Liebesgeschichte interessant, wenn der Roman sich in dieser Rahmenhandlung nicht erschöpft. Unsere durchweg verkaufsstarken Lesbenromane unserer Autorin Daniela Schenk etwa werden von solchen Frauen gelesen, die auch eben jenen Humor schätzen, von dem ich eben schon sprach.
buchmarkt.de: Es gab in den Hoch-Zeiten echte Bestseller zu Frauenthemen. Schwarzers „Der kleine Unterschied“, Verena Stefans „Häutungen“ und so weiter. Die gibt es heute nicht mehr.
Helmer: Die ersten Frauenbücher hatten – das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen – eine Art Verkündungscharakter. Bei der Lektüre fielen Schuppen von den Augen. Frauen lasen im Erkenntnisfieber. Der Grund ist einfach: Damals war Frauenliteratur das Sprachrohr einer sozialen Bewegung, die vieles ändern wollte und vieles verändert hat. Auch sich selbst. Frauen nehmen heute ihre Individualität und die Unterschiede untereinander sehr viel ernster. Es gibt aber immer noch Bestseller, die Tabus brechen. Der letzte große Tabubruch waren wohl die "Feuchtgebiete". Wobei ich das Buch nicht für ein feministisches halte. Aber das Fieber, das dieses seltsame Werk auslöste, erinnert mich ein wenig an die Wellen von damals.
buchmarkt.de: Kann man heute noch einen Verlag mit einem Frauenprogramm als Fulltime-Job machen? Oder tut man das aus reinem Glauben an die Sache nebenher?
Helmer: Also erstens bin ich weder gläubig noch missionarisch tätig, und zweitens: An Sachen glaube ich schon gar nicht. Drittens – verstehe ich Sie richtig: Sie vermuten, es gäbe bei uns zu wenig zu tun? Nein, Frauenbücher bereiten genauso viel Arbeit wie alle anderen auch. Sie purzeln uns nicht fertig vor die Füße. Jeder Verlag, der seine Aufgabe ernst nimmt, hat ein immenses Pensum zu bewältigen. Ich persönlich versuche mich täglich zu klonen, um noch ein paar Stunden rauszuschlagen ...
buchmarkt.de: Dass in einem Verlag viel Arbeit anfällt, ist klar. Es geht mir aber ganz pragmatisch darum, ob man davon noch leben kann ...
Helmer: Da ich es seit über zwanzig Jahren tue, lautet die Antwort: Man kann - wenn man nicht allzu hohe Ansprüche hat und sich im Spagat übt. Zugleich spart man sich aber auch eine Menge Geld, weil man eher wenig in Urlaub fährt ..
buchmarkt.de: Sie publizieren unter anderem Werke von Autorinnen vergangener Jahrhunderte. Haben Sie den Eindruck, dass diese und ihre Bedeutung noch immer zu wenig wahrgenommen werden?
Helmer: Erst wenn wir die Geschichte zur Kenntnis nehmen, verstehen wir die Gegenwart – von der Zukunft ganz zu schweigen. Speziell in Deutschland gibt es leider eher wenig Interesse an historischen Autorinnen. Was die Vormärz-Schriftstellerin Fanny Lewald, die Autorin unserer ersten Bücher, angeht, hat meine Neuherausgabe ihrer Werke sicher dazu beigetragen, sie wieder bekannter zu machen. Im Frühjahr werden wir übrigens die Biografie einer anderen wichtigen und entdeckenswerten deutschen Autorin vorlegen: Hedwig Dohm, vorgestellt von Isabel Rohner.
buchmarkt.de: Sie sind „Bücherfrau des Jahres 2009“. Wie sieht die Arbeit der Bücherfrauen heute aus? Was wollen und was können sie bewegen?
Helmer: Die Arbeit des Branchenvereins "BücherFrauen e.V." besteht überwiegend darin, an vielen Orten und Anlässen Impulse zur Vernetzung zu geben, so dass Frauen sich positiv auf andere Frauen beziehen können. Das stärkt die eine wie die andere. Ein schönes Beispiel hierfür ist das Mentoring-Programm des Vereins, bei dem es auch darum geht, die Unterschiedlichkeit der Erfahrungshorizonte zu nutzen und sich gegenseitig zu fördern. Es ist ein großer Schatz an Know-how bei den BücherFrauen versammelt, was der gesamten Branche zugute kommt – wenn Frauen ihren Leistungen entsprechend anerkannt werden!
Die Fragen stellte Carolina López.