Oft steht in einer Rezension das Interessanteste ganz am Schluss. Im Fall einer Besprechung, die heute in der Süddeutschen Zeitung (S. 15) in der Rubrik „Politisches Buch“ zu lesen ist darf man sogar sagen: das Interessanteste steht nach der Rezension. Die Stasi nannte mich ‚Reporter’ - Journalist in Ost + West lautet der Titel des bereits Anfang März erschienenen Buches von Uwe Gerig. Dass es nun, mitten im Weihnachtsgeschäft und trotz sich türmender Neuerscheinungen des Herbstes, vierspaltig in einer der in Deutschland redaktionell führenden Tageszeitungen besprochen wird, mag man merkwürdig finden. Einer Erwähnung außerhalb der Redaktionskonferenz des Blattes wäre das nicht Wert gewesen.
Das Bemerkenswerte versteckt sich in den bibliographischen Angaben. Der Verlagsname lautet nicht Siedler, Fischer, Piper, Hanser oder Rowohlt, sondern Books on Demand. Natürlich ist „Print on Demand“ inzwischen ein alter Hut, nahezu alle etablierten Verlage nutzen die Technologie, zum Beispiel, um Bücher, deren Lizenzen sonst ausliefen, lieferbar zu halten. Und auch „books on demand“ mit (theoretischer) Verfügbarkeit im Buchhandel bieten zum Beispiel armen Doktoranden, die in zurückliegenden Jahrtausenden immer hohe Druckkostenzuschüsse einwerben mussten (und sei es bei den Eltern), um Werke herstellen zu lassen, die dann in Bibliotheken ausschließlich von künftigen Doktoranden gelesen wurden, modernere – und viel preiswertere – Veröffentlichungsmöglichkeiten.
Doch was heißt die Besprechung eines solchen Werkes, dessen amazon-Verkaufsrang bei rund 500.000 liegt, und das der sz-shop oder libri.de mit einer Lieferzeit von 3-5 Tagen zu bringen versprechen, in der Süddeutschen Zeitung? Ist „books on demand“ damit im etablierten Kulturbetrieb angekommen? Sind Lektorate künftig gänzlich überflüssig? Wie rechtfertigen Verlage künftig ihre Kostenstrukturen gegenüber den Eigentümern – und die (gegenüber books on demand) prozentual vergleichsweise geringen Honorare gegenüber ihren Autoren? – Kommt „user generated content“ damit auch im Buchmarkt an?